Wirtschaft : "Alles spricht gegen feste Wechselkurse"

Der Bonner Ökonom Neumann über die Krise und die Börse, die Aufbruchstimmung der neuen Regierung und die Expo 2000

TAGESSPIEGEL: Herr Professor Neumann, haben wir eine Weltwirtschaftskrise?

NEUMANN: Nein, man sollte nicht dramatisieren.Viele in Deutschland übertreiben, aber auch der Internationale Währungsfonds.Wir haben aber eine Finanzkrise.Sie verlangt besonnenes Reagieren, aber keine überstürzten Zinssenkungen.Unsere Wirtschaft wächst derzeit um rund 2,5 Prozent.Das Wachstum kann im kommenden Jahr auf zwei Prozent abnehmen, falls wir tiefer in eine Krise rutschen.Aber es kann auch auf drei Prozent steigen, wenn die neue Regierung Reformen voranbringt.

TAGESSPIEGEL: Bleibt Euroland ein sicherer Hafen?

NEUMANN: Ja, sofern die Europäische Zentralbank Kurs hält und wir unsere Volkswirtschaft reformieren.Dann sind wir und die USA die zwei Regionen, in denen Sicherheit herrscht und in die Anleger ihr Kapital bringen.Für uns hieße das mehr Wachstum.

TAGESSPIEGEL: Was sind die Folgen, wenn die Aktienkurse in die Tiefe stürzen?

NEUMANN: Zum Beispiel wird das Vermögen der Aktionäre verringert.Dann geben die Leute, denen weniger Erspartes bleibt, weniger Geld aus.Darunter leidet die Konjunktur.Aber ich vermute, die Aktienkurse steigen bald wieder.Wir werden zwar nicht in sechs Monaten wieder bei einem Deutschen Aktien-Index von 6000 Punkten sein, den wir vor drei Monaten noch hatten.Aber unsere Wirtschaft läuft gut.

TAGESSPIEGEL: Also übertreibt die Börse?

NEUMANN: Klar.Ich überlege schon, ob ich mir auf dem jetzt tieferen Niveau neue Aktien kaufen soll - allerdings nur dann, wenn man die Papiere langfristig halten will.Wir wissen, daß die langfristige Rendite von Aktien viel höher ist als die von Anleihen - allen Jo-Jo-Börsen zum Trotz.

TAGESSPIEGEL: Jo-Jo klingt nett.Aber viele sprechen vom Chaos, das an den Finanzmärkten herrsche.Manche wollen wieder mehr regulieren - zum Beispiel feste Wechselkurse einführen.

NEUMANN: Wenn sich die Verhältnisse in den Ländern ändern, werden feste Wechselkurse schnell zu falschen Wechselkursen.Überläßt man dagegen den Kurs dem Markt, gibt es Spekulationen auf Kursänderungen erst gar nicht.Alles spricht gegen feste Wechselkurse.

TAGESSPIEGEL: Aber wir hatten doch lange feste Wechselkurse.

NEUMANN: Das Weltwährungs-System, das wir bis in die 70er Jahre hatten, funktionierte solange, wie es eine große Volkswirtschaft gab, nämlich die USA.Der Dollar war die wichtigste Währung, die anderen Staaten haben ihre Währungen an ihn gebunden.Aber in Zukunft werden die beiden Wirtschaftsmächte, USA und Euro-Zone, ungefähr gleich stark sein.Da kann nicht einer der Führer und der andere der Geführte sein.Deswegen kann es niemals einen festen Wechselkurs zwischen Euro und Dollar geben.

TAGESSPIEGEL: Wir bekommen bald eine neue Bundesregierung.Haben Sie den Eindruck, daß die neue Regierung eine Aufbruchstimmung verbreitet?

NEUMANN: Die lange Herrschaft von Bundeskanzler Helmut Kohl hat eine politische Lähmung gebracht.Die ist jetzt weg.Manche sind regelrecht begeistert.Das sollte Schröder nutzen.Sein Vorbild könnte sein, was Karl Schiller einst als SPD-Wirtschaftsminister geschafft hat.Damals haben die Leute die wirtschaftspolitische Kompetenz bei der SPD gesehen.

TAGESSPIEGEL: Ist die umstrittene Expo 2000 in Hannover auch ein solches Aufbruchsignal?

NEUMANN: Ich habe mich von Anfang an gefragt, wozu eine Expo überhaupt gut sein soll.Die in Lissabon ist gerade mit einem gigantischen Defizit zuende gegangen.Ich halte Weltausstellungen für sinnlose Veranstaltungen.Ganz im Gegensatz zur Hannover-Messe, die weltweit eine riesige Beachtung hat, wird die Expo nicht viel bringen.Das ist eher eine Animationsveranstaltung, die wir nicht brauchen.

TAGESSPIEGEL: Eine Absage wäre keine Blamage?

NEUMANN: Man würde sich vielleicht wundern, daß Deutschland sich eine Expo nicht leistet.Aber dann sollte man der Welt sagen, daß es wichtigere Dinge im Leben gibt.

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