Wirtschaft : Altersversorgung: Die Risiken der Aktie stärker beachten

tmo

Wir schreiben das Jahr 2001. Die Riester-Rente hat die parlamentarischen Hürden genommen. Millionen Deutsche sollen sich künftig selbst um einen Teil ihrer Altersversorgung kümmern. Da trifft es sich gut, dass die Börsen seit einigen Wochen ihre lange Flaute beendet zu haben scheinen. Grafik: Weniger Aktien im Alter Was liegt also näher, als für das Alter mit Aktien vorzusorgen? Eigentlich nichts, meint Dirk Schiereck, Wirtschaftsprofessor an der Universität Witten-Herdecke. Voraussetzung: Die Investoren behalten die Risiken der Aktienanlage im Auge. Doch genau da hapert es nach Ansicht Schierecks. "Ich bin fest davon überzeugt, dass das langfristige Risiko der Aktie völlig unterschätzt wird", sagt der Lehrstuhlinhaber für Kapitalmärkte und Corporate Finance. Schiereck empfiehlt wie andere Experten auch: Mit zunehmendem Alter sollten private Anleger ihre Aktienquote senken.

Der Professor bezeichnet die oft zu hörende Aussage, wonach Aktien auf Dauer stets jede andere Anlageform schlagen, als "höchst fragwürdig". Sie basiere auf wenigen Erfahrungswerten. "Wir haben zum Beispiel für den deutschen Aktienmarkt kaum Zeiträume von dreißig Jahren, die sich nicht überlappen", sagt er. Außerdem sei die Anlagedauer bei typischen Sparplanmodellen unterschiedlich: Denn die spät eingezahlten Sparraten liegen nur kurze Zeit im Depot, bevor die Auszahlungsphase beginnt.

Nach Einschätzung von Jens Wilhelm, Leiter des Fondsmanagements bei der Dresdner-Bank-Tochter DIT, hatten im vergangenen Jahr viele Anleger im Zuge der High-Tech-Euphorie übertriebene Erwartungen. Erst die anschließende Korrektur habe manche Investoren auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. "Wir raten Anlegern, ihr Vermögen breit zu streuen und so die Risiken zu begrenzen", sagt Wilhelm.

Die Chance, dass Aktien nach zehn Jahren nur eine mickrige Rendite von weniger als vier Prozent per annum abwerfen, liegt nach Berechnungen von Gunter Löffler, Finanzexperte von der Universität Frankfurt (Main), immerhin bei eins zu fünf. Auch Matthias Fäth, Produktmanager bei der Oppenheim-Kapitalanlage-Gesellschaft hat Aktienrenditen im Zeitablauf untersucht. Dabei zeigten sich zwei Trends: Zum einen schwanken die Aktienerträge umso weniger, je größer der Anlagezeitraum ist - gut für langfristig orientierte Investoren.

Gleichzeitig steigt aber mit zunehmender Anlagedauer das Risiko extremer Abweichungen. Fäth erklärt das Phänomen so: "Bei einer Anlage über zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahre gleichen sich kurzfristige, etwa konjunkturelle, Risiken aus. Andererseits wird es aber wahrscheinlicher, dass ein sehr seltenes Ereignis wie eine Depression, ein Krieg oder eine Enteignung den Ertrag stark beeinflusst."

Das Argument mag theoretisch klingen. Aber ein Japaner, der seine Ersparnisse Ende der 80er Jahre an der Tokioter Börse investierte, hat heute nicht einmal die Hälfte davon übrig. Noch härter traf es Investoren, die sich vor dem Zweiten Weltkrieg im Deutschen Reich engagierten oder in Russland während oder nach der kommunistischen Revolution ihr Vermögen verloren. Solche politischen Umwälzungen mögen heute unwahrscheinlich erscheinen. Dafür sind die internationalen Finanzmärkte anfälliger geworden, was nicht zuletzt die Asienkrise und die Hightech-Baisse zeigen.

Daher empfiehlt der Oppenheim-Experte Fäth, die Vermögensstruktur im Zeitablauf zu variieren. "Wer jung und flexibel ist, kann sich eine weit höhere Aktienquote leisten als ältere Menschen, die mögliche Verluste kaum noch ausgleichen können", sagt Fäth. Mit jungen Jahren ist der Anlagehorizont noch lang genug, so dass der Anleger eine Verlustperiode durchstehen kann. Mit zunehmendem Alter sollten Anleger dann auf wertmäßig stabilere Vermögensformen wie Anleihen und Immobilien umsteigen. So bringt zum Beispiel der Kauf eines Eigenheims Stabilität ins Gesamtvermögen.

Übrigens: Auch der kritische Professor Schiereck setzt darauf, dass das Risiko der Aktienanlage auf Dauer mit einer höheren Rendite entlohnt wird. Er selbst hat sein Geld in weltweit anlegende, breit gestreute Aktienfonds investiert. "Man sollte die Leute aber besser auf die Risiken hinweisen, und man darf ihnen nichts versprechen", fordert der Kapitalmarktexperte.

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