Wirtschaft : 150 JAHRE SIEMENS - "Den Fortschritt Berlins kann man mit Händen greifen"

Hohe Siemens-Wertschöpfung in der Region / Vorstandsvorsitzender lobt Dresden / Verbesserung der Rentabilität bleibt oberstes Ziel

TAGESSPIEGEL: Herr von Pierer, in diesen Tagen wird Bilanz gezogen.Neben dem 150jährigen Firmenjubiläum steht auch ein etwas kleineres Jubiläum auf der Tagesordnung.Seit fünf Jahren leiten Sie den Konzern.Vieles ist auf den Weg gebracht.Welche Hürden aber müssen noch genommen werden? VON PIERER: Wir haben gute Fortschritte gemacht, aber andere auch.Der Wettbewerb wird noch intensiver.Handlungsbedarf gibt es also nach wie vor.Vor allem die Ertragssituation ist noch nicht ganz zufriedenstellend.Wir verdienen zu wenig Geld.2,5 Mrd.DM mag manchem viel erscheinen, aber im internationalen Vergleich liegen wir damit noch im unteren Drittel. TAGESSPIEGEL: An welchen Kriterien messen Sie die Rentabilität? VON PIERER: Unser erklärtes Ziel ist es, die Eigenkapitalrendite von derzeit etwa zehn Prozent auf 15 Prozent im Jahr 2000 zu erhöhen.Nur auf die Umsatz-Rendite zu schauen, wäre nicht richtig.Eine Umsatzrendite von 2,5 Prozent kann durchaus befriedigend sein, wenn der Kapitaleinsatz niedrig ist.Wenn der Kapitaleinsatz aber hoch ist, dann wird bei einer Umsatzrendite von 2,5 Prozent Geld vernichtet.Das ist leider im Moment in verschiedenen Bereichen von Siemens der Fall. TAGESSPIEGEL: Sie haben das Top (=time optimized processes)-Programm bei Siemens eingeführt, das EFA (=Entwicklung, Förderung, Anerkennung)-Programm, weiter sollen folgen.Ist der Kulturwandel noch nicht abgeschlossen? VON PIERER: Der Kulturwandel geht weiter.Klares Ziel dabei bleibt die Ertragssteigerung.Für die nächsten Monate haben wir uns einiges vorgenommen.Top steht ja für Verbesserung von Produktivität, Innovation und Wachstum.Daran arbeiten wir.Jeder muß sein eigener Unternehmer werden, nichts bleibt, wie es ist.Führung ist dabei ein besonderes Thema.Kommunikation, Dialog und Offenheit stehen im Vordergrund. TAGESSPIEGEL: Können Sie Beispiele nennen? VON PIERER: Wir hängen das nicht in jedem Fall an die große Glocke.Aber wir verbessern unseren internen Ablauf kontinuierlich.Ich selber bin regelmäßig auf Betriebsversammlungen.Ich rede mit den Leuten, nehme die Stimmung auf.Wir wollen, daß jeder Mitarbeiter weiß, wie es um das Geschäft steht, in dem er arbeitet. TAGESSPIEGEL: Über 2500 Führungskräfte sind dieser Tage in Berlin zusammengekommen.Welche Rolle spielt Berlin im Jubiläumsjahr noch für den Konzern? VON PIERER: Berlin spielt eine große Rolle.Hier sind unsere Wurzeln.Aber lassen Sie mich das Thema aufgreifen, das unseren Mitarbeitern auch in der Haupstadt Probleme bereitet.Das Stichwort heißt Ausgliederung.Bestimmte Leistungen werden heute von Unternehmen außerhalb des Konzerns kostengünstiger erbracht.Diese Unternehmen sind nicht tarifgebunden.Sie arbeiten länger, flexibler und günstiger, womöglich auch mit Lehrlingen, die Siemens ausgebildet hat.Das ist ein Problem: Wir bilden aus, aber die ausgebildeten Kräfte bleiben nicht, sie gehen vielmehr zu nicht tarifgebundenen Unternehmen, die mit uns in Wettbewerb stehen.Wir hingegen behalten die älteren, teureren Mitarbeiter.Im Moment verhandeln wir mit der Gewerkschaft darüber, wie wir mit diesem Problem fertigwerden.Immerhin kostet uns ein Auszubildender etwa 100 000 DM.Auch die Gewerkschaften müssen begreifen, daß wir uns dem Wettbwerb stellen müssen.Das gilt insbesondere auch für die einfachen Service-Arbeiten von Siemens-Nixdorf. TAGESSPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, daß man in diesem Bereich auch auf Kombi-Löhne zurückgreift, den Staat mit ins Boot holt, damit mehr Beschäftigung im unteren Segment entsteht? VON PIERER: Ich möchte den Staat und Lohnkostenzuschüsse eigentlich nicht im Geschäft haben.Es müssen vielmehr marktwirtschaftliche Lösungen her.Wir brauchen eine größere Flexibilität: Wenn der Flächentarifvertrag nicht flexibler ausgestaltet wird, fliegt er uns eines Tages um die Ohren. TAGESSPIEGEL: Sie sind aber doch für den Flächentarifvertrag, oder? VON PIERER: Ja, aber ich bin auch unbedingt für eine Reform des Flächentarifvertrages. TAGESSPIEGEL: Bei Siemens-Nixdorf spricht die Belegschaft teilweise von Tarifflucht.Sind Ausgliederungen nur die Spitze eines Eisbergs? VON PIERER: Das ist eine sehr wichtige Frage.Wir gliedern ja bereits in mehreren Bereichen aus.Nehmen wir die Installationstechnik