Wirtschaft : „Ältere müssen mehr Krankenversicherung zahlen“

Andreas Köhler, Chef der Kassenärzte, über sinkende Beiträge und andere „Märchen“

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Herr Köhler, die Menschen bezahlen beim Arzt immer mehr selbst. Dennoch steigen die Krankenkassenbeiträge wieder. Verdienen die Ärzte zu viel?

Nein, auf gar keinen Fall. Seit elf Jahren ist der Anteil der Ausgaben für die ambulante Versorgung – für die 136 000 Ärzte und Psychotherapeuten – gleich geblieben. Die ambulante Versorgung macht 15,8 Prozent der Gesundheitsausgaben aus. Der Preistreiber sind die Arzneimittel und damit letztlich die Pharmaindustrie. Und der stationäre Bereich. Das liegt aber nicht an den Klinikärzten, sondern an den Überkapazitäten, die wir im Krankenhausbereich vorhalten.

Verschreiben die Ärzte zu teure Medikamente?

Nein, wir verordnen doch bereits viele Generika …

…Nachahmerprodukte, die billiger sind als die Originalpräparate …

… und wir sind, was unser Verordnungsverhalten betrifft, kostenbewusst. Die Sparpotenziale, die noch bestehen, sind gering. Was die Preise in die Höhe treibt, sind die Innovationen. Aber wenn wir die Lebensqualität der Versicherten in Deutschland verbessern wollen, müssen wir akzeptieren, dass wir mit Pharmainnovationen arbeiten müssen, die mehr Geld kosten.

Die Regierung geht an diesem Montag und Dienstag in Klausur und will sich über die Gesundheitspolitik verständigen. Lässt sich das System überhaupt kurieren?

Wir müssen ein paar Dinge akzeptieren. Wir müssen froh sein, wenn wir Beitragssätze stabilisieren können. Die Mär von der Beitragssatzsenkung wird nur dann funktionieren, wenn der Patient mehr aus eigener Tasche zuzahlt. Und – was ganz wichtig ist – wir dürfen in der gesetzlichen Krankenversicherung keine Schuldenberge mehr schaffen und auf die nächste Generation verlagern.

Was heißt das konkret?

Die ältere Generation muss in der Krankenversicherung stärker belastet werden als die jüngere. Das ist in einer überalterten Gesellschaft natürlich politisch nur ganz schwer durchzusetzen.

Noch mal: Die älteren Versicherten sollen höhere Beiträge zahlen?

Ja. Wir müssen die Probleme der Demographie lösen. Vier Arbeitnehmer, die Beiträge zahlen, finanzieren derzeit einen Rentner, demnächst sind es drei. Das kann nicht mehr lange funktionieren. Wir müssen mit unterschiedlichen Versicherungstarifen arbeiten, und wir müssen innerhalb einer Generation Alterungsrückstellungen bilden. Das wäre ein langfristiges Sanierungskonzept. Kurzfristig kann man wenig tun. Der Wettbewerb wird auf jeden Fall nicht zu den Einsparungen führen, die behauptet werden.

Das klingt nach dem Gesundheitsmodell der Union und den umstrittenen Kopfprämien.

Ja, zumindest in Teilen. Wir müssen die Zahlungen in der gesetzlichen Krankenversicherung von den Lohnkosten entkoppeln. Der Arbeitgeberbeitrag muss fixiert, die Eigenverantwortung der Versicherten muss ausgedehnt werden. Dabei muss gelten: Die Prämien richten sich nach dem Krankheitszustand.

Sollte die Krankenversicherung für die Kinder über die Steuer bezahlt werden?

Ja, denn das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Aber die steuerfinanzierte Krankenversicherung der Kinder würde circa 15 Milliarden Euro kosten. Und wo sollen die herkommen, wenn die Regierung gleichzeitig 35 Milliarden Euro sparen will? Das ist doch eine Schattendiskussion.

Muss die private Krankenversicherung – die PKV – bleiben?

Unbedingt. Das ist die einzige Versicherungsart, die bereits heute Alterungsrückstellungen innerhalb einer Generation bildet. Sie jetzt abzuschaffen, würde das Finanzierungsproblem nur verschärfen.

Sind die Ärzte auf die höheren Honorare der PKV angewiesen?

Praxen mit hohen Kosten werden heute schon teilweise aus der PKV quersubventioniert. In den neuen Bundesländern gibt es weniger Privatpatienten. Das ist einer der Gründe, warum es den Ärzten dort wesentlich schlechter geht als ihren Kollegen im Westen. Die PKV ist eine ganz wichtige Einnahmequelle für die Arztpraxen.

In vielen Regionen gibt es heute bereits zu wenig Ärzte. Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben aber den Auftrag, dafür zu sorgen, dass es nirgendwo an Ärzten mangelt. Wie wollen Sie das schaffen?

