Wirtschaft : Aktienanleihen: Eine riskante Wette auf den Börsenkurs

Susanne Schmitt

Auf den ersten Blick sieht es verlockend aus: Zehn, zwölf oder gar zwanzig Prozent Zinsen, und das in der gegenwärtigen Niedrigzinsphase. Die Rede ist von Aktienanleihen, für die die Banken jetzt wieder verstärkt werben. "Wir sehen den Einstiegszeitpunkt jetzt als ideal an", sagt beispielsweise Christina Mägerlein vom Bankhaus Sal. Oppenheim, das nach eigenen Angaben Marktführer in diesem Segment ist. Die Märkte, so Mägerlein weiter, dürften jetzt wieder ihren Boden gefunden haben, und es sei wieder mit steigenden Kursen zu rechnen. Michael Hartweg von der Commerzbank sieht noch einen weiteren Gesichtspunkt: "Kommt es wieder zu einer Rallye wie in diesem Jahr, dann kauft man besser die Aktie und nicht die Anleihe. Geht man aber davon aus, dass die Kurse nur wenig steigen werden, dann sind Aktienanleihen das Richtige."

Doch bei Aktienanleihen ist Vorsicht geboten: Die Investition zahlt sich nur unter bestimmten Voraussetzungen aus. Der Anleger zahlt einen fixen Betrag - meist 5000 Euro oder ein Vielfaches davon - an eine Bank. Er erhält einen deutlich über dem Marktniveau liegenden Zins, den Kupon. Nach dem Ende der Laufzeit - mindestens ein Jahr - entscheidet die Bank, ob sie den Nennbetrag in Geld oder in Aktien zurückzahlt. Zugrunde gelegt wird ein bestimmter Kurs, der Strike. Liegt der Wert der Aktie unter dem Strike, dann erhält der Anleger die Papiere. Eine Aktienanleihe lohnt sich also nur, wenn der Kurs der zugrunde liegenden Aktie so berechnet wird, dass die Wahrscheinlichkeit der Rückzahlung in Geld am höchsten ist. In der Regel gilt: Je höher der Kupon, desto höher die Volatilität der Aktie, desto höher das Risiko.

Schwankende Kurse wie in diesem Jahr sind Gift für Aktienanleihen. Zwar werden von den Banken überwiegend Anleihen auf Dax-Werte angeboten, bei denen die Schwankungsbreiten normalerweise geringer sind, doch auch da kann das Investment scheitern. Etwa bei Anlegern, die vor ungefähr einem Jahr Daimler-Chrysler-Anleihen erworben haben, die bei den meisten Banken mit zugrunde liegenden Kursen von mehr als 60 Euro angeboten wurden. Wird die Anleihe in den nächsten Wochen fällig, liegen die Daimler-Aktien zu 45 Euro oder weniger im Depot. Ein so hoher Verlust kann durch den Kupon nicht ausgeglichen werden. Wer die Aktien nicht will, sollte dann die Anleihe verkaufen, schlägt Thorsten Michalik von der Deutschen Bank vor. Die Anleihen werden in Frankfurt, Stuttgart oder Berlin gehandelt und in Prozent notiert. Der Kurs der Anleihe korrespondiert jedoch mit dem Kurs der Aktie. Michalik rät, sich in jedem Fall gut über die Aktie und alle Risiken zu informieren. Tatsächlich betonen die Banken auf ihren Internet-Seiten auch die Risiken der Investition. Die Deutsche Bank sichert sich zusätzlich dahingehend ab, dass der allgemeine Risikohinweis auf der Seite oder im Prospekt nicht eine individuelle Beratung ersetzen könne.

Zum Teil haben die Banken schon kalte Füße bekommen. Die möglichen hohen Verluste durch die Spekulation haben Anlegerschützer auf den Plan gerufen. Ihr Vorwurf: Die Anleger werden nicht ausreichend auf die Risiken hingewiesen. Außerdem handele es sich um ein Termingeschäft, für das der Anleger eine besondere Befähigung nachweisen muss. In Großbritannien unterliegen Aktienanleihen und verwandte Produkte auch einer derartigen Verkaufsbeschränkung - in Deutschland nicht. Ein Musterprozess ist bereits angestrengt worden, ging aber in erster Instanz verloren. Die Argumentation der Richter: Ein derartig hoher Zins weist eindeutig auf ein riskantes Geschäft hin.

Es kommt darauf an, wie die Anleihe strukturiert ist, sagt Michael Lindner von der BHF-Bank. Orientiert sie sich am aktuellen Börsenkurs, wird der Zinskupon um zehn Prozent liegen, also eher im unteren Bereich. Liegt der Basiskurs über der aktuellen Notierung, steigt der Zins. Bei der Auslegung der Anleihen gibt es durchaus Unterschiede zwischen den einzelnen Banken. Bei der Commerzbank steht der "Sicherheitsaspekt" im Vordergrund, der Kurs wird konservativ berechnet, der Zins liegt niedriger. Bei Sal. Oppenheim geht man davon aus, dass die Anleger auf den Kupon schauen, den sie kassieren wollen, und dafür ein höheres Risiko in Kauf nehmen.

Als Indiz für den Erfolg eines Konzepts kann auch die Rückzahlungsquote in Geld gelten. Diese Kennziffer stellen aber die wenigsten Banken zur Verfügung. Bei Sal. Opppenheim wird die Auswertung des vergangenen Jahres im Januar ins Internet gestellt. Die Quote lag 1999 bei etwa zwei Drittel und dürfte laut Mägerlein in diesem Jahr in einer ähnlichen Größenordnung liegen. Bei der Commerzbank gibt es interne Berechnungen, die besagen, dass immerhin durchschnittlich 85 Prozent der Anleihen in Geld ausgezahlt werden und damit den maximalen Ertrag für den Anleger erzielen - an dem das Finanzamt natürlich mit verdient, denn die Zinserträge fallen unter die Zinsabschlagsteuer.

Fazit: Wer Aktienanleihen erwirbt, sollte sich die betreffende Aktie genau ansehen. Wer einen stark steigenden Kurs erwartet, sollte besser direkt die Aktie kaufen. Wer mit einem stagnierenden oder nur leicht steigenden Kurs rechnet, kann die Anleihe erwerben. Wer mit Kursverlusten der Aktie rechnet, für den wäre auch die Anleihe ein schlechtes Investment. In jedem Fall sollte vor der Kaufentscheidung eine gründliche Beratung bei der Bank stehen, sonst kann die Investition mit einem bösen Erwachen enden.

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