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Abgasaffäre bei Volkswagen : Diesel-Skandal kostet VW in den USA mehr als 15 Milliarden Dollar

Zur Wiedergutmachung steht der VW-Konzern in den USA vor einem historischen Vergleich mit den Behörden. Diesel-Kunden sollen mit bis zu 10.000 Dollar entschädigt werden.

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Der Diesel-Skandal in den USA könnte für VW erheblich teurer werden. Foto: dpa
Der Diesel-Skandal in den USA könnte für VW erheblich teurer werden.Foto: dpa

VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hatte schon vor einer Woche bei der Hauptversammlung in Hannover vor höheren finanziellen Risiken gewarnt, die Volkswagen in den USA drohen könnten. Nichts, so Pötsch, dürfe bis Dienstag aus den Vergleichsverhandlungen mit den US-Behörden nach außen dringen. Doch alles Schweigen hat nicht geholfen. Die Befürchtung des ehemaligen VW-Finanzchefs bewahrheitet sich: Statt der erwarteten zehn Milliarden Dollar muss VW mehr als 15 Milliarden Dollar zur Behebung des Diesel-Schadens in den USA zahlen. Verschiedene Medien und Agenturen hatten am Dienstagmorgen über die Summe berichtet, VW hüllte sich zunächst weiter in Schweigen. Am Nachmittag gab es dann Klarheit.

Die Gesamtsumme des Vergleichs mit der US-Umweltbehörde EPA und den klagenden Besitzern von Diesel-Autos beläuft sich auf 14,733 Milliarden Dollar, wie den mehrere hundert Seiten umfassenden Unterlagen zu entnehmen ist, die am Dienstag bei einem Gericht in San Francisco eingereicht wurden. Dies ist der teuerste Vergleich, den ein Autohersteller bislang wegen Vergehen in den USA mit Behörden schließen musste.

"500.000 Amerikaner unwissentlich zu Komplizen gemacht"

Laut US-Justizministerium hat der Skandal historische Ausmaße. Verbraucher hätten VW vertraut und seien bitter enttäuscht worden, sagte Vize-Generalbundesanwältin Sally Q. Yates in Washington. „Sie haben über 500 000 Amerikaner unwissentlich zu Komplizen gemacht.“ Yates bestätigte den Eingang des Dokuments bei Gericht in San Francisco.

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Abgasskandal: VW einigt sich mit US-Behörden
Abgasskandal: VW einigt sich mit US-Behörden

Danach sind gut zehn der 14,7 Milliarden Dollar für den Rückkauf oder Leasingrücknahmen von fast einer halben Million manipulierter VW-Dieselautos mit 2,0-Liter-Motoren vorgesehen. Dabei handelt es sich allerdings um eine Obergrenze: Lassen Volkswagen-Kunden ihren Diesel reparieren, bekommen sie von Volkswagen zwischen 5100 und 10 000 Dollar Schadenersatz. Zudem hat sich Volkswagen nach eigenen Angaben mit mindestens 44 Bundesstaaten auf einen separaten Vergleich geeinigt, der den Konzern 603 Millionen Dollar kosten wird. Damit werden Verbraucherschutzklagen vermieden, wie VW mitteilte. 2,7 Milliarden Dollar bringt der Konzern in den kommenden drei Jahren für Zahlungen in einen Umweltfonds auf sowie Investitionen in Null-Emissions- Fahrzeuge in den kommenden zehn Jahren.

VW-Chef: Noch viel tun, um Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen

„Wir wissen das konstruktive Zusammenwirken aller Beteiligten zu schätzen und sind unseren Kunden sehr dankbar für ihre Geduld auch im weiteren Verlauf dieses Verfahrens“, teilte VW-Chef Matthias Müller mit. Man sei sich bewusst, dass Volkswagen noch viel tun müsse, „um das Vertrauen der Menschen in Amerika zurückzugewinnen“.

