Wirtschaft : 3,1 Millionen Haushalte sind überschuldet

Schuldenreport: Folge der hohen Arbeitslosigkeit / Sozial- und Verbraucherverbände beklagen mangelnde Beratung

Corinna Visser

Berlin - In Deutschland sind so viele Menschen überschuldet wie noch nie. Mehr als 3,13 Millionen private Haushalte können ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen. Das geht aus dem Schuldenreport 2006 hervor, den Verbraucher- und Wohlfahrtsverbände am Mittwoch in Berlin vorgestellt haben. Die Hauptgründe für die Überschuldung sind im Westen Arbeitslosigkeit (23 Prozent), Scheidung und gescheiterte Selbstständigkeit. Im Osten ist es ebenfalls die Arbeitslosigkeit (46 Prozent), an zweiter Stelle liegt hier ein dauerhaft niedriges Einkommen. Nur einem Bruchteil der Betroffenen gelinge es, sich von den Schulden wieder zu befreien. Ein Hauptgrund seien zu wenige Schuldnerberatungsstellen, sagen Caritas, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz und der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Dabei sei der Ausbau der Schuldnerberatung im Interesse der öffentlichen Hand: „Ein Euro für die Beratung kann zwei Euro Sozialhilfe sparen“, sagte VZBV-Chefin Edda Müller. Zu diesem Ergebnis kam 2003 eine Studie für das Land Berlin.

Die Zahl der überschuldeten Haushalte hat sich damit seit der Veröffentlichung des ersten Schuldenreports im Jahr 1993 bis zum Jahr 2002 (aktuellere Zahlen liegen nicht vor) mehr als verdoppelt. Mit 11,3 Prozent ist die Quote der überschuldeten Haushalte in Ostdeutschland laut Report deutlich höher als im Westen mit 7,2 Prozent. Haushalte im Osten haben mehrheitlich (52 Prozent) Gesamtschulden bis 10 000 Euro, im Westen haben 53 Prozent Schulden zwischen 10 000 und 50 000 Euro. Zu rund 70 Prozent sind Banken und Sparkassen die Gläubiger. Es folgen Versandhandel, Versicherer, Telekommunikationsanbieter, Energielieferanten und Vermieter.

Zwar gibt es seit 1999 das Verbraucherinsolvenzverfahren (s. Kasten) mit dem sich zahlungsunfähige Haushalte von ihren Schulden befreien können. Doch wegen langer Wartezeiten habe nur jeder achte Betroffene Zugang zu einer der knapp 1200 Beratungsstellen. Grund sei die unzureichende Finanzierung der Schuldnerberatungen, beklagen die Verbände. Nach ihrer Auffassung ist das Verbraucherinsolvenzverfahren zudem „gerade für die Ärmsten der Armen zu bürokratisch und zu langwierig“.

In Berlin, so schätzt die Senatsverwaltung für Soziales, sind etwa 165 000 Haushalte überschuldet. Gezählt wird zum Beispiel, wer in den rund 20 Beratungsstellen vorspricht. Waren es Mitte 2003 noch rund 9000 Klienten, die sich in fester Beratung befanden, lag die Zahl Mitte 2005 schon bei 11 200. „Die Problematik geht durch alle Gesellschaftsschichten“, sagt der Leiter der Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale Berlin. Hauptursache für Überschuldung ist auch hier Arbeitslosigkeit. 2005 hat Berlin die Mittel für die Beratungsstellen in den Bezirken um eine Million auf fünf Millionen Euro pro Jahr aufgestockt. Im Vorjahr ermittelte die Kreditauskunft Schufa für den Senat, wie die überschuldeten Haushalte auf die Stadt verteilt sind: In Neukölln gibt es laut Schuldenkompass mit einem Anteil von 7,5 Prozent an der Bevölkerung über 18 Jahren die meisten überschuldeten Bewohner. In Steglitz/Zehlendorf sind es mit 3,4 Prozent die wenigsten.

Die Verbände forderten von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Thema Überschuldung zur Chefsache zu machen und eine „Task Force“ einzurichten.

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