Wir sind schon froh, dass die Politik im Koalitionspapier jetzt erstmals anerkannt hat, dass es einen Arztmangel gibt. Vor einem Jahr hatte man noch von einer Überversorgung gesprochen. Wir tun viel: Die Kassenärztlichen Vereinigungen bauen Praxen auf und werben Ärzte an. Wir geben Punktwert- also Einkommensgarantien. Wir geben Investitionszuschüsse. Und trotzdem gelingt es uns nicht, in den Flächenregionen leer werdende Hausarztstellen zu besetzen. Das Problem wird sich noch verschärfen: Wir haben in den nächsten zehn Jahren einen Ersatzbedarf von 46 000 Ärzten, weil die Ärzteschaft überaltert ist.

Und die können Sie nicht ersetzen?

Nein. Von den 13 000 Medizinern, die jedes Jahr ihr Studium beenden, gehen nur noch 7800 in die kurative Medizin und behandeln Patienten. Der Rest wandert in medizinfremde Zweige ab oder geht ins Ausland. Es ist nicht mehr attraktiv, niedergelassener Arzt zu sein.

Es ist auch nicht attraktiv, Assistenzarzt im Krankenhaus zu sein. Deshalb gehen die Ärzte ja auch auf die Straße.

Ja, das ist auch verständlich und berechtigt. Die niedergelassenen Ärzte haben aber gleich mehrere Probleme: Sie haben keine sicheren Einkommen. Sie wissen wegen der problematischen Abrechnung erst nach einem Dreivierteljahr, was sie im Quartal wirklich verdient haben. Wie soll man denn da planen! Zudem herrscht in den Praxen ein riesiger bürokratischer Aufwand. Die Anfragen der Krankenkassen an die Ärzte sind in den letzten Jahren um 16 000 Prozent gestiegen.

Um 16 000 Prozent?

Ja, ist das nicht erschreckend? Jeder Arzt verbringt zwei Stunden am Tag nur mit solchen Zetteln. Das ist zu viel. Die Leute haben keine Lust mehr. Und noch etwas kommt hinzu: Da, wo jetzt Praxen frei sind, müssen die verbliebenen Ärzte die Patienten mitversorgen. Diese Ärzte fahren für Hausbesuche bis zu 30 Kilometer weit.

Was verdient denn so ein Landarzt?

Wenn ein Arzt ein unterversorgtes Gebiet mitbetreut, hat er viele Patienten und kommt daher durchaus auf 6000 bis 7000 Euro netto im Monat. Aber dafür arbeitet er auch 13,14 Stunden am Tag und muss jede zweite Nacht raus. Das schlaucht.

Wo fehlen besonders viele Ärzte?

Im Bayerischen Wald und in Ostdeutschland. Wenn sich Ärzte in den neuen Ländern niederlassen sollen, müssen staatliche Anreize her und eine feste Einkommensgarantie. In Deutschland gibt es wegen der unterschiedlichen Punktwerte Einkommensdifferenzen zwischen 40 und 50 Prozent. Es ist doch klar, dass Ärzte, die sich niederlassen wollen, dahin gehen, wo sie am meisten verdienen. Und das sind nicht die neuen Länder.

Und in Berlin?

In den Ballungszentren haben wir noch eine Überversorgung.

Werden auch Fachärzte knapp?

Ja, das geht jetzt los. Und zwar flächendeckend. Nephrologen, die Dialyse-Patienten betreuen, machen uns Sorgen. In sechs oder sieben Jahren werden wahrscheinlich auch Frauenärzte und Hals-Nasen-Ohrenärzte knapp. Was die Probleme mit der Ärzteversorgung noch verschärft: Die Ärzte hören heute im Schnitt mit 60,2 Jahren auf, obwohl sie bis 68 praktizieren dürften. Die sind ausgebrannt. Und außerdem wird der Beruf schlecht geredet. Ständig liest man in der Zeitung, Ärzte seien Abrechnungsbetrüger. Da werden Einzelfälle aufgebauscht und der ganze Stand verunglimpft.

Immer mehr Krankenkassen schließen mit den Ärzten direkte Verträge – an Ihnen vorbei. Sind Sie bald überflüssig?

Wir haben jetzt 1517 Direktverträge für 2,5 Millionen Versicherte. Anders herum: Für 2,5 Millionen Versicherte gibt es 1517 Verträge. Die anderen 79 Millionen Versicherten haben einen Vertrag, nämlich den Kollektivvertrag. Das Management der Einzelverträge ist teuer. Und wir müssen uns fragen: Wollen wir den barrierefreien Zugang zum Arzt behalten? Heute kann jeder Versicherter zu jedem Arzt gehen. Bei einem Einzelvertrag muss sich der Versicherte einschreiben, bevor er einen bestimmten Arzt aufsuchen kann. Wollen wir das wirklich?

Das Interview führte Heike Jahberg.

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