Wirtschaft : Amerikanische Forscher arbeiten am elektronischen Papier

Folker Lück

Seit den siebziger Jahren erfreuen Zaubertafeln kleine und große Kinder: Auf eine Kunststofffolie kann man Texte und Bilder kritzeln und anschließend mit einem Schieber in Sekundenschnelle wieder verschwinden lassen. Ebenfalls seit den siebziger Jahren arbeiten US-Forscher daran, das Grundprinzip der Zaubertafel zu perfektionieren. Das Ergebnis könnte unser Leben in den kommenden Jahren fast so stark verändern wie einst die Erfindung der Glühbirne oder des Automobils. Zeitungen enden nicht mehr als Altpapier, sondern werden einfach nach Bedarf mit neuem Inhalt geladen. Wandgroße Plakate zeigen Rembrandts Nachtwache oder pünktlich um 20 Uhr die Tagesschau. Statt einer zwanzigbändigen Enzyklopädie benötigt man nur noch einen einzelnen Band, der wahlweise "A bis B" oder auch "X bis Z" darstellt.

Wer das für Science Fiction hält, könnte schon bald von den fertigen Papierbahnen überrollt werden. Am weitesten fortgeschritten scheint das amerikanische Unternehmen E-Ink zu sein, das bereits der amerikanischen Drogeriemarktkette J.C. Penney Tafeln zum Plakatieren ihrer aktuellen Sonderangebote verkauft hat. Noch in der ersten Hälfte dieses Jahres wollen Xerox und 3M mit ihrem Produkt "Gyricon" (zusammengesetzt aus "gyro", griechisch für rotieren, und "icon", englisch für Symbol) folgen.

An E-Paper arbeiten Spezialisten im Massachussetts Institut of Technology (MIT) in Cambridge oder dem Xerox Palo Alto Research Center (PARC) im Silicon Valley. Hinter den Forschungsarbeiten steht die geballte Finanzmacht von Weltunternehmen: Das Kopf-an-Kopf-Rennen liefern sich IBM, der Kopiererhersteller Xerox gemeinsam mit 3M und der Hersteller von Netzwerk-Produkten Lucent mit dem strategischen Partner E-Ink Corporation, einer eigens zur Elektrotinten-Herstellung gegründeten Startup-Company. An E-Ink sind auch Motorola und die deutsche Veba beteiligt. Die großen Konzerne haben erkannt, dass die neue Technik das Zeug hat, ganze Industriezweige wie die Druck- und Papierindustrie, die Monitor- und Druckerproduktion, aber auch das Verlagsgeschäft umzukrempeln.

Die Technologie ist so genial wie einfach: Grundbestandteil ist eine tintenähnliche Flüssigkeit, vergleichbar mit dem Tonermaterial der Laserdrucker. Was der Mensch als gedruckte Einheit wahrnimmt, sind tatsächlich unzählige, jeweils 250 Mikrometer kleine Kapseln, gefüllt mit Farbstoff. Extrem schwache elektronische Impulse sorgen bei der einfachsten Kapsel-Variante dafür, dass diese sich dreht und damit für das menschliche Auge entweder die Farbe Schwarz oder Weiß darstellt. Eingebettet sind die schwarz-weißen Bällchen in eine hauchdünne Matrix, die etwa zweieinhalb Mal dicker ist als eine herkömmliche Zeitungsseite und sich ähnlich wie beschichtetes Papier anfühlt. Ziel ist, einen papierähnlichen Film zu produzieren, der genauso flexibel und leicht zu lesen ist wie Tinte auf Papier.

Nach heutigem Stand lassen sich auf elektronischem Papier dieser Art Buchstaben und Grafiken mit einer Auflösung von etwa 100 Bildpunkten pro Inch (dpi) darstellen, gut geeignet für das Werbeplakat im Supermarkt, aber doch noch deutlich entfernt von einer Zeitungsseite. Die Forscher im Xerox PARC arbeiten seit 1978 an dem Projekt, doch erst der Boom des Internets hat die Arbeiten forciert. Noch erinnert das elektronische Papier mit dem Projektnamen Gyricon an ein dünnes LC-Display mit Graustufen-Darstellung. Doch Xerox-Entwickler Nicolas Sheridon ist zuversichtlich: "Die Stärke von Gyricon ist seine absolute Flexibilität. Die Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten lässt sich heute noch gar nicht ganz einschätzen."

Neben vielen Anwendungsbereichen spricht das niedrige Gewicht, die Wiederverwendbarkeit und der im Vergleich zu heutigen Displays geringe Energieverbrauch für das neue Produkt. Beim Einsatz als Zeitungspapier wäre keine konstante Leistungsaufnahme notwendig. Nach dem Laden eines neuen Inhalts zeigt die elektronische Druckschrift den Inhalt auch fernab jeder Steckdose an. Ein Bogen Zeitungspapier würde Schätzungen zufolge zwischen zwei und 20 Mark kosten und könnte mindestens mehrere tausend mal neu geladen werden. Dies könnte vielen Bäumen das Leben retten aber auch so manchen Papierhersteller in den Ruin treiben.

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