An der Börse wurde der Vergleich, der noch nicht rechtskräftig ist, solange der zuständige US-Richter Charles Breyer dem Entwurf nicht zustimmt, positiv gewertet. Nun sei die Lage in den USA weniger unsicher, hieß es bei Analysten. Die VW-Aktie stieg um 3,4 Prozent.

Volkswagen hatte vor neun Monaten auf Druck der US-Umweltbehörden zugegeben, Abgaswerte mit einer Software manipuliert zu haben. Am Dienstag lief die vom Bezirksgericht in San Francisco gesetzte Frist ab, bis zu der die Kläger einen mit dem Konzern ausgehandelten außergerichtlichen Vergleich präsentieren sollten, wie die Manipulation von Dieselabgasen technisch behoben und die US-Kunden entschädigt werden sollen. Es wird damit gerechnet, dass VW weitere fünf Milliarden Euro für die Schadensbeseitigung in Europa aufbringen muss, wo insgesamt 8,5 Millionen Fahrzeuge betroffen sind.

Verbraucherschützer fordert Engagement der Bundesregierung

Angesichts der Ungleichbehandlung von US- und deutschen Kunden fordert der oberste deutsche Verbraucherschützer ein stärkeres Engagement der Bundesregierung. „Die Bundesregierung ist gefordert, sich konsequent für Verbraucherbelange einzusetzen. Betroffene Kunden müssen angemessen entschädigt werden“, sagte Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, dem Tagesspiegel. Strafen und Zahlungen an Geschädigte von bis zu 10 000 Dollar seien ein deutliches Zeichen, dass die USA Abgasbetrügereien nicht tolerierten, betonte Müller. Die hohen Zahlungen in den USA zeigten, dass das Rechtssystem dort Betrügereien und Tricksereien hart bestrafe. „Leider lehnt VW eine Entschädigung europäischer Verbraucher weiterhin ab“, kritisierte Müller. „Auch in Deutschland haben wir offenkundig Kunden zweiter Klasse.“

Volkswagen hat wiederholt deutlich gemacht – und am Dienstag erneut bekräftigt –, dass eine Entschädigung wie in den USA in Europa und damit auch in Deutschland nicht infrage komme. Einige Anwaltskanzleien haben sich dennoch zum Ziel gesetzt, auch für betroffene Autobesitzer in Europa Schadenersatz zu erstreiten. Die Erfolgsaussichten sind aber aufgrund der unterschiedlichen Rechtssysteme ungewiss.

Volkswagen hält Rückstellungen für ausreichend

Fraglich ist, ob die Rückstellungen von mehr als 16 Milliarden Euro, die VW für Rückrufe, Reparaturen und Rückkäufe von weltweit elf Millionen Diesel-Fahrzeugen sowie andere Schadenersatzleistungen gebildet hat, ausreichen werden. Rechtsanwalt Andreas Tilp, der milliardenschwere Klagen institutioneller VW- Anleger betreut, glaubt, dass weitere rund 5,5 Milliarden Euro notwendig sind, um alle Schäden zu beheben. „Die bisherigen Rückstellungen der Volkswagen AG für die „Dieselthematik“ reichen nicht aus“, teilte Tilp am Dienstag mit. Analysten rechnen mit einem Gesamtschaden für Volkswagen in Höhe von rund 30 Milliarden Euro.

Nachbesserungsbedarf bei den Rückstellungen sieht Volkswagen indes nicht: Der erzielte Vergleich in den USA bewege sich im Rahmen der bereits veröffentlichten Rückstellungen und sonstigen finanziellen Verpflichtungen, erklärte Finanzvorstand Frank Witter am Dienstag. „Wir sind in der Lage, die Konsequenzen zu beherrschen.“ Der angestrebte Vergleich mit US-Behörden und -Klägern bedeute aber eine „sehr erhebliche Bürde für das Geschäft“, räumte Witter ein. mit hej, dpa, rtr

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