Angriff auf Snapchat : Facebooks neue Klonattacke

Der Konzern will in großem Stil Selfie-Filter wie Snapchat bieten - eine Spielerei, die den Konkurrenten populär machte. Zuckerberg setzt damit stark auf das Prinzip der Augmented Reality.

Oliver Voss
Facebook ahmt die Snapchat-Filter nach und setzt auf das Pokémon-Prinzip Foto: Justin Sullivan/Getty Images/AFP
Facebook ahmt die Snapchat-Filter nach und setzt auf das Pokémon-Prinzip Foto: Justin Sullivan/Getty Images/AFPFoto: AFP

Mark Zuckerberg ist es gelungen, seinen gefährlichsten Rivalen in Schach zu halten. Snapchat war in den vergangenen zwei Jahren vor allem bei Jugendlichen immer populärer geworden. Und im Gegensatz zu anderen beliebten Diensten wie WhatsApp und Instagram widerstand Snapchat-Gründer Evan Spiegel auch den Übernahmeangeboten des Facebook-Chefs.

Angriff auf Snapchat

So begann Zuckerberg, die Funktionen von Snapchat schlicht zu kopieren. Insbesondere die sogenannten „Stories“, Kombinationen aus Videos und Bildern, die nur für 24 Stunden sichtbar sind. Vor zwei Wochen wurde die Stories-Funktion auch bei Facebook integriert. Doch während sie dort bislang offenbar wenig genutzt wird, sind die sich selbst zerstörenden Inhalte bei der Facebook-Tochter Instagram enorm populär. 200 Millionen Menschen schauen sie sich inzwischen täglich an. Damit hat Instagram auch den Erfinder überholt: Denn Snapchat hat nur 160 Millionen täglich aktive Nutzer.

Doch das war erst der Anfang. Bei seiner jährlichen Entwicklerkonferenz im kalifornischen San Jose zündete Zuckerberg am Dienstag die nächste Stufe der Klonattacke: Künftig sollen Nutzer von Facebook und den Tochter-Apps unzählige Filter und Kameraeffekte bekommen, um Selfies zu verfremden.

Facebook bietet Plattform für Selfie-Filter

Auch diese Spielerei hat Snapchat populär gemacht: Nutzer können sich mit den Filtern beispielsweise Hundeohren aufsetzen oder speien einen Regenbogen. Doch während bei Snapchat immer nur eine begrenzte Zahl dieser Effekte zur Auswahl steht, will Facebook die Zahl der Filter radikal ausweiten. „Statt zwanzig oder dreißig wird es tausende geben“, sagte Zuckerberg. Denn Facebook stellt eine Plattform zur Verfügung, mit der Programmierer selbst solche Filtereffekte entwickeln können.

Das ist zudem ein Angriff auf das bislang wichtigste Alleinstellungsmerkmal von Snapchat bei Werbekunden. Denn der Rivale punktete nicht durch klassische Werbespots oder Anzeigen, sondern eben solche Filter, die Unternehmen gestalten konnten — gegen Bezahlung. Doch nun präsentiert auch Facebook ähnliche Optionen: Sportler können sich ein virtuelles Nike-Stirnband aufsetzen und ihre Laufzeit auf dem Foto einblenden. Fußballclubs wie Manchester United bieten die Option, Spielergebnisse oder Stadionsounds in Bilder zu integrieren.

Zuckerberg setzt damit stark auf das Prinzip der Augmented Reality (AR), also der erweiterten Realität. Millionen lernten das durch das Spiel Pokémon Go kennen, bei dem im Smartphone Bilder aus der Umgebung mit Monstern überlagert werden. „Wir machen die Kamera zur ersten großen Augmented-Reality-Plattform“, sagte Zuckerberg.

Auch Apple und Microsoft setzen auf Augmented Reality

Derzeit arbeiten viele Unternehmen an solchen Anwendungen. Apple soll sich damit beschäftigen, Konzernchef Tim Cook betonte mehrfach, dass er viel von Augmented Reality erwarte. Microsoft hat die Hololens entwickelt, eine Brille mit der Gegenstände in das Sichtfeld eingeblendet werden können. Derzeit experimentieren vor allem Unternehmen damit.

„Die Entwicklung wird zu Brillen oder vielleicht sogar Kontaktlinsen führen“, sagte auch Zuckerberg. Diese könnten beispielsweise Touristen Informationen über die Umgebung einblenden oder ein virtuelles Schachbrett auf den Tisch projizieren, wie der Facebook-Chef vorführte.

