Wirtschaft : Agrarpolitik: Aufbruchstimmung bei den Biobauern

Margarita Chiari

Cornelius Sträßer ist derzeit ein gefragter Mann. "Nahezu täglich", berichtet der Berater der Arbeitsgemeinschaft für Ökolandbau in Berlin-Brandenburg, erhalte er nun Anfragen von Bauern aus der Region, die ihren Betrieb auf "öko" umstellen wollen. Einen solchen Andrang hatte es lediglich in den Jahren nach der Wiedervereinigung gegeben, als die Nachfolgebetriebe der LPGs nach neuen Existenzgrundlagen suchten. Nun sind es die verrückten Kühe, die dem Berater einen unverhofften Zulauf bescheren. "Die Bauern sind es leid, ständig mit BSE in Verbindung gebracht zu werden", sagt Sträßer.

Nie zuvor waren die Perspektiven für eine Umstellung zum Ökobetrieb freilich auch so günstig wie jetzt. Kurz vor Beginn der Internationalen Grünen Woche in Berlin (19. bis 28. Januar) wird allerorten nach Bioprodukten gerufen, selbst an den Fleischtheken der Supermärkte taucht nun zunehmend der Verweis "Biofleisch" auf. Die Vermarktungsorganisationen jubeln über "sensationelle" Umsatzsteigerungen von 60, teilweise sogar 100 Prozent - wenn auch von niedrigem Niveau aus. Doch für einzelne Betriebe bringt das schon gewaltige Veränderungen. "Früher haben wir fünf bis sechs Schweine pro Woche geschlachtet, jetzt sind es fünfzig", berichtet Simon Ziegler vom Ökodorf Brodowin vor den Toren Berlins. Der Nachfrage habe man überhaupt nur durch die Zusammenarbeit mit anderen Öko-Betrieben nachkommen können. Im Vergleich zu früher, als man das Schweinefleisch teilweise in den regulären Handel - also ohne Hinweis auf die ökologische Tierhaltung und zu entsprechend niedrigeren Preisen - bringen musste, weil die Nachfrage nach Bio-Fleisch nicht ausreichte, seien das "paradiesische Zustände", gibt Ziegler offen zu.

Der Jubel der Öko-Bauern täuscht allerdings über die wahren Ausmaße hinweg. Gerade einmal 4,8 Milliarden Mark gaben die Deutschen zuletzt für Lebensmittel aus ökologischer Herstellung aus - verglichen mit den Gesamtausgaben für Nahrungsmittel in Höhe von 246 Milliarden Mark ist das nicht viel. Noch immer verkaufen die rund 7500 Ökobauern ihre Produkte überwiegend ab Hof, über Wochenmärkte oder Naturkostläden, nur ein Viertel nehmen die großen Handelsketten ab. Daran haben auch die jüngsten Aktivitäten noch wenig geändert. In Sachen Ökolandbau, sagt Thomas Dosch, Bundesvorstand des Bioland-Verbandes, "ist Deutschland ein Entwicklungsland."

Die europäischen Nachbarstaaten sind schon ein gutes Stück weiter. Gezielt hätten diese die Möglichkeiten genutzt, die die Reform der europäischen Agrarordnung vor zwei Jahren zur Förderung des Ökolandbaus einräumte, sagt Dosch. In Dänemark oder den Niederlanden etwa wurde die Vergabe von Subventionen an die Einhaltung ökologischer Mindeststandards geknüpft, Österreich unterstützte umfangreiche Imagekampagnen, um den Verbrauchern die teureren Ökoprodukte schmackhaft zu machen, Italien belegte den Einsatz von Pestiziden mit einer Zusatzsteuer - mit entsprechenden Erfolgen: In Österreich hält der Ökolandbau inzwischen einen Anteil von zehn Prozent der gesamten Anbauflächen, in Dänemark kletterte der Anteil in den vergangenen zwei Jahren von unter vier auf sieben Prozent. Mit 2,4 Prozent rangiert Deutschland dagegen nur noch im unteren Mittelfeld.

Dass die neue Agrarministerin Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) nun den Ökolandwirten kräftig unter die Arme greifen will, wird in der Branche gleichwohl mit einer Mischung aus Freude und Zweifel aufgenommen. Bei der Vermarktung auf breiter Ebene habe die zersplitterte Öko-Branche noch "erheblichen Lernbedarf", räumt Landwirt Ziegler ein. "Wir müssen hier schnell die Strukturen verändern, sonst fahren wir an die Wand." Aber auch Anbauflächen und Tierbestand ließen sich nicht so schnell vermehren. Auf Zukäufe von Tieren will man möglichst verzichten, bei Rindern sind sie von den Dachverbänden seit Anfang des Jahres - aus Angst vor BSE - sogar ganz untersagt worden. Vielleicht zu spät, wie sich nun zeigt: Am vergangenen Freitag wurde der erste Verdachtsfall in einem Öko-Betrieb bekannt. "Das könnte alles zunichte machen", fürchtet Ziegler.

Unsicher ist auch, wie lange die frische Öko-Liebe der Deutschen anhält. Bei den großen Handelsketten, die im Dezember ihr Biofleisch-Angebot noch deutlich ausgeweitet hatten, gibt es schon erste Umsatzrückgänge. "Das kann auch der Ferieneffekt sein, wir warten auf jeden Fall ab", heißt es etwa bei Tegut in Hessen. Doch auf den Zuspruch der Verbraucher wird es ankommen. "Wenn die Preise auf Dauer heruntersubventioniert werden müssen, damit sich die Produkte überhaupt verkaufen lassen, setzen wir nur eine neue Subventionsmaschinerie in Gang", warnt etwa der Bonner Agrarökonom Rudolf Wolffram.

Bioland-Sprecher Dosch weist dies entschieden zurück. "Eine breite Informationskampagne kann bei den Verbrauchern ein rasches Umdenken bewirken", ist er überzeugt. Das habe sich in den europäischen Nachbarstaaten gezeigt. Doch auch dafür wird Agrarministerin Künast viel Geld benötigen. Woher sie es nehmen wird, ist noch offen. Finanzminister Hans Eichel (SPD) will ihren Etat jedenfalls nicht aufstocken. Widerstand kommt auch vom Deutschen Bauerverband: "Eine Förderung der Ökobetriebe zu Lasten der konventionellen Landwirtschaft machen wir nicht mit", sagt Sprecher Michael Lohse. Streit ist damit schon programmiert.

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