mit ihren I-Center oder die Werkstattfertigungen für Schaltanlagen und Mechanik.Dabei geht es um die Zukunft von Handelsorganisationen oder um Aktivitäten, die im Wettbewerb zu Handwerksbetrieben stehen.Diese können nicht länger unter dem Dach des jetzt gültigen Tarifvertrages untergebracht werden. TAGESSPIEGEL: Sie haben in einem Beitrag für den Tagesspiegel erklärt, Siemens werde bis zum Jahr 2000 in Berlin Investitionen bis zu einer Mrd.DM vornehmen? Was fällt alles darunter? VON PIERER: Wir besitzen ja hier eine Reihe von Werken.Da fließt einiges hin, etwa in den Bereich öffentliche Kommunikation, Gasturbinen, aber auch auf dem Gebiet der Verkehrstechnik.Berlin ist stark und soll es auch sein.Wir beschäftigen in der Region etwa 23 000 Menschen, und die Wertschöpfung ist beträchtlich.Außerdem leisten wir mit unserem Projekt "Partner für Siemensstadt" einen Beitrag zu dem notwendigen Umstrukturierungsprozeß in der Hauptstadt.Wir hoffen natürlich, daß diese besonderen Anstrengungen in Berlin auch anerkannt werden, wenn es um die Vergabe von großen Projekten geht, zum Beispiel auf dem Gebiet der Verkehrstechnik. TAGESSPIEGEL: Bleiben wir bei der Verkehrstechnik.Es gibt Schwierigkeiten, allein der Preisverfall... VON PIERER: Wir haben hier auch hausgemachte Probleme.Für gewisse Projekte in Asien haben wir Lehrgeld gezahlt.Wir sind zum einen zu weit mit den Preisen heruntergegangen, andererseits wohl nicht mit der nötigen Erfahrung vorgegangen.Das aber ist Vergangenheit.Unser Auftragseingang ist vorzeigbar.Im Ergebnis wird sich das im nächsten Jahr niederschlagen. TAGESSPIEGEL: Von welchen Bereichen erwarten Sie in der nächsten Zeit die wichtigsten Impulse? VON PIERER: Wir sind führend in der Automatisierungstechnik.Ich erwarte mir weitere Fortschritte von der Telekommunikation.Die öffentliche Nachrichtentechnik ist außerordentlich erfolgreich auf den Weltmärkten.Noch vor einigen Jahren haben wir hier 80 Prozent im Inlandsgeschäft erwirtschaftet, heute sind es 80 Prozent im Auslandsgeschäft.Viele technische Entwicklungen sind im Gange, die jetzt auch in die Nähe der Produktreife kommen.Außerdem dürfte das Tal bei der Mikroelektronik bald durchschritten sein.Die Nachfrage dürfte wieder steigen, die Preise werden sich dann entsprechend stabilisieren.Im übrigen sind die Investitionen für die neuen Werke bald bewältigt.Ich denke nur an Dresden.Was sich hier entwickelt, erfüllt mich wirklich mit großer Freude.Die Leute sind außerordentlich tüchtig und das Ergebnis vorzeigbar. TAGESSPIEGEL: Wie bewerten Sie die Arbeit in den deutschen Werken im Vergleich zum Ausland? VON PIERER: Was die Produktivität angeht, sind wir hierzulande sicher noch immer besser als an vielen Stellen im Ausland.Das Qualitätsbewußtsein ist ausgeprägt.Die Facharbeiterausbildung, das Duale System, ist für den Standort Deutschland ein großer Wettbewerbsvorteil.Aber andere holen auf. TAGESSPIEGEL: Wie steht es mit der Forschung und Entwicklung? VON PIERER: Von unseren 45 000 Entwicklern sind zwei Drittel aus Deutschland.Und es ist unumstritten, daß auch in Zukunft anspruchsvolle Technik aus Deutschland kommt.Andererseits sind Entwicklungsarbeiten im Ausland billiger.Aber das allein ist es nicht.Ich bin davon überzeugt, daß Entwicklungsarbeit auch markt- und kundennah geleistet werden muß.Wissen fällt weltweit an, nicht nur in Deutschland.Wer sich etwa auf dem Gebiet der Telekommunikation oder der Informationstechnik tummeln will, ist gut beraten, ein wirklich starkes Bein in den USA zu haben. TAGESSPIEGEL: Behält Siemens auf Dauer sein Standbein in Deutschland? VON PIERER: Ja.Wir sind stolz auf jeden Mitarbeiter, den wir hier haben und auch darauf, daß wir im Inland Steuern zahlen.Sicher wird Deutschland mit rund 200 000 der insgesamt 400 000 Beschäftigten für uns eine zentrale Bedeutung behalten. TAGESSPIEGEL: Und Berlin? VON PIERER: Berlin ist für uns immer ein wichtiger Standort gewesen und es wird auch in Zukunft ein wichtiger Standort sein.Wir sind uns völlig bewußt, daß die Umstrukturierung in Berlin manchen zu schnell geht, und daß das zu Verwerfungen geführt hat, wahrscheinlich noch weiter führen wird.Aber ich sage Ihnen eines: Ich habe immer gedacht, mehr Kräne auf einer Quadratmeile als in Südchina gibt es nicht.Wenn ich durch Berlin gehe, sehe ich: Es ist doch möglich.Den Fortschritt der Stadt kann man ja mit den Händen greifen.

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