Wirtschaft : "Anleger geraten künftig schneller

Das erste rot-grüne Steuerpaket liegt seit einer Woche auf dem Tisch.Was halten Verbraucherschützer davon? Henrik Mortsiefer fragte Volker Pietsch, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Berlin.

TAGESSPIEGEL: Herr Pietsch, würgen die Steueränderungen zum Sparerfreibetrag und zu den Spekualtionsfristen die Aktienkultur in Deutschland ab?

PIETSCH: Zumindest versetzen sie der hierzulande erst entstehenden Aktienkultur einen Dämpfer.Wir registrieren bei den Anlegern, die Rat bei uns suchen, eine enorme Verunsicherung.Viele waren sozusagen auf dem Sprung zur Aktien- und Fondsanlage.Nun herrscht große Ratlosigkeit: Welche Steuerpakete hat die Regierung noch auf Lager?

TAGESSPIEGEL: Wer ist besonders hart getroffen?

PIETSCH: Der gesenkte Sparerfreibetrag trifft vor allem jene, die in festverzinsliche Wertpapiere investiert haben.Und das sind trotz Aktien-Booms noch viele Sparer.Wer über den Freibetrag hinaus Zinsen kassiert, sitzt aufgrund der Senkung des Freibetrages künftig schneller in der Steuerfalle.

TAGESSPIEGEL: Konterkarieren die rot-grünen Steueränderungen nicht die auf der anderen Seite vom Staat geförderte und geforderte private Altersvorsorge?

PIETSCH: Zum Teil.Die Verlängerung der Spekulationsfristen betrifft die private Altersvorsorge ja nur wenig, weil ein Fondssparer in der Regel seine Fondsanteile nicht jedes Jahr neu umschichtet, sondern langfristig hält.Aber das positive Sparverhalten insgesamt wird zurückgedrängt, wenn die Anleger vom Gesetzgeber verunsichert werden.

TAGESSPIEGEL: Fahren Anleger besser, wenn sie ihr Geld im Ausland anlegen?

PIETSCH: Mit Sicherheit nicht.Gleichwohl ist zu befürchten, daß es eine neue Flucht ins Ausland geben wird.

TAGESSPIEGEL: Die Bundesregierung wollte eigentlich Steuerschlupflöcher stopfen.Ist das Projekt gescheitert?

PIETSCH: Die steuerrechtliche Geltendmachung von Verlustzuweisungen bei Schiffs- und Flugzeugbeteiligungen ist beschnitten worden.Völlig unverständlich ist aber, daß man dubiosen Anlagefirmen mit ihren Steuersparmodellen weiterhin Tür und Tor öffnet.

TAGESSPIEGEL: Warum?

PIETSCH: Der riesige Markt der sogenannten stillen Beteiligungen ist vom Gesetzgeber - bewußt oder unbewußt - vergessen worden.Das Geschäft mit steuersparenden Verlustzuweisungen wird Abzockern weiter leicht gemacht.90 Prozent der dubiosen Kapitalanlagefirmen werben mit Beteiligungs-Sparplänen.Sie sind für einen jährlichen Vermögensschaden von bis zu 60 Mrd.DM verantwortlich.Viele Anleger nehmen dabei immer noch an, daß diese Anbieter seriös sein müssen, weil Verlustzuweisungen ja beim Finanzamt geltend gemacht werden können.Ein fataler Irrtum, der Hunderttausende von Anlegern in den vergangenen Jahren um ihr Geld gebracht hat.

TAGESSPIEGEL: Finger weg also von Beteiligungs-Sparplänen?

PIETSCH: Ich kenne bisher keine "stille Beteiligung", die je einen Anleger glücklich gemacht hätte.

TAGESSPIEGEL: Was müßte Ihrer Ansicht nach geschehen, um die Aktie in Deutschland attraktiver zu machen?

PIETSCH: Sie ist ja schon attraktiv.Nur wissen das noch zu wenige Anleger.Viele, die es sich leisten könnten, in Aktien zu investieren, sind noch zu ängstlich.Hier gilt es, Wissenslücken zu schließen und die steuerlichen Anreize zu verbessern, statt das Aktiensparen zu sanktionieren.

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