Wirtschaft : An den lieben Euro

IRMGARD LOCHER

Lieber Euro

Wir haben Dich nicht gerufen, aber nun stehst Du vor unserer Tür.Da wir ein gastfreundliches Land sind und nichts gegen fremdes Geld haben, heißen wir Dich herzlich willkommen.Willkommen im Land der Uhren (Nicolas G.Hayek), der Ufos (Erich von Däniken) und der lila Kühe (Milka).Natürlich auch im Land der Banken, was Dich speziell interessieren dürfte.Und wo Banken sind, sind auch Millionäre, wie Du sicher bald herausfinden wirst.Wir haben einige davon.Wobei wir auch die lieben Milliardäre nicht vergessen wollen, die sich bereit erklärt haben, Dir eine Niederlassungsbewilligung für ihr Portemonnaie zu geben.

Das Schweizer Wirtschafts-Magazin "Bilanz" veröffentlicht jedes Jahr die Namen der reichsten Schweizer, also jener, die mindestens 100 Mill.Franken auf die Waage bringen.In den vergangenen zehn Jahren ist deren Zahl von 100 auf 250 hinaufgeklettert, und all die Reichen und Superreichen sind inzwischen um 172 Mrd.Franken reicher geworden.Nur zum Vergleich: Die Staatsschulden der Schweiz betragen so um die 100 Mrd.Aber das ist nicht so schlimm, denn jetzt sitzen die maßgebenden Politiker am runden Tisch und überlegen, was man dagegen unternehmen könnte.Noch ein Wort zu den Reichen.Das sind keineswegs nur Leute aus Industrie und Wirtschaft.Die Rocklady Tina Turner zum Beispiel, die seit drei Jahren in der Schweiz wohnt, hat zwischen 200 und 300 Mill.Franken auf der hohen Kante.Die Miete für eine Villa am Zürichsee, monatlich rund 25 000 Franken, kann sie quasi aus der Portokasse nehmen.

Doch, lieber Euro, Arme haben wir auch.Ungefähr jeder Neunte im Lande ist in den vergangenen Jahren unter die Armutsgrenze gerutscht.Früher gehörten hauptsächlich die alleinerziehenden Mütter dazu.Heute sind 60 Prozent der Armen junge Paare unter 40 Jahren, mit zwei oder mehr Kindern; sie stehen voll im Erwerbsleben, ohne aber genug zum Leben zu haben.Ähnlich geht es vielen Rentnern und Behinderten, doch die sollen jetzt mal schön ruhig sein, denn ab 1.Januar erhöht sich ihre Rente um ein ganzes Prozent.Wer die Minimal-Altersrente von 995 Franken bezieht, der kann also künftig mit 1005 Franken rechnen.Das sind respektable zehn Franken im Monat - einfach so zum Verprassen.

Da wir noch nicht so recht wissen, wie stabil Du bist, lieber Euro, möchten wir uns Dir - das wirst Du verstehen - nicht gleich an den Hals schmeißen, obwohl unsere Notenbank, die Nationalbank, "in der einen oder anderen Art eine lose Verbindung" mit Dir anstrebt.Aber zugetan sind wir Dir schon, weil schließlich 60 Prozent unserer Exporte in EU-Länder gehen und 80 Prozent der Importe von dort kommen.Also werden wir uns daran gewöhnen müssen, Rechnungen in Deiner Währung zu erstellen oder zu bezahlen.Und was uns besonders an Dir gefällt: Du bist nicht so ein windiger Papiertiger, wie es der Ecu war, sondern Dich können wir in die Hand nehmen.Und mit Dir können wir hoffentlich verdienen.Darauf freuen sich schon jetzt.

Deine Schweizer Eidgenossinnen und Eidgenossen.

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