Wirtschaft : Alice Rivlin im Gespräch: "Die New Economy steht erst am Anfang"

Frau Rivlin[was ist New Economy?]

Alice Rivlin (69), war von 1996 bis 1999 Vizepräsidentin der US-Notenbank Federal Reserve. Im Verlauf ihrer Karriere hatte sie eine Vielzahl leitender Positionen im öffentlichen Dienst und der Wissenschaft inne. Sie ist Expertin für die Haushaltsgesetzgebung in den USA. Beim Aspen Institute Berlin hielt sie einen Vortrag über den Einfluss des Internets auf die Ökonomie.



Frau Rivlin, was ist New Economy?

Wir beobachten seit einigen Jahren einen beschleunigten Anstieg der Produktivität, die mit einem schnellen Wirtschaftswachstum einhergeht. Ich verwende den Begriff New Economy selbst nicht sehr gern, denn dieses Phänomen gibt es nicht nur in der High-Tech-Industrie sondern in allen Sektoren der Wirtschaft. Ursache ist allemal die Einführung neuer Technologien.

Ist die New Economy eine bessere Wirtschaft, die weniger Arbeitslosigkeit und mehr Wohlstand bringt?

Ja. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre hatten wir eine sehr geringe Arbeitslosigkeit in den USA. Die Quote lag bei etwa vier Prozent. Während in den 80er Jahren, als die Produktivität nur langsam wuchs, vor allem die Einkommen der Besserverdienenden gestiegen sind, steigen die Einkommen jetzt quer durch alle Einkommensgruppen. Die Kluft zwischen Arm und Reich besteht noch, aber sie vergrößert sich nicht mehr.

Und all das verdanken wir allein der Internet-Wirtschaft?

Nein, das Internet ist ein relativ neues Phänomen in der US-Wirtschaft. Da stehen wir noch am Anfang. Es war die technische Revolution bei Computern und Telekommunikation, die maßgeblich zum Anstieg der Produktivität beigetragen hat. Das Internet hat diesen Einfluss noch nicht. Aber das Internet hat das Potenzial, in Zukunft die Produktivität in allen Wirtschaftszweigen zu steigern. Es wird Geschäftsabwicklungen billiger, das Management effizienter und den Wettbewerb intensiver machen.

Ist diese Entwicklung stabil?

Natürlich wissen wir das nicht. Aber ich bin sehr optimistisch. In den kommenden fünf bis zehn Jahren wird das Internet einen nachhaltigen positiven Einfluss auf die Produktivität haben. Aber die positive Entwicklung der US-Ökonomie war nicht allein eine Folge des technologischen Fortschritts. Der leergefegte Arbeitsmarkt war zum Beispiel ein Anreiz, Arbeit zu rationalisieren und in neue Technik zu investieren.

Könnte eine falsche Politik die New Economy bremsen?

Diese Gefahr besteht immer. Das Wachstum der US-Wirtschaft schwächt sich derzeit ab. Es ist eine bewusste Entscheidung der Notenbank gewesen, die Zinsen anzuheben, um das Wachstum zu verlangsamen. Denn die Wirtschaft ist zu schnell gewachsen und der Druck auf den Arbeitsmarkt war zu groß. Jetzt ist die Frage, ob die Notenbank es übertrieben hat. In seiner Rede hat Notenbankpräsident Alan Greenspan deutlich gemacht, dass er sich Sorgen macht, das Wirtschaftswachstum könnte sich nun zu stark verlangsamen. Es ist gut möglich, dass die Fed die Zinsen in den kommenden Monaten wieder senken wird, um eine zu starke Dämpfung des Wachstums zu vermeiden.

Gibt es andere Einflüsse, die das Wachstum dämpfen könnten?

Oh ja. Ich denke, das ist vor allem eine Frage des Vertrauens in die Zukunft. Der Absturz der Kurse vieler High-Tech-Firmen könnte Vertrauen zerstören.

Kann Europa den Vorsprung der USA aufholen?

Weil das Internet zur Produktivitätssteigerung führt, stehen Europas Unternehmen unter enormem Wettbewerbsdruck, schnell in die Internetwelt einzusteigen. Der globalisierte Wettbewerb und der hohe Dollar haben ihrerseits großen Druck auf die US-Wirtschaft ausgeübt, effizienter zu werden.

Viele Internetfirmen sind schon pleite oder stehen kurz davor. Ist das nicht das Ende der New Economy?

Nein. Der wichtigste Effekt des Internets ist, dass es die Produktivität in der gesamten Wirtschaft - also gerade auch in der Old Economy - steigert. Das Scheitern von Internetfirmen hat damit nichts zu tun. Immer, wenn eine neue Technologie eingeführt wird, rechnet man mit Misserfolgen. Die große Mehrheit der Automobilhersteller, die es Anfang des Jahrhunderts gab, existieren nicht mehr. Wer überlebt, hat eine große Zukunft.

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