Amorelie und Dildoking : Wie Berlins Online-Sexshops mit Plakatwerbung experimentieren

Der Online-Sexspielzeug-Händler Amorelie hat in Berlin 200 große Werbetafeln beklebt. Es ist ein teures Experiment. Der Konkurrent Dildoking hatte es auch mal versucht - und war sofort damit gescheitert.

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"Multiple Orgasmen": Der Sexshop Amorelie hat für zwei Wochen 200 große Plakatflächen gebucht - vorerst nur in Berlin.
"Multiple Orgasmen": Der Sexshop Amorelie hat für zwei Wochen 200 große Plakatflächen gebucht - vorerst nur in Berlin.Foto: Kevin P. Hoffmann

Eine Wäscheklammer? Ein Raumschiff? Ein Dosenöffner vielleicht? Das Objekt auf dem Plakat ist für den unbedarften Betrachter auf den ersten Blick kaum zu identifizieren. Es ist derzeit auf 200 Großplakaten und tausenden kleinen Plakaten in Berlin – und nur in Berlin – abgebildet. Der knappe Text dazu verrät nichts über das Objekt selbst, mehr über dessen Funktion, also das, was man bei sachgerechter Anwendung bestenfalls damit erreichen können soll: „multiple Orgasmen“, heißt es.

Die gibt es, so wirbt der noch junge Berliner Sexspielzeug- und Dessoushändler Sonoma Internet mit seiner Marke Amorelie, derzeit für 79,90 Euro. Und wer bei der Onlinebestellung das naheliegende Gutscheinstichwort „Love“ eingibt, erhält 15 Prozent Rabatt.

Es ist ein Experiment, erst mal begrenzt auf zwei Wochen, teilt die Firma mit. Noch bis Montag will das 2012 gegründete Start-up mit Büros am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer ausloten, ob man auf diese Weise die ganz breite Öffentlichkeit erreichen kann – und nicht nur sexuell besonders aufgeschlossene Zielgruppen, die sich auf einschlägigen Internetseiten tummeln. „Bei Offlinekampagnen ist es immer schwerer, den Erfolg zu messen, als bei Onlinekampagnen“, sagt Amorelie-Sprecherin Johanna Rief. Man habe den Gutscheincode auf die Plakate gedruckt, um anhand der Einlösungen zu messen, wie die Werbung ankommt. „Mit den bisherigen Ergebnissen sind wir sehr zufrieden“, beteuert sie.

"Der öffentliche Raum ist ja nicht nur für Kinder da"

Die Plakate hat die Firma mit insgesamt 75 Mitarbeitern bei sich im Haus erstellt. Die Idee dazu kam von der Agentur Brandtouch. Und weder Kinderschutzbund noch Deutscher Werberat haben ein Problem mit dieser Komposition. Nur eine Beschwerde habe es gegeben, heißt es beim Werberat. „Aber hier wird auf sexuell eindeutige Motive verzichtet. Und wenn doch mal ein Kind fragt: ‚Mama, was ist das?‘, dann wird man das seinem Kind wohl erklären müssen“, sagt die Vorsitzende Julia Busse. „Der öffentliche Raum ist ja nicht nur für Kinder da.“

Kritisch werde es, wenn Frauen in erniedrigenden Positionen gezeigt würden, sagt Busse. Das zumindest ist hier ganz offensichtlich nicht der Fall. „Wir bei Amorelie sind auch Mutter, Vater, Tante, Onkel, Cousin oder große Schwester von jemandem, und deshalb wissen wir aus eigener Erfahrung, dass Kinder an diesen Motiven nichts Anstößiges finden, beziehungsweise gar nicht wissen, was darauf abgebildet ist“, sagt Firmensprecherin Rief. Und sollte ein Kind doch einmal fragen, was das sei, könne man ja sagen: „Spielzeug für Erwachsene.“

Im Quelle-Katalog hieß der Vibrator "Massagestab"

Wer mit Sexartikeln handelt, muss wie jeder andere Händler auch an die Öffentlichkeit treten, um seine Marke bekannter als die des Wettbewerbers zu machen. Das ist bei diesen Artikeln naturgemäß kompliziert, weil die Werbung leicht religiöse oder moralische Einstellungen verletzen kann. Plakatwerbung, Anzeigen in allgemeinen Tages- und Wochenzeitungen, TV- und Radiospots zur besten Sendezeit oder Bannerwerbung im Stadion sind – anders als Internetwerbung auf Seiten für Erwachsene – auch für jedermann sichtbar, der nicht danach sucht.

Die traditionellen Versandhändler Quelle und Otto haben bereits vor Jahrzehnten in ihren mehr als 1000-seitigen Katalogen Vibratoren nur als „Massagestäbe“ getarnt angeboten. Das Unternehmen Beate Uhse, die Mutter aller deutschen Erotikhändler, hatte es nach dem Börsengang 1999 extrem schwer, immer größere Gruppen zum Kauf von Sexprodukten zu animieren.

Konkurrent Dildoking hält am Penis-Logo fest

Der Berliner Erotikversandhändler Clickpool ist bereits seit 2004 mit seiner Marke Dildoking im Geschäft. Das Unternehmen mit 30 Mitarbeitern verschickt vom Stadtteil Weißensee alles von der Analkugel bis zur Rundgummipeitsche. Auch er wirbt im öffentlichen Raum, zwar ebenfalls ohne Busenmotive, aber mit einem Logowappen, das drei stilisierte Penisse zeigt. Dildokings Werbespruch dazu lautet: „Riesige Auswahl zu geilen Preisen“. Ein ganz anderer Ansatz als bei Amorelie.

Clickpool hatte vor fünf Jahren über die Wall AG am Berliner U-Bahnhof Wittenbergplatz ein – eher kleines – Plakat mit seinem Pimmellogo aufhängen lassen. Das soll eine Senatorin mit ihrem Kind unterwegs gesehen haben. Die beschwerte sich bei der BVG, die BVG bei Wall. „Nach 24 Stunden war das Plakat wieder weg“, erinnert sich Bernd Hoffmeister von Clickpool. Seither schalte man nur Werbung auf Uhren an Straßenkreuzungen und beklebe Fahrzeuge. Das eigentümergeführte Unternehmen, das ganz ohne Fremdfinanzierung gewachsen sei, wolle kein Geld mehr für Werbeexperimente ausgeben. „Wir sind klarer, direkter, männlicher in unserer Ansprache, obwohl etwas mehr als die Hälfte unserer Kunden weiblich ist“, erklärt Firmensprecher Hoffmeister.

Zahlen sollen Investoren heiß machen

Konkurrentin Sonoma Internet kommt mit Amorelie deutlich weiblicher daher. Das Unternehmen wurde Ende 2012 von Sebastian Pollok und Lea-Sophie Cramer gegründet. Die hatte ihre Karriere beim Rabattgutscheinportal Groupon und im Rocket-Internet-Konzern begonnen. Pollok und Cramer haben mittlerweile 75 Prozent der Anteile ProSiebenSat.1 verkauft – und womöglich auch daher Mittel, um viele TV-Werbespots zu schalten.

Ob Dildoking oder Amorelie, die den gleichen Markt bedienen, am Ende potenter ist, wird sich zeigen. Beide sind nicht börsennotiert, können daher wenigstens ihre Geschäftszahlen ein wenig verhüllen. Die Betreiber von Amorelie sagen nur, dass sie den Umsatz von 2013 auf 2014 um 800 Prozent gesteigert haben. Das soll wohl weitere potenzielle Investoren heiß machen.

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