Wirtschaft : Aktienkauf auf Pump: Ein riskantes Spiel

Veronika Czisi

Viele Aktien sind billig wie lange nicht mehr. Nach der jüngsten Erholung an den Börsen sehen nun viele Anleger die Trendwende gekommen oder zumindest nahe, glauben an eine Weihnachtsrallye: Ein Szenario, das einen Wertpapierkredit in den Augen mancher zum Bombengeschäft avancieren lässt. "Ich bin zu 175 Prozent investiert", offenbart ein Anleger - einer von vielen anderen - im Board der beliebten Internet-Finanzseite wallstreet:online - eine Art schwarzem Brett für den Meinungsaustausch unter Anlegern. Im Klartext heißt das: Er hat sein zu 100 Prozent investiertes Depot zu 75 Prozent beliehen, also Aktien auf Pump gekauft.

Vor allem bei den Online-Banken sind Wertpapierkredite beliebt und gefragt. So haben von den 525 000 Aktionärs-Kunden bei Europas führendem Discount-Broker Comdirect etwa zehn Prozent einen so genannten Effektenlombardkredit, der meist in Form einer abrufbaren Kreditlinie ähnlich dem Dispo auf dem Girokonto eingeräumt wird. Das wundert nicht, denn die Commerzbank-Tochter buhlt auf ihrer Homepage offensiv um Kredit-Kunden. "Unbürokratisch und zu günstigen Konditionen" werde "Profit durch Kredit" geschaffen, wenn "Sie an der Börse die einmalige Gelegenheit" sehen und "gerade nicht liquide" sind, heißt es da. Mit einem effektiven Zinssatz von aktuell 6,17 Prozent seien die Kredite sehr günstig, sagt Comdirect-Sprecher Mathias Hajek. Andere Direktbroker verlangen ähnliche oder geringfügig höhere Sätze. Mit seinen - allerdings variablen! - Sätzen zwischen sechs und sieben Prozent ist der Lombardkredit damit eines der preisgünstigsten Geldleihgeschäfte überhaupt. Denn für die Banken ist das Darlehen relativ risikolos. Die Wertpapiere lassen sich jederzeit verkaufen, der Kredit damit problemlos tilgen. Beliehen werden - je nach Bank - 50 bis 80 Prozent des Depots. Das heißt: Für einen Depotwert von 20 000 Euro erhält der Kunde eine Kreditlinie zwischen 10 000 und 16 000 Euro, wobei die Höhe auch von der Art der beliehenen Wertpapiere abhängt: Renten können meist höher beliehen werden als Aktien, inländische Papier höher als ausländische, Optionsscheine in den meisten Fällen gar nicht.

Die Verbraucherschützer sind indes skeptisch. Es klinge zwar sehr schön, nun billige Aktien mit billigem Geld zu kaufen, heißt es bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Aber der Anleger müsse sich darüber im Klaren sein, dass als Sicherheit ein schwankender Wert diene, der, wie die letzten Monate gezeigt hätten, schnell mal um 50 Prozent fallen könne. Auch in Zeiten wieder steigender Kurse sei das Risiko im Einzelfall hoch. DWS-Sprecher Jürgen Kurz: "Das ist, als ob man eine Hypothek auf ein Haus aufnimmt - und das Haus ist dann plötzlich nur noch halb so viel wert." Wer mit fremdem Geld spekuliere, könne Verluste also nicht einfach aussitzen. Die Banken hätten in solchem Fall grundsätzlich das Recht, die Kreditlinie zu kürzen oder zu streichen, eine sofortige Deckung der Kreditlücke zu verlangen oder im Notfall sogar die Aktien trotz hoher Verluste zwangsweise zu verkaufen. In den USA, wo Wertpapierkredite viel stärker verbreitet sind als in Europa und, anders als in Deutschland, statistisch erfasst werden, sollen diese "margin calls" den enormen Verfall der Nasdaq überhaupt erst ausgelöst haben.

Glaubt man den Direktbanken, so sind Zwangsverkäufe hier zu Lande indes, trotz des Crashs vor allem am Neuen Markt, praktisch nicht vorgekommen. "Bei uns gab es bisher noch keine", versichert Comdirect-Sprecher Hajek. Die Kreditnehmer seien "erfahrene, sehr aktive Kunden, meist Zockernaturen, die genug Spielgeld in der Hinterhand haben und die Kredite im Fall einer Unterdeckung in der Regel binnen drei Tagen zurückführen". Auch bei der Direkt Anlage Bank, die neun Prozent ihrer Kunden eine Kreditlinie eingeräumt hat, "liegen die Fälle eines Zwangsverkaufs im Promillebereich". Jüngst ging indes auch der Fall jenes Familienvaters durch die Öffentlichkeit, der den Tiefpunkt im Markt erreicht sah, ein gutes Geschäft witterte und mit geliehenem Geld Aktien von EM.TV und Mobilcom kaufte. Die Papiere stürzten ab, der Mann verspielte beinahe Haus und Hof.

Auch die großen Standardbanken geben sich vorsichtig. Die Vergabe von Wertpapierkrediten werde "sehr restriktiv" gehandhabt, man entscheide im Einzelfall, so die Deutsche Bank 24. Über genaue Summen oder die Zahl der Kunden mit Wertpapierkrediten hält man sich bedeckt. Zwar seien zuletzt die eingeräumten Beträge gestiegen, nicht aber die Zahl der Kreditsuchenden. Die Dresdner Bank räumt "Wertpapierkredite in der Regel gar nicht ein".

Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz sieht indes auch Anleger, für die Wertpapierkredite aktuell attraktiv sein könnten: Wer ausreichend Liquidität in der Hinterhand habe und sich des Risikos bewusst sei, könne durchaus auf die billigen Aktienkredite zurückgreifen. Allen anderen rät Kurz jedoch: "Aktien grundsätzlich nur mit eigenem Geld kaufen."

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