Wirtschaft : Allfinanz: München punktet als Finanzmetropole

Catherine Hoffmann

"Als Wirtschaftsmetropole hat München nun gegenüber Frankfurt die Nase vorn", jubelte die "Süddeutsche Zeitung" an dem Tag, als die Aufsichtsräte von Allianz und Dresdner Bank den Weg für Deutschlands ersten Allfinanzkonzern freimachten. An der Isar entsteht mit Allianz-Dresdner der zweitgrößte Vermögensverwalter der Welt. Münchener Rück und Hypo-Vereinsbank sind ein weiterer großer Spieler auf diesem Feld. Damit gewinnt München als Finanzmetropole an Boden.

Es kommt noch schlimmer für Mainhattan. Bei der Dresdner Bank heißt es: Ab nach München! Der Frankfurter Zentrale droht die Verlagerung wichtiger Aufgaben nach München. "Den Abbau von Zentralaufgaben schließe ich nicht aus", sagte Vorstandssprecher Bernd Fahrholz. Wenn die Schaltzentrale seiner Bank künftig in München liegt, bedeutet das einen herben Machtverlust für die stolze Mainmetropole. Von den Wolkenkratzern der City blickten die Manager bislang gern auf die Heimat von Oktoberfest und Weißwurst herab, frei nach dem Motto: Ihr habt vielleicht den schöneren Himmel und das süffigere Bier, wir aber haben den Glanz des großen Geldes.

Das bleibt auch nach dem Deal der Münchener Versicherung so: Es ist nicht bekannt, dass die Deutsche Börse oder die Europäische Zentralbank Abwanderungsgedanken in Richtung Süden hegten. Mit der Deutschen Bank bleibt Europas größtes Finanzinstitut in Frankfurt. Hinzu kommen dutzende kleinerer Institute. 340 Banken haben sich am Main niedergelassen. Sie beschäftigen knapp 70 000 Mitarbeiter. Da kann München nicht mithalten, auch wenn die Stadt sogar 452 Kreditinstitute zählt und das Gros der Privatbankiers hier ansässig ist. Dafür ist München bei Versicherungen Spitze. Mit 80 Gesellschaften stellt es den mit Abstand größten Versicherungsplatz in Deutschland und dürfte daher auch in Sachen Vermögensverwaltung die Nase vorn haben. Gemeinsam arbeiten für bayerische Banken und Versicherungen knapp 50 000 Angestellte. Es werden bald mehr sein. In der Bundesliga der Börsenschwergewichte, die ja auch eine Rangliste der Wirtschaftskraft ist, spielt München ganz vorn mit. Die Unternehmensberatung Simon, Kucher & Partners untersuchte die Marktkapitalisierung der im Dax, im M-Dax und im Nemax-50 enthaltenen Titel. München setzt sich mit einem Wert von 295,7 Milliarden Euro an die Spitze und lässt Frankfurt mit nur 105 Milliarden Euro hinter sich zurück. Gleich acht der schwergewichtigen Dax-Titel sind an der Isar beheimatet. Allein die graue Eminenz Münchener Rück kommt auf einen Börsenwert von knapp 60 Milliarden Euro. Verschwindet jetzt noch die Dresdner Bank vom Kurszettel, verschiebt sich das Schwergewicht weiter zu Lasten von Frankfurt. Der Stadt bleiben dann nur noch Deutsche Bank und Commerzbank.

Vorbei die Zeiten, in denen die drei Fixsterne Großbanken, Börse und Notenbank dem Planeten Frankfurt den Weg in die Zukunft wiesen. Zum Ausgleich für den Machtverlust im Finanzsektor bräuchte Frankfurt dringend junge Unternehmen. Neidvoll blickt Oberbürgermeisterin Petra Roth ins Isar Valley. In München sind Entrepreneure deutlich besser aufgehoben als in Frankfurt. Zu diesem Urteil kommt zumindest das Kölner Forschungsinstitut Empirica Delasasse beim Vergleich von 83 deutschen Städten. München rangiert immerhin auf Platz 22, Frankfurt auf Platz 59.

Wo es viele Existenzgründer gibt, da drängeln sich auch die Risikokapitalgeber. Hier ist die bayerische Landeshauptstadt mit mehr als 20 Venture-Capital-Gesellschaften schon heute die Nummer eins. Das Programm "Laptop und Lederhosen", eine Mischung aus staatlicher Förderung und Münchener Charme, kommt besser an, als das kühle Versprechen der Hessen, Karriere zu machen. Die bayerische Mischung ist schwer zu schlagen: Museen, Theater, Oktoberfest, Berge und Seen vor der Haustür, Venedig nur vier Stunden fern.

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