Viele Experten sehen in solchen Cyberbrillen mehr Potenzial, als bei reinen Virtual Reality Anwendungen wie Facebooks Oculus Rift. Mit diesen Brillen taucht der Nutzer ganz in künstliche Welten ab, ist daher aber auch stärker von der Realität abgeschlossen. Auch deswegen sind die VR-Brillen bislang noch ein Nischenmarkt.

Zudem sind sie teuer und die Oculus-Brille benötigt leistungsfähige Computer. Das könnte sich aber künftig ändern: Zuckerberg zeigte einen Prototypen, der funktionieren soll, ohne zusätzliche einen Rechner oder Smartphone anzuschließen.

Um Vitual-Reality attraktiver zu machen präsentierte Facebook zudem "Spaces", virtuelle Räume, in denen sich bis zu vier Freunde in Form von Comicavataren treffen und miteinander sprechen oder gemeinsam Videos schauen können.

Bei einer möglichen AR-Brille ist ihm allerdings Snapchat schon wieder voraus. Das Unternehmen verkauft bereits eine Sonnenbrille mit eingebauter Kamera. Die könnte künftig auch erweitert werden, um dort künstliche Gegenstände einzublenden.

Aufregung um Mord-Video bei Facebook

In anderen, viel realeren Bereichen gab es dagegen wenig Neues. Denn im Zusammenhang mit Facebook wird weltweit seit Monaten vor allem über Hasskommentare und Fake News gestritten. Gerade jetzt sorgt ein neuer Fall aus den USA für Aufregung: Am Sonntag veröffentlichte ein Mann auf Facebook ein Video, in dem zu sehen ist, wie er einen 74-Jährigen aus nächster Nähe erschießt.

Man wolle alles tun, um solche Tragödien zu verhindern, sagte Zuckerberg. Konkreter wurde er nicht. „Wir überprüfen unsere Prozesse“, hatte zuvor schon Vizepräsident Justin Osofsky erklärt. So solle sichergestellt werden, dass solche Inhalte schnell und einfach gemeldet werden können. Facebook erhielt eine Stunde und fünfundvierzig Minuten nach der Veröffentlichung des Mordvideos einen Hinweis darauf. Nach 23 Minuten wurde der Account deaktiviert. „Wir müssen besser werden“, sagte Osofsky.

Doch während auf der Facebook-Konferenz wieder ausgiebig die enorme Qualität von Künstlicher Intelligenz und Bilderkennung gerühmt wird, scheut sich der Konzern diese Technologien einzusetzen, um problematische Inhalte schon vorab auszufiltern. Stattdessen setzt Facebook weiter auf das Prinzip, Inhalte erst zu sperren, wenn sie von anderen Nutzern gemeldet wurden.

Zuckerberg bleibt Antworten schuldig

Weltweit beschäftigt der Konzern tausende Angestellte, um problematische Inhalte zu sichten. In Deutschland arbeitet Facebook dabei mit dem Dienstleister Arvato zusammen. Der beschäftigt in seinem Löschteam in Berlin 600 Personen. Bis zu 2000 Beiträge muss jede von ihnen täglich sichten und sperren, von Tierquälerei über Kinderpornografie bis hin zu Enthauptungsvideos. Nach Medienberichten über die Arbeitsbedingungen und die enorme psychische Belastung hatte die Berliner Arbeitsschutzbehörde das Löschzentrum kürzlich kontrolliert. „Es gibt noch keine abschließenden Prüfungsergebnisse“, sagte eine Sprecherin der zuständigen Senatsverwaltung.

Der Umgang mit Falschmeldungen ist eine weitere Herausforderung. Seit Kurzem veröffentlicht Facebook „Tipps zum Erkennen von Falschmeldungen“ und schaltete in Deutschland dazu Anzeigen. Welche Maßnahmen Facebook sonst ergreift, dürfte derzeit viele Menschen stärker interessieren als Zuckerbergs Virtual-Reality-Visionen. Denn auch der politische Druck auf das Unternehmen steigt: So ist in Deutschland ein Gesetz geplant, dass Facebook klare Fristen zur Löschung von strafbaren Inhalten auferlegen würde und bei Verstößen mit Bußgeldern droht.

„Die Gesellschaft ist gespalten“, räumte Zuckerberg ein. Facebook arbeite weiter daran, Menschen zusammenzubringen, Gemeinschaften und eine besser informierte Gesellschaft zu bilden. Neue Antworten auf die vielen Fragen dazu blieb er jedoch schuldig.      

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