Wirtschaft : Anteil nehmen

Der Börsengang der Telekom machte die Deutschen zu einem Volk von Aktionären – doch sie wurden bitter enttäuscht

Rolf Obertreis u. Corinna Visser

Frankfurt am Main / Berlin - Der 18. November 1996 ist ein trüber Herbsttag. Vor der Frankfurter Börse leuchten 70 magentafarbene Würfel: Der bis dato größte Börsengang der Republik steht an. Als Kursmakler Rolf Brauburger um 12.26 Uhr den ersten Kurs herausschreit, jubeln Telekom-Chef Ron Sommer und Finanzminister Theo Waigel. „33,20 Mark“ leuchtet als erste Notiz auf der Anzeigetafel auf – 4,70 Mark mehr als der Emissionspreis von 28,50 Mark, umgerechnet 14,57 Euro. Fast 50 Millionen Aktien werden in kurzer Zeit gehandelt. Börsenguru André Kostolany lobt die Aktie als Papier „für den Ruhestand und für die Erben“.

Der Platzierung geht eine gigantische Werbekampagne voraus: Eine Milliarde Mark (rund 511 Millionen Euro) kostet der Börsengang – allein 600 Millionen Mark davon gibt die Telekom für Werbung aus. Das Unternehmen wäre leicht das Fünffache der angebotenen 713 Millionen Aktien los geworden, so groß ist das Interesse an der vermeintlichen Volksaktie. 1,9 Millionen Privatanleger werden zu T-Aktionären, 650 000 von ihnen kaufen das erste Mal im Leben Aktien. Auch 1999 bei der Ausgabe der zweiten Tranche – da kostet die T-Aktie schon 39,50 Euro – ist die Nachfrage zweimal größer als das Angebot.

Dann beginnt der märchenhafte Aufstieg der Aktie. Der smarte, immer braun gebrannte und akkurat gekleidete Ron Sommer anvanciert zum Medienstar. Überall darf er von seiner Vision erzählen: Aus dem ehemaligen Staatskonzern Deutsche Telekom will er einen modernen „global Player“ machen. An ihrem besten Tag im März 2000 ist die T-Aktie 104,90 Euro wert. Doch mit dem Platzen der Internetblase geht es auch mit der T-Aktie steil bergab. Schon im Fallen begriffen, mobilisiert der Bund noch einmal die Anleger und platziert die dritte Tranche zu 66,50 Euro. Danach kennt die T-Aktie nur noch eine Richtung: bergab.

Ihren Tiefpunkt erreicht sie bei einem Kurs von 8,14 Euro – im Vergleich zum Höchststand ein Minus von 92 Prozent. Zeichner der dritten Tranche haben bis zu diesem Tag 88 Prozent ihres eingesetzten Kapitals verloren, der Wertverlust im Vergleich zum Börsengang beträgt 44 Prozent. Auch dass Ron Sommer im Juli 2002 den Konzern verlässt, hilft der Aktie wenig. Seit sein Nachfolger Kai-Uwe Ricke im November 2002 den Vorstandsvorsitz übernommen hat, ist der Kurs nie wieder über 18 Euro gestiegen.

Immer wieder muss sich die Telekom den Vorwurf gefallen lassen, unerfahrene Privatanleger auf den Aktienmarkt gelockt zu haben – ohne ausreichend auf die möglichen Risiken eines solchen Investments hingewiesen zu haben. Das habe der Aktienkultur in Deutschland geschadet. „Es lässt sich nicht leugnen, dass der riesige Medienrummel damals vieles angestoßen hat“, sagt der Leiter des Deutschen Aktieninstituts Rüdiger von Rosen. „Immerhin haben wir heute in Deutschland fast doppelt so viele Aktionäre wie 1996.“ Allerdings seien es 2001 auch schon einmal deutlich mehr gewesen. Dabei hätten auch in der größten Börseneuphorie viele Experten auf die Risiken hingewiesen. „Aber niemand wollte das hören. Die Menschen waren zu gierig.“ Von Rosen nimmt die Telekom in Schutz. „Die Telekom tut relativ viel in Sachen Aktienakzeptanz, sie weiß um ihre Verantwortung.“ Die Aktionäre wiederum müssten lernen, auch wieder aus Papieren auszusteigen. Die alte Kostolany-Regel – Aktien kaufen und liegen lassen – gelte heute nicht mehr. „Der Aktionär muss vielmehr zum kritischen Begleiter der Unternehmen werden.“

Zuletzt geht es mit der T-Aktie wieder sanft bergauf: Die Umsätze sind in den vergangenen Monaten zwar nicht erkennbar gestiegen, sagt die seit 2002 für das Papier zuständige Skontroführerin vom Wertpapierhandelshaus Weber auf dem Frankfurter Börsenparkett. „Allerdings ist die Volatilität deutlich größer geworden“, ergänzt sie. Offenbar schielen wieder mehr spekulativ ausgerichtete Anleger auf das Papier – spätestens seit der US-Finanzinvestor Blackstone eingestiegen ist. Doch wo die Aufträge genau herkommen, entzieht sich der Kenntnis der Maklerin.

Ein schwacher Trost bleibt den T-Aktionären: Mit einer Dividendenrendite von 6,2 Prozent ist die T-Aktie Spitzenreiter im Dax.

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