Wirtschaft : Antizyklisches Investment: Gegen den Markt stemmen und verdienen

Catherine Hoffmann

"Der Bulle ist tot", titelte die Wirtschaftswoche Ende März. Ein weißer Schädel mit abgestoßenen Hörnern, der auf ausgedörrter Erde lag, symbolisierte zwölf Monate Baisse - ein Bild der Hoffungslosigkeit. Da konnten ausgebuffte Investoren nur grinsen. Eilig platzierten sie ihre Aktienorders und legten sich vor allem Technologieaktien ins Depot. Antizyklisches Investment nennen das die Profis. Wer an der Börse Erfolg haben will, tut nicht das, was alle tun, sondern das Gegenteil: Er kauft Anteilsscheine, die keiner haben will. Diese Strategie hat sich ausgezahlt. Seit Ende März kletterte der Euro-Stoxx-50 von 3900 auf 4500 Punkte - ein Plus von 15 Prozent. Die Technologiebörse Nasdaq gewann 30 Prozent. Einzelne Titel wie Cisco, Sun Microsystems und SAP notieren heute 40 bis 50 Prozent höher als noch vor zwei Monaten.

Viele Aktien sind inzwischen teuer

"Aktionäre glauben allmählich, dass das Schlimmste vorbei sein könnte", schreibt das Wall Street Journal zu Beginn dieser Woche. Antizykliker werden hellhörig. "Bedeutet das nicht, dass die Zeit steigender Kurse erst einmal vorbei ist - zumindest, was den Technologiesektor betrifft?", fragen sie sich. "Die Börse preist die beste aller Welten ein", sagt Vermögensberater Bert Flossbach mit Blick auf Wirtschaftswachstum und Inflation. Er hat das Gros seiner Technologieaktien verkauft und die Bargeldquote im Depot erhöht. Der Anlageprofi steht nicht allein mit seiner Vorsicht.

Analysten revidieren ihre Gewinnprognosen für europäische Unternehmen jedenfalls immer weiter nach unten. Sie befürchten, dass sich die Konjunktur stärker eintrübt, als bislang angenommen. Reißt der Strom der negativen Nachrichten nicht ab, müssen auch die Bewertungen der Aktien angepasst werden. Das Kurspotential der Unternehmenstitel ist damit begrenzt. Die Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB) kommt in ihrem jüngsten Strategie-Report zu dem Ergebnis, dass europäische Technologie-, Medien- und Telekommunikationswerte zu Kursen gehandelt werden, die ein ungewöhnlich hohes Wachstum in den kommenden zehn Jahren unterstellen. Auch defensive Nahrungsmittel- und Getränkeaktien seien überteuert. Hier haben viele Anleger während des Crashs der Tech-Werte Zuflucht gesucht. Andere Branchen dagegen, wie Banken, Bau oder Auto, sehen in den Augen der CSFB-Analysten günstig aus. Gemessen an den Gewinnen, die sie in der Vergangenheit realisieren konnten, seien diese Unternehmen niedrig bewertet.

Bill McQuaker, Stratege bei CSFB, ging in seinem Modell davon aus, dass Kurse, die ein langfristiges Gewinnwachstum von 20 Prozent und mehr voraussetzen, auf Dauer schwer zu halten sind. "Alles, was über 25 Prozent liegt, ist eine unglaubliche Herausforderung an das Unternehmen", sagt McQuaker. "Da muss es schon besonders gut sein." Aber auch dort, wo niedrigere Wachstumsraten im Aktienkurs eingepreist sind, sollten Anleger vorsichtig sein. Ein Beispiel seien die Papiere von Nahrungsmittel- und Getränkekonzernen, in denen viele Investoren ihr Geld geparkt haben. Nicht einmal eine Handvoll Unternehmen aus dieser Branche sei in der Lage, langfristig ein zweistelliges Wachstum zu erzielen. Die Aktien der Brauerei Heineken etwa, seien nur dann fair bewertet, wenn ihre Gewinne in den nächsten zehn Jahren im Schnitt um 11,6 Prozent wachsen. Nahrungsmittelhersteller Danone müsste es auf ein Wachstum von 10,7 Prozent bringen, Getränkegigant Coca-Cola auf satte 22,6 Prozent.

Kaufen, was nicht im Trend liegt

McQuaker empfiehlt deshalb Aktien, die nicht in Mode sind und deren Bewertung ein Nullwachstum oder sogar Verluste für die kommende Dekade erwarten lässt. Banken-, Bau-, Auto-, Minen-, Papier- und Stahlaktien sind bewertet, als würden die Unternehmen in der nächsten Dekade so gut wie keine Gewinne oder sogar Verluste einfahren. So lockt der Autokonzern Volkswagen mit preiswerten Aktien. Obwohl VW seine Gewinne in den beiden verangenen Jahren um gut 20 Prozent steigern konnte, wird das Unternehmen an der Börse "gehandelt, als würden sein Ergebnis schrumpfen". Ein anderer Sektor, der dem Strategen gut gefällt, sind die Banken. So müsse die Deutsche Bank seinem Modell zufolge nur ein jährliches Gewinn-Plus von 4,8 Prozent verbuchen, um ihren gegenwärtigen Aktienkurs zu rechtfertigen, während sich die Investmentbank ABN Amro sogar leichte Verluste erlauben dürfte. Ähnlich attraktiv scheint der niederländische Finanzdienstleister ING Groep, dem trotz zweistelligen Wachstums bis dato künftig nur ein Plus von 3,6 Prozent zugetraut wird. Groß ist die Diskrepanz auch beim britischen Bauunternehmer Barratt Developments, von dem die Börse künftig offenbar nur Verluste erwartet, obwohl das Ergebnis in den vergangenen fünf Jahren um gut 20 Prozent zulegte.

Selbstverständlich verlässt sich kein Investor allein darauf, dass sich diese Bewertungskennzahlen rasch in barer Münze auszahlen. Selbst, wenn das Urteil zutreffend ist, dass diese Aktien günstig sind, bleibt doch die Frage, wie lange es dauert, bis der Markt den Anteilsscheinen eine höhere Bewertung zugesteht. Solange die Konjunkturdaten auf breiter Ebene einen klaren Trend vermissen lassen und die Investitionsdynamik der Wirtschaft zu Wünschen übrig lässt, kann das seine Zeit dauern. Andererseits bieten fair bewertete Aktien mit einer soliden Gewinndynamik auch in Krisenzeiten einen Risikopuffer gegen Kursverluste.

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