Wirtschaft : 30 Antworten zur Zukunft von Schering

Der Berliner Pharmakonzern soll durch den Konkurrenten Bayer übernommen werden – was Aktionäre und Mitarbeiter wissen sollten

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1. MÜSSEN DIE 135 000 AKTIONÄRE SICH JETZT GLEICH ENTSCHEIDEN, OB SIE IHRE SCHERING-AKTIEN VERKAUFEN?

Aktionärsschützer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz raten dazu, erst einmal die Schering-Hauptversammlung und die aktuellen Quartalszahlen am heutigen Mittwoch abzuwarten.

2. WIE LANGE HABEN AKTIONÄRE ZEIT?

Die erste Frist zur Annahme der Übernahmeofferte läuft noch bis zum 31. Mai, also noch sechs Wochen.

3. WAS BIETET BAYER?

Der Pharmakonzern will 86 Euro in bar für jede Schering-Aktie zahlen, das macht insgesamt 16,5 Milliarden Euro.

4. LOHNT ES SICH JETZT NOCH, SCHERING-AKTIEN ZU KAUFEN?

Das Papier ist teuer, das Bayer-Angebot liegt 39 Prozent über dem Schlusskurs der Schering-Aktie vor den ersten Übernahmespekulationen Anfang März. Am Dienstag kostete die Aktie 86,05 Euro. Einige Hedge-Fonds spekulieren auf eine Abfindung, die höher liegt als die Bayer-Offerte, und haben in der vergangenen Woche Aktien gekauft. Privatanleger sollten sich bewusst sein, dass das Risiko, hoch ist und der Kurs fallen kann.

5. WAS MUSS MAN TUN, UM DIE BAYER-OFFERTE ANZUNEHMEN?

Bis zum Ende der Frist, also spätestens bis Ende Mai, muss man gegenüber der Depot führenden Bank eine schriftliche Annahmeerklärung abgeben.

6. UND WANN KOMMT DAS GELD?

Dann, wenn die Übernahme vollzogen ist, und das soll bis Ende Juni der Fall sein. Vier bis acht Bank-Arbeitstage später wird gezahlt.

7. IST ES SCHLAU, ZU VERKAUFEN?

Das muss jeder selbst entscheiden. So hoch wie im Moment war der Preis der Schering-Aktie aber noch nie. Vorstand und Aufsichtsrat von Schering haben den Aktionären gestern empfohlen, zu verkaufen. Das Angebot spiegele „in angemessener Weise das Potenzial und die Zukunftsaussichten von Schering“ wider.

8. WIE VIELE AKTIEN BRAUCHT BAYER, UM SCHERING KAUFEN ZU KÖNNEN?

Bayer hat als Voraussetzung genannt, dass mindestens 75 Prozent des Grundkapitals der Schering AG bis Ende Mai Bayer gehören und dass die Kartellbehörden grünes Licht geben.

9. IST DENN WIDERSTAND DER KARTELL-BEHÖRDEN ZU ERWARTEN?

Nach Angaben Bayers nicht. Der Konzern erwartet die Zustimmung bis zum Ende des zweiten Quartals.

10. WAS PASSIERT MIT DEN AKTIONÄREN, DIE NICHT VERKAUFEN WOLLEN?

Sie bleiben ganz normale Aktionäre, ihre Papiere werden bis auf Weiteres weiter gehandelt. Wenn der Streubesitz-Anteil allerdings unter fünf Prozent fällt, hat Bayer das Recht, diese Aktionäre aus dem Unternehmern herauszukaufen. Das nennt man Squeeze-out. Sie erhalten dann eine Zwangsabfindung.

11. BEKOMMEN AKTIONÄRE, DIE BIS ENDE MAI NICHT VERKAUFEN WOLLEN, EINE ZWEITE CHANCE?

Ja, wenn es Bayer gelingt, bis dahin 75 Prozent der Schering-Aktien zu kaufen. Es gibt dann eine weitere Annahmefrist, voraussichtlich vom 9. bis zum 22. Juni.

12. WO GIBT ES NOCH MEHR INFORMATIONEN?

Die detaillierten Angebotsunterlagen stehen im Internet (www.bayer.de) oder können über die gebührenfreie Telefonhotline 0800/6464833 bei Bayer bestellt werden.

13. WAS WIRD AUS DEN BELEGSCHAFTSAKTIEN?

Belegschaftsaktien sind im Prinzip Aktien wie jede anderen auch. Sie werden nach Schering-Angaben zu gegebener Zeit, also wohl im Juni, entsperrt – dann können die Mitarbeiter entscheiden, ob sie verkaufen wollen oder nicht.

14. KÖNNTEN SCHERING-MITARBETER MIT BELEGSCHAFTSAKTIEN DIE ÜBERNAHME BLOCKIEREN?

Nein, dazu ist der Anteil viel zu gering.

15. WER IST GRÖSSTER EINZELAKTIONÄR VON SCHERING?

Die Allianz-Versicherung mit rund elf Prozent. Der Münchener Konzern hat sich aber noch nicht dazu geäußert, ob der Schering-Anteil abgestoßen wird.

16. WIE SICHER IST ES, DASS DIE ÜBERNAHME GELINGT?

Ziemlich sicher. Vorstand und Aufsichtsrat von Schering haben gesagt, dass sie mit Bayer zusammen arbeiten wollen – wenn sie schon nicht allein weitermachen können. Die erste Übernahmeofferte des Konkurrenten Merck hatten sie zuvor ausgeschlagen.

