Wirtschaft : Aktionäre rechnen mit dem Chef ab

Massive Kritik wegen Qualitätsproblemen bei Mercedes und Verlusten beim Smart /Fonds greifen auch Aufsichtsratschef Kopper an

Henrik Mortsiefer

Berlin - Fondsgesellschaften und Aktionäre haben am Mittwoch den Vorstand der Daimler-Chrysler AG auf der Hauptversammlung in Berlin ungewöhnlich scharf kritisiert. Vor allem Probleme bei den Marken Mercedes-Benz und Smart sowie der niedrige Aktienkurs standen im Mittelpunkt der Kritik. Auch Versäumnisse des Aufsichtsrats und dessen Vorsitzenden Hilmar Kopper wurden gerügt. Trotz der scharfen Vorwürfe auch von Großaktionären wie Aktienfonds wurden beide Gremien am Abend aber von der Hauptversammlung mit jeweils mehr als 94 Prozent der Stimmen entlastet. Im Vergleich zum für das Management katastrophalenVorjahr verbesserte sich sogar das Stimmenergebnis.

Daimler-Chrysler-Vorstandschef Jürgen Schrempp räumte ein, dass das vierte Geschäftsquartal 2004 „furchtbar“ gewesen sei. Auch mit dem Aktienkurs sei er nicht zufrieden. Das Effizienzprogramm „Core“ werde Mercedes aber „kurzfristig“ wieder auf Kurs bringen. Auch Smart, dessen Ergebnis „total inakzeptabel“ gewesen sei, bleibe eine starke Marke. Schrempp deutete an, dass die eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen und das Branchenumfeld den Konzern insgesamt im ersten Halbjahr noch stärker belasten könnten als bislang angenommen. Das erste und zweite Quartal würden „sehr schwierig“, sagte er. Der Konzern arbeite mit „Volldampf an der Behebung der Probleme“. Der Aktienkurs 3 Prozent auf 34,33 Euro schwächer als der Marktlag am Mittwoch zunächst im Minus, rettete sich zum Handelsschluss aber leicht ins Plus.

„Die Geduld der Aktionäre ist erschöpft“, sagte Klaus Kaldemorgen von der DWS, der größten deutschen Fondsgesellschaft. Die DWS-Konzernmutter Deutsche Bank ist mit 10,4 Prozent größter Einzelaktionär des Autokonzerns. Der Vorstand habe „Fehlentwicklungen zu spät erkannt und Probleme abgestritten, statt sie zu lösen“, sagte Kaldemorgen. Angesichts von Qualitätsproblemen und eines Gewinneinbruchs bei der Mercedes Car Group gehe es bei Daimler-Chrysler jetzt „ans Eingemachte“. „Sie haben den Wert der Marke leichtfertig aufs Spiel gesetzt“, sagte Kaldemorgen. „Ergebnisse schönzureden, scheint inzwischen Teil der Unternehmenskultur zu sein.“ Dass die Marge der Mercedes Car Group gegen Null tendiere, sei „alarmierend und bedrohlich“. Auch das „Abenteuer Smart“ bereite ihm Sorge. Das Restrukturierungsprogramm, das 1,2 Milliarden Euro kosten wird, sei eine „Bankrotterklärung“. Daimlers Ausstieg beim japanischen Partner Mitsubishi zeige, dass „ein Ende mit Schrecken oft die bessere Lösung ist“. Ein Ende des Smart würde nach Angaben von Bodo Uebber, neuer Finanzvorstand des Konzerns, allerdings noch höhere Verluste für den Konzern verursachen.

Thomas Meier, Leiter des Aktienfondsgeschäfts bei Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, kritisierte, sieben Jahre nach der Fusion von Daimler-Benz und Chrysler sei „ein Mehrwert nicht zu erkennen“. Nach der Restrukturierung von Chrysler seien die Qualitätsmängel bei Mercedes nun „Probleme Marke Eigenbau“.

„Sie setzen zu sehr auf die Vergesslichkeit der Aktionäre“, sagte Thomas Körfgen, Leiter des Aktienfondsmanagements bei SEB Invest, die 1,5 Millionen Daimler-Aktien hält und gegen eine Entlastung stimmte. Schrempp habe den Aktionären „fünf Jahre Misswirtschaft“ zugemutet – mit Billigung des Aufsichtsrats. Hilmar Kopper rief Körfgen zu: „Sie verstoßen permanent gegen den Grundsatz, dass der Aufsichtsrat den Vorstand zum Wohle des Unternehmens kontrollieren soll.“ Kopper schade dem guten Ruf des Unternehmens. Insgesamt sei der Aufsichtsrat überaltert. Unter anhaltendem Applaus brachte ein Einzelaktionär seinen Unmut auf den Punkt: „Es gibt für die Vorstands- und Aufsichtsratschefs nur einen einzigen möglichen Satz: Wir treten zurück.“

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