Wirtschaft : Amerika setzt auf Handel statt Hilfe für Afrika

WOLFGANG KUNATH

Clintons Reise zum Schwarzen Kontinent hat handfeste wirtschaftliche Interessen untermauertVON WOLFGANG KUNATHDas Weiße Haus hatte eine längst vergessene historische Reminiszenz ausgegraben.Nicht Jimmy Carter war der erste amtierende US-Präsident, der - 1978 - afrikanischen Boden betrat, sondern Franklin Delano Roosevelt.Der mußte im Zweiten Weltkrieg auf dem Weg zur Konferenz von Casablanca und zurück jeweils eine Zwischenlandung im westafrikanischen Gambia machen, und als er im Januar 1943 die Lebensbedingungen in der britischen Kolonie sah, "entschloß er sich, nach dem Krieg die Entkolonialisierung Afrikas voranzutreiben", so ein Beamter des Weißen Hauses. Die etwas rührselige Episode macht sich im Zusammenhang mit der am Donnerstag zu Ende gegangenen Clinton-Reise besonders gut, denn sie scheint zu zeigen, daß Afrika den Amerikanern schon seit langem am Herzen liegt.Aber wenn man vom Kalten Krieg absieht, war Afrika den Amerikanern nie besonders wichtig.Bei ihrer Entwicklungshilfe sind sie eher knauserig.Die 665 Mill.Dollar, die die Weltmacht im Haushaltsjahr 1997 den 48 Staaten des Kontinents zukommen ließen, werden etwa von Frankreich und Japan übertroffen.Auch Bonn war 1996 mit 2,3 Mrd.DM für Afrika großzügiger. Die 107 Mill.Dollar, die Clinton in Afrika verteilt hat - hier ein paar Millionen für Grundschulen, da ein paar Millionen für die Polizisten- und Juristenausbildung in Ruanda und so weiter -, sind keine frischen Gelder.Wie man das eben so macht bei Staatsbesuchen: Es handelt sich um Beträge des laufenden Hilfshaushaltes für Afrika, die bloß umgewidmet wurden - ganz abgesehen davon, daß der Kongreß sie noch bewilligen muß.Immerhin soll der Etat für die Afrika-Hilfe im kommenden Haushaltsjahr von 700 auf 730 Mill.Dollar steigen.Solche Hilfszahlungen sind eher unbedeutend, wenn man sie mit der Verschuldung Afrikas vergleicht.235 Mrd.Dollar Schulden hat Afrika angesammelt, davon entfallen nur 4,6 Mrd.auf amerikanische Forderungen.Die 235 Mrd.wiederum sind, verglichen mit den internationalen Kapitalflüssen, eher bescheiden - bloß gemessen an den afrikanischen Volkswirtschaften sind sie Riesenbeträge.Die britische Hilfsorganisation Oxfam hat vorgerechnet, daß die Zinsen dieser Verschuldung ein Fünftel der Devisen verzehrt, die Afrika jährlich erwirtschaftet. Handel statt Hilfe, das ist der Leitsatz, unter den Clinton die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Supermacht und dem Armenhaus der Erde stellen will.Da kann der Präsident mit imposanten Zuwachsraten aufwarten: Der US-Handel mit Schwarzafrika wuchs 1996 um 18 Prozent, und damit lag er, wie schon im Jahr davor, deutlich über dem Wachstum des US-Außenhandels allgemein.US-Exporte nach Afrika beliefen sich 1995 - aktuellere Zahlen bieten auch US-Regierungsstellen nicht - auf gut sechs Mrd.Dollar, während Amerika für 15,2 Mrd.Dollar afrikanische Produkte einführte. Dieser Handelsbilanzüberschuß ist nur auf den ersten Blick überraschend.70 Prozent der amerikanischen Einfuhren sind Öl, meist aus Nigeria oder aus Angola.Energie und mineralische Rohstoffe, das ist es, was Amerika am Schwarzen Kontinent interessiert.Es ist die alte Struktur des Warentausches zwischen Dritter und Erster Welt: Rohstoffe gegen Fertigwaren.Wobei Afrika die Industrieprodukte lieber aus Europa importiert; daher der Handelsbilanzüberschuß Afrikas mit den USA.Die Einfuhren aus der Europäischen Union nach Afrika sind sechsmal so groß wie die aus den USA. Die US-Exporte über den Atlantik - zwischen Afrika und Nordamerika gibt es nicht einmal eine direkte Flugverbindung - umfassen weniger als ein Prozent aller US-Ausfuhren, und das wird auch dadurch nicht üppiger, daß die Amerikaner darauf hinweisen, in die Länder der früheren Sowjetunion führten sie noch weniger aus.Gleichwohl unterstreicht die Clinton-Regierung, daß rund 100 000 Arbeitsplätze vom Handel mit Afrika abhingen.Und natürlich wird argumentiert, daß 600 bis 700 Mill.Afrikaner einen großen Absatzmarkt darstellten. Auf diese Idee sind allerdings auch die Asiaten schon gekommen.Chinas Afrika-Handel etwa wuchs in den vergangenen Jahren noch schneller als der amerikanische, nämlich um 56 Prozent im Jahr 1995; für 1997 wurden immerhin noch 25 Prozent geschätzt.Asiatische Produkte sind billiger als Waren aus den klassischen Industrienationen, deshalb haben sie in Afrika beste Marktchancen.So liegt es nahe, daß hinter Clintons Bekenntnissen zum Handel die Furcht vor der Eroberung Afrikas durch die Asiaten steckt.

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