Arbeitskosten in Europa : Deutschland ist kaum teurer geworden

In Deutschland steigen zwar die Arbeitskosten - aber in den vergangenen zehn Jahren deutlich langsamer als in den anderen EU-Ländern. Sollten jetzt die Löhne steigen?

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Derzeit nehmen Tausende von Beschäftigten - etwa bei der Telekom und bei der Commerzbank - an Warnstreiks für höhere Löhne teil.
Derzeit nehmen Tausende von Beschäftigten - etwa bei der Telekom und bei der Commerzbank - an Warnstreiks für höhere Löhne teil.Foto: dapd

Nun ist es amtlich: Die Arbeitskosten hierzulande sind in den vergangenen zehn Jahren so schwach gestiegen wie in keinem anderen der 26 EU-Länder. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zahlten Arbeitgeber in der Privatwirtschaft 2011 im Schnitt 30,10 Euro je Stunde. Damit sind diese Kosten in Deutschland seit 2001 um 19,4 Prozent gestiegen, was der „mit Abstand geringste Anstieg der Arbeitskosten“ in der EU ist. Zu Arbeitskosten zählen neben dem Bruttoverdienst auch die Sozialbeiträge der Arbeitgeber sowie Aufwendungen für betriebliche Altersvorsorge und die Entgeltfortzahlung bei Krankheit.

Trotz des geringen Anstiegs ist die Arbeit noch immer überdurchschnittlich teuer, mit den 30,10 Euro liegt die Bundesrepublik auf dem siebten Platz. Private Arbeitgeber zahlen hierzulande „32 Prozent mehr für eine Stunde Arbeit als im Durchschnitt der EU, aber zwölf Prozent weniger als in Frankreich“, schreibt das Statistische Bundesamt. Am teuersten ist die Arbeit in Belgien (39,30 Euro), gefolgt von Schweden (39,10), Dänemark (38,90) und Frankreich (34,20). Am „billigsten“ ist Arbeit in Rumänien (4,50 Euro), Litauen (5,50), Lettland (5,90), Polen (7,10) und Ungarn (7,60).

Die aktuelle Statistik wurde von Arbeitgebern und Gewerkschaften ganz unterschiedlich interpretiert: Während die einen vor hohen Lohnsteigerungen warnten und weitere Sozialkürzungen forderten, reklamierten die anderen einen „großen Schluck aus der Lohnpulle“ (DGB). Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände verwies auf die hohen Kosten in der Industrie, wo die Arbeitsstunde fast doppelt so teuer sei wie im EU-Durchschnitt. Auch bei den Lohnnebenkosten müssten die hiesigen Industrieunternehmen mit 7,50 Euro je Stunde einen europäischen Spitzenwert zahlen.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) meinte, die moderaten Lohnzuwächse in den vergangenen Jahren hätten „die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt ermöglicht“. Mehr Menschen in Arbeit würden mehr konsumieren und also die Konjunktur in Schwung halten. Und damit das so bleibe, sei „Augenmaß bei Lohnsteigerungen“ nötig, sagte DIHK-Chef Martin Wansleben zu Reuters. DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki dagegen plädierte für höhere Löhne. Die Kaufkraft im Inland müsse auch deshalb gestärkt werden, damit die Deutschen mehr Produkte ihrer krisengeschwächten Nachbarn kauften.

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