Wirtschaft : Arbeitsmarkt: "Ein Streik der Metaller gefährdet den Aufschwung"

Herr Franz[in der Metallindustrie stehen die Zeic]

Wolfgang Franz (58) ist Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Von 1994 bis 1999 war der Arbeitsmarkt-Experte Mitglied des Wirtschafts-Sachverständigenrates ("Fünf Weise"), der die Bundesregierung in ökonomischen Fragen berät. In das Gremium war er auf Betreiben der Gewerkschaften berufen worden. Die Arbeitnehmer-Vertretungen rückten wegen seiner Kritik an der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung und der Forderung nach Strukturreformen jedoch von ihm ab und verhinderten eine Verlängerung seiner Amtszeit.

Herr Franz, in der Metallindustrie stehen die Zeichen auf Streik. Sind die Gewerkschaften die Konjunktur-Killer?

Sie laufen Gefahr, den Konjunkturaufschwung auszubremsen. Ob die Erholung in Deutschland ab dem Sommer überhaupt kommt, ist noch unsicher. Ein womöglich mehrwöchiger Streik würde die Erholung der Wirtschaft aber in