Wirtschaft : An der Bundeswehr gutes Geld verdienen

PETER BOLM

Aber noch gehen die Milliardenströme an Berlin vorbei / Das meiste Geld fließt in den BauVON PETER BOLM

Mit über 46 Mrd.DM gehört der Etat des Bonner Verteidigungsministers wie in den Jahren davor 1998 wieder zu den attraktivsten Finanztöpfen in Deutschland.Wenn auch rund 51 Prozent der Mittel neben den allgemeinen Personalkosten in die Lohntüten von Soldaten und zivilen Angestellten wandern und damit in den statistisch nur ungenau zu erfassenden Wirtschaftskreisläufen der Länder und Kommunen verschwinden, winken den Teilnehmern am Wettlauf um die Restmilliarden immer noch recht stattliche Aufträge.Durch Teilung und politisches Vertragswerk von den Finanzströmen der Bundeswehr über Jahrzehnte abgeschnitten, bekam die Berliner Wirtschaft erst nach Öffnung der Mauer die Möglichkeit, diese zusätzlichen Einnahmequellen zu nutzen. Wie die neuen Bundesländer muß die Hauptstadt dabei allerdings die Erfahrung machen, daß der späte Eintritt in die dicht gestaffelten Reihen der Konkurrenz zunächst ein Höchstmaß an Bescheidenheit voraussetzt.Während andere Regionen spätestens mit Aufnahme der Bundeswehr in die Europäische Allianz durch die Schaffung der entsprechenden industriellen Strukturen vom weltweiten Rüstungsgeschäft profitierten, gingen in Berlin die Lichter aus.Ganze Industriebereiche wurden liquidiert.Für eine Revitalisierung ist es inzwischen zu spät.Die Folgen sind an einer Auftragsstatistik der Bundeswehr unschwer ablesbar.Im sechsten Jahr der Einheit 1996 landeten von 952 000 Aufträgen in einer Größenordnung von 15,3 Mrd.DM lediglich 8017 in der Spreemetropole.Damit bildet sie in der Reihenfolge aller Bundesländer das Schlußlicht.Auch beim Auftragswert hatte Berlin das Nachsehen und belegte mit 38,3 Mill.DM an der Seite von Sachsen/Anhalt (34,2 Mill.DM) den letzten Platz. Angeführt wird die Marschkolonne durch die Großverdiener Hamburg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg, die es auf insgesamt über 12 Mrd.DM bringen.Hier müssen die Hauptstädter passen: für eine "Fregatte F124", die "Panzerhaubitze 2000" oder die "Flak Tz Gepard" gibt es vor Ort weder Werft noch Waffenschmiede.In anderen Bereichen könnte sich Berlin dagegen künftig stärker beteiligen.Immerhin gab die Bundeswehr im vergangenen Jahr allein für Schienenfahrzeuge, elektrotechnische und chemische Erzeugnisse sowie Dienstleistungen mehr als 3 Mrd.DM aus. Unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Stoßrichtung baut die Bundeswehr ihre Präsenz in der deutschen Hauptstadt weiter aus.Als verantwortlicher Kommandant hat sich Brigadegeneral Hans Helmut Speidel vorgenommen, Berlin in den nächsten Jahren nach Köln und Koblenz zum drittstärksten Standort zu machen.Schon heute sind in der Stadt 3000 Soldaten stationiert.Etwa 2000 zivile Angestellte runden das Bild ab.Ziel ist es, die Mannstärke der Truppe auf 5000 Soldaten zu erhöhen.Auch der zivile Bestand soll kräftig aufgestockt werden.Ob die ehrgeizigen Pläne des Berlin-Generals realisierbar sind, wird nicht zuletzt vom Willen des Verteidigungsministers abhängen, der von 1999 an Gelegenheit hat, die Verbundenheit mit seinem neuen Dienstsitz an der Spree unter Beweis zu stellen.Einen kleinen Schönheitsfehler weist die Wehrbilanz bereits auf: das in der Blücher-Kaserne in Kladow untergebrachte Jägerbataillon 581 - spezialisiert auf Orts- und Häuserverteidigung - ist der bisher einzige Kampfverband in der Metropole. Wenn auch die Großaufträge von Luftwaffe, Marine oder Heer nicht an die Berliner Industrie vergeben werden, hat sich die Bundeswehr vor allem durch Unterhalt und Baumaßnahmen ihrer sieben größten Standorte in der Stadt zu einem nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor entwickelt.Mit einem Ausgabevolumen von jährlich 135 Mill.DM konnte sich die Standortverwaltung (StOV) mit ihren Finanzbatterien bisher am besten positionieren.Erst seit dem 14.Dezember 1995 vor Ort, ist sie unter den Truppenteilen und Dienststellen die jüngste Behörde. Als verlängerter Arm der Wehrverwaltung des Bundes gehört es zu ihren Aufgaben, für den Personal- und Sachbedarf der Streitkräfte zu sorgen.Oberster Dienstherr der 400 zivilen Beschäftigten ist Clemens Köyer.Sein Hauptquartier: die Julius-Leber-Kaserne in Wedding - zu Mauerzeiten Kommandozentrale der Franzosen und nur einen Steinwurf vom Flughafen Tegel entfernt. Daß die Standortverwaltung - eine der größten in Deutschland - inzwischen zur begehrten Adresse geworden ist, zeigt die Bandbreite ihrer Auftragspalette.Sie reicht von der Einkleidung, Verpflegung und dem Mobiliar in den Unterkünften bis hin zum Trennungsgeld der Soldaten und der Pflege ihrer Sportplätze und Schwimmbäder.Gleichzeitig ist die Standortverwaltung als Haus- und Grundstückseigner für 24 Liegenschaften verantwortlich, die sich mit 540 Hektar und rund 520 000 Quadratmetern genutzter Fläche über ganz Berlin ausdehnen.Die Größenordnung ist Gradmesser für den Umfang der zu erhaltenden Substanz.Rund 67 Mill.DM gab Clemens Köyer zuletzt für den Bauunterhalt der Gebäude aus.Das ist der mit Abstand dickste Brocken auf seiner Ausgabenliste. Dem Bonner Rotstift hat Köyer allerdings wenig entgegenzusetzen.Die im laufenden Geschäftsjahr für Berlin und die neuen Bundesländer zur Verfügung gestellten Mittel für Bauunterhaltung in Höhe von 420 Mill.DM bedeuten einen tiefen Einschnitt um fast 45 Prozent.Damit verringert sich auch für die Hauptstadt das Volumen gegenüber dem vergangenen Jahr um mehr als 30 Mill.DM.Geht es in diesem Tempo weiter bergab, ist der Infrastrukturplan der Berliner Standortverwaltung, der für die nächsten fünf Jahre rund 360 Mill.DM in Rechnung stellt, wohl nicht umzusetzen.Für Umbau, Neubau und Erweiterung gab die Behörde 1996 zusätzlich 16,7 Mill.DM aus.Auch hier sind Wunsch und Wirklichkeit noch weit voneinander entfernt.Viele der sogenannten großen Baumaßnahmen in Berlin, die als notwendig betrachtet werden, mußte die Verwaltung wegen der Mittelkürzung ohne Termin in die Infrastrukturplanung zurückstellen. Am wenigsten sparen läßt sich bei der Verpflegung der Truppe.Rund 3 Mill.DM gab die Verwaltung im letzten Jahr zum Beispiel für Käse, Fleisch, Butter, Brot, Obst, Gemüse oder Kartoffeln aus.Insgesamt 893 000 Kilo.Der größte Teil der Aufträge ging hierbei an Firmen in Berlin und Brandenburg.Für viele war überraschend, wie hart die Bundeswehr im Einzelfall verhandelt.Grund sind die knappen Mittel und der preiswerte Standard in den Berliner Kasernen.Ein Mittagessen, das auch Angestellte und Beamte in Anspruch nehmen können, kostet 2,35 DM, die Vollverpflegung über den ganzen Tag nur 5,85 DM."Wer bei diesen Preisen wegbleibt, ist selber Schuld", sagt Clemens Köyer, zusammen mit 2000 Soldaten und Zivilisten überzeugter Kantinengänger. Auch bei den Aufträgen und Bestellungen - hier ging es 1996 für Handwerksbetriebe, Dienstleister, Handel und Hersteller immerhin um einen Betrag von 16,7 Mill.DM - beweisen sich die Einkäufer der Standortverwaltung als knallharte Verhandlungspartner.Angebote, die mit unseriöser Kalkulation die Marktpreise unterlaufen, werden nicht berücksichtigt.Schwarze Schafe sind überall dabei, sagt Köyer.Natürlich weiß der Standortleiter, daß er als Vertreter der Firma Bundeswehr mit dem eher schmalen 135-Mill.-DM-Etat erst am Anfang einer Unternehmenskarriere steht.Und mit Blick auf die leeren Staatskassen gilt dabei - wie für alle anderen Unternehmen in der Stadt - das Prinzip Hoffnung.

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