Aerotoxisches Syndrom : Es ist was in der Luft

Werden Flugzeugkabinen mit giftigen Stoffen verseucht? Kranke Crews und die Industrie streiten über das „Aerotoxische Syndrom“.

von
Nervengifte in der Kabine: Ob Mythos oder wahrhaftige Gesundheitsgefährdung konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden.
Nervengifte in der Kabine: Ob Mythos oder wahrhaftige Gesundheitsgefährdung konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden.Foto: Sven Hoppe/dpa

Ist das „Aerotoxische Syndrom“ eine Bedrohung für Flugzeugbesatzungen und Passagiere – oder simple Panikmache? Daran scheiden sich die Geister. Bisher handelt es sich um keine wissenschaftlich anerkannte Krankheit. Umstritten ist, ob die Verunreinigungen, die in Einzelfällen mit der aus den Triebwerken stammenden Zapfluft in die Kabine gelangen können, zu gesundheitlichen Langzeitschäden führen können. So sehen Behörden und Luftfahrtindustrie bisher keinen Grund zur Abkehr vom bisherigen System, wie es die Gewerkschaften der Besatzungsmitglieder fordern.

Nervengift durch die Klimaanlage in die Kabine

Für die Klimatisierung der Flugzeugkabinen wird Druckluft aus den Triebwerken abgezapft. Diese werden mit einem Öl geschmiert, das zur Vermeidung von Überhitzung als Zusatz eine geringe Menge Trikresylphosphat (TKP) enthält. Darin ist ein Nervengift enthalten, das Beschwerden wie Kopf- und Gliederschmerzen, Schwindel und Lähmungen verursachen kann. Bei technischen oder menschlichen Fehlern wie defekten Dichtungen oder einer zu großen Füllmenge können Öldämpfe ins Flugzeug gelangen.

Die deutschen Gewerkschaften Cockpit (Piloten) und UFO (Flugbegleiter) fordern die Abkehr vom klassischen Zapfluftverfahren, was aber nur bei neuen Flugzeugmodellen möglich ist. Sie sprechen sich ferner für bessere Luftfilter und Schadstoffsensoren an Bord aller Maschinen sowie für die Anerkennung des „Aerotoxischen Syndroms“ als Berufskrankheit aus. Forderungen, die auch die Bundestagsabgeordneten Arno Klare (SPD) und Markus Tressel (Grüne) erheben. Entsprechende Anträge ihrer Parteien waren im Jahr 2012 von der Schwarz-Gelben Koalition abgelehnt worden.

Seinen Ursprung nahm das „Aerotoxische Syndrom“ wohl in Australien. Dort verlor die Verkehrspilotin Susan Michaelis 1999 wegen einer langfristigen Erkrankung, die mit Kopfschmerzen, Augen- und Nasenreizungen sowie Stimmproblemen begann, die Lizenz. Michaelis führt ihre Gesundheitsprobleme auf kontaminierte Kabinenluft zurück und startete einen Feldzug zur Anerkennung als Berufskrankheit. Sie war zuletzt auf der BAe 146 geflogen, einem heute nicht mehr gebauten Modell, bei dem es früher häufig Probleme mit den Dichtungen gab.

Aus einem Einzelfall wird eine globale Bewegung

In der Folge meldeten sich rund um den Globus weitere ehemalige Piloten und Flugbegleiter mit ähnlichen Symptomen. Anwälte und Ärzte kamen hinzu, es bildeten sich Verbände wie die „Aerotoxic Association“, die unter anderem Schutzmasken mit dem Namen „Flyers Friend“ vertreibt. Immer mehr Medienberichte und Behördenmeldungen über „Fume Events“ (Rauchereignisse) tauchten auf. Wurden der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) 2006 nur 40 derartige Vorfälle gemeldet, waren es 2013 bereits 175.

0 Kommentare

Neuester Kommentar