Wirtschaft : Adtranz-Verkauf: Bombardier wird größter Schienenfahrzeugbauer der Welt

Durch die Übernahme von Adtranz wird der Bombardier-Konzern der größte Schienenfahrzeughersteller der Welt. Bislang rangierten die Kanadier auf Platz vier in der Weltrangliste hinter Adtranz, der französischen Alstom und Siemens. Der Mischkonzern Bombardier, der darüber hinaus in den Sparten Flugzeugbau (Regionalflugzeuge, Business-Jets) und Freizeitfahrzeuge (Pistenbullis) aktiv ist, ist erst seit rund 25 Jahren in der Eisenbahntechnik tätig. Durch gezielte Zukäufe, vor allem in Europa, wurde die Bahntechniksparte in den vergangenen Jahren zügig ausgebaut. In Deutschland erwarb der Konzern 1995 Talbot in Aachen, 1998 den früheren Treuhandbetrieb Deutsche Waggonbau (DWA) dazu. Rund 4500 Mitarbeiter arbeiten für den Konzern in Deutschland, weltweit zählt die Bahnsparte 16 000 Mitarbeiter. Weitere Werke gibt es in Großbritannien, Belgien, Frankreich und der Schweiz. chi

Berlin (chi). Der erwartete Verkauf von Adtranz, der seit Jahren defizitären Schienenfahrzeugsparte des Daimler-Chrysler-Konzerns, an die kanadische Bombardier-Gruppe ist perfekt. Am Freitag teilten beide Konzerne mit, dass Bombardier die gesamten Aktivitäten von Adtranz zum Kaufpreis von 790 Millionen Euro, gut 1,5 Milliarden Mark, übernehmen wird. Bombardier werde aber voraussichtlich die Sparten Signaltechnik und Bahnfahrwegsysteme, an denen es kein Interesse habe, weiterverkaufen, Verhandlungen liefen, sagte ein Sprecher. Doch auch ohne diese Sparten wird Bombardier der mit Abstand größte Schienenfahrzeughersteller der Welt mit einem Umsatz von rund zehn Milliarden Mark und knapp 40 000 Beschäftigten weltweit. Der Deal steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Kartellbehörden.

Die Börse reagierte gleichwohl enttäuscht, die Daimler-Chrysler-Notierung veränderte sich kaum. Allgemein war ein weit höherer Verkaufspreis erwartet worden. Anfang 1999 hatte Daimler-Chrysler für die Übernahme des 50-Prozent-Anteils des Partners ABB an dem damals noch gemeinsamen Joint-Venture Adtranz 472 Millionen Dollar gezahlt - hochgerechnet wurde der Wert des Unternehmens einschließlich der mittlerweile erfolgten Restrukturierungen deshalb auf mindestens 900 Millionen Dollar, rund 1,8 Milliarden Mark geschätzt. Noch am Freitag hatte das "Wall-Street-Journal" unter Berufung auf Unternehmensquellen einen Kaufpreis von 1,5 Milliarden Euro, knapp drei Milliarden Mark, berichtet. Albrecht Denninghoff, Analyst der Bankgesellschaft Berlin, bezeichnete es gleichwohl als positiv, "dass das Kapitel Adtranz für Daimler-Chrysler jetzt beendet ist". Adtranz hatte in den vergangenen drei Jahren Verluste von insgesamt mehr als zwei Milliarden Mark eingefahren. Angesichts des noch anstehenden Restrukturierungsaufgaben bei Adtranz und des allgemein schwierigen Schienenfahrzeugmarktes hätte der Konzern "noch einige Jahre warten müssen, um einen höheren Kaufpreis zu erzielen", sagte Denninghoff dem Tagesspiegel. Langfristig werde die Aktie davon profitieren, dass sich der Konzern nun auf sein eigentliches Geschäft, den Automobilbau, konzentriere, was vor allem von den amerikanischen Aktionären seit langem gefordert wurde.

Daimler-Chrysler-Vorstand Jürgen Schrempp verwies nach der Entscheidung darauf, dass Adtranz an ein Unternehmen verkauft werde, "zu dessen Kerngeschäft die Bahnaktivitäten gehören." Bombardier sei "am besten geeignet, Adtranz in eine erfolgreiche Zukunft zu führen". Zugleich verteidigte er den Kaufpreis: Für Daimler-Chrysler werde der Verkauf einen positiven Effekt auf das Ergebnis haben, sagte er. In der Konzernbilanz ist Adtranz mit einem Wert von 506 Millionen Euro ausgewiesen.

Insgesamt ergänzen sich Adtranz und Bombardier gut. Die Kanadier, die mit ihrer Bahnsparte 1999 bei einem Umsatz von umgerechnet 4,8 Milliarden Mark weltweit einen Gewinn von 235 Millionen Mark erzielten, sind stark in Amerika, Adtranz hingegen in Europa. Bombardier ist stark im Bahnbau, Adtranz bringt nun die fehlenden Expertise in der Antriebstechnik hinzu. Beide Unternehmen kooperieren zudem in Deutschland bereits beim ICE oder der neuen S-Bahn für Berlin.

Doch vor allem in Deutschland gibt es Überschneidungen. Bombardier verfügt hier nach der Übernahme von Talbot in Aachen 1995 sowie dem früheren Treuhandunternehmen Deutsche Waggonbau (DWA) 1998 über mehrere Werke mit rund 4500 Beschäftigen, kämpft aber - ebenso wie Adtranz - mit Überkapazitäten. Im vergangenen Jahr kündigte der Konzern deshalb an, in den deutschen Werken 1130 der damals noch 5100 Arbeitsplätze bis Ende 2000 abzubauen. Auch Adtranz steckt im Restrukturierungsprozess: Sechs Werke, darunter die Fertigung in Nürnberg, werden geschlossen, 3000 Stellen gestrichen.

Die Belegschaft befürchtet nun wegen der erwarteten "Synergieeffekte" einen weiteren Stellenabbau sowie Standortstilllegungen. "Damit müssen wir rechnen", sagte Michael Wobst, Chef des Gesamtbetriebsrates von Adtranz, dem Tagesspiegel. Überschneidungen gebe es in der Endmontage, beim Wagenkastenbau und der Drehgestellfertigung. Vor allem das Werk Hennigsdorf bei Berlin, der größte Adtranzstandort, werde dies treffen. "Klare Aussagen" des neuen Eigners habe man aber noch nicht bekommen, sagte Wobst.

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