17. KÖNNTE NOCH EIN WEITERES UNTERNEHMEN FÜR SCHERING BIETEN?

Das ist sehr unwahrscheinlich, da Schering klar gemacht hat, dass es mit Bayer zusammengehen will. Ein weiterer Bieter hätte wenig Chancen. Außerdem ist der Preis, den Bayer bietet, schon sehr hoch.

18. WIE SOLL DAS NEUE UNTERNEHMEN HEISSEN?

Die Schering AG und der bisherige Pharmabereich von Bayer, mit einem Gesamtumsatz von neun Milliarden Euro, sollten als eigenständige Sparte des Teilkonzerns Bayer Health-Care unter dem Namen Bayer- Schering-Pharma zusammengeführt werden. Sitz soll Berlin sein.

19. WER WIRD CHEF DES FUSIONIERTEN KONZERNS?

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird der jetzige Bayer-Vorstandsvorsitzende Werner Wenning auch Chef des Gesamtunternehmens. Dass Schering-Chef Hubertus Erlen bleibt, gilt als unwahrscheinlich.

20. WAS VERÄNDERT SICH IN BERLIN?

Was und wie viel künftig noch in Berlin produziert und geforscht wird, ist noch nicht bekannt. Wenn die Übernahme gelingt, verliert Berlin aber wahrscheinlich sein einziges Dax-Unternehmen.

21. FLIEGT SCHERING NACH DER ÜBERNAHME DENN AUS DEM INDEX RAUS?

Das ist wahrscheinlich. Für die Mitgliedschaft im Dax gibt es zwei Kriterien: Umsatz und Marktkapitalisierung (Börsenwert). Die Marktkapitalisierung ergibt sich, wenn man den Aktienkurs des Unternehmens mit der Stückzahl der gehandelten Aktien multipliziert. Je mehr Aktien Bayer kauft, desto geringer ist der Streubesitz, desto geringer ist auch die Marktkapitalisierung. Nach Berechnung von Analysten wird Schering aus dem Dax fliegen, wenn der Streubesitz unter 18 Prozent sinkt. Dem Pharmakonzern Merck oder Sportschuhhersteller Puma werden die besten Chancen eingeräumt, in die Börsen-Oberliga nachzurücken.

22. WAS HAT DIE TONNENSCHWERE ASPIRIN-SKULPTUR VOR DEM REICHSTAG MIT DER SCHERING-ÜBERNAHME ZU TUN?

Gar nichts. Sie gehört zur FußballWM-Kampagne „Land der Ideen“. Eine der großen Ideen der Vergangenheit war Bayers Schmerztablette Aspirin.

23. MÜSSEN BERLINER ANGST UM IHREN JOB HABEN?

Ja, genauso wie die Bayer-Mitarbeiter. Insgesamt sollen 6000 Stellen abgebaut werden, das ist jeder zehnte Arbeitsplatz im Pharmabereich beider Unternehmen. Wen es trifft, ist noch offen, der Schering-Betriebsrat befürchtet aber, dass kein Bereich geschont wird. Bayer hat versprochen, den Arbeitsplatzabbau „fair und ausgewogen“ vorzunehmen.

24. WAS SOLLTEN SCHERING-MITARBEITER JETZT TUN?

Abwarten, was kommt. Und auf keinen Fall von sich aus kündigen oder einen anderen Job annehmen. Wer von sich aus kündigt oder einen Aufhebungsvertrag unterschreibt, ohne einen neuen Job zu haben, bekommt drei Monate lang kein Arbeitslosengeld. Und setzt seine Abfindung aufs Spiel.

25. WAS WIRD AUS DER SCHERINGBETRIEBSRENTE?

Nach Angaben des Betriebsrats soll es eine Anpassung zwischen Schering und Bayer geben, über die verhandelt wird.

26. WO KANN MAN SICH INFORMIEREN?

In Medien, auf Betriebsversammlungen, im Betriebsrat, im Schering-Intranet und bei Vorgesetzten.

27. WOHER KOMMEN DIE 16,3 MILLIARDEN EURO, MIT DENEN BAYER SCHERING KAUFEN WILL?

Die Milliardenübernahme soll durch Eigenkapital und neue Schulden finanziert werden, geplant ist auch der Verkauf von zwei Bayer-Tochterfirmen der Kunststoff-Sparte Material Science.

28. KANN ES SEIN, DASS BAYER TEILE VON SCHERING EINFACH WEITERVERKAUFT?

Bayer-Chef Werner Wenning hat eine Zerschlagung Scherings im Tagesspiegel-Interview „für den Augenblick“ ausgeschlossen. Die Formulierung lässt aber eine Rückzugsoption offen.

29. WAS HAT BAYER VON DER ÜBERNAHME?

Der Konzern will unter die größten Zehn der Pharma-Weltrangliste aufsteigen, zumindest unter den Spezialitäten Anbietern. Und ab 2009 sollen jährlich 700 Millionen Euro eingespart werden, vor allem durch Personalkürzungen.

30. SPONSERT BAYER BALD HERTHA?

Der Sportbeauftragte des Bayer-Werks war bis jetzt noch nicht auf Erkundungstour auf Berliner Sportplätzen unterwegs. Und sagt im Übrigen, dass Bayer zwischen Sport und Akquisition immer sauber trennt. Also wird Hertha wohl auch in Zukunft ohne Bayer auskommen müssen. pet/hej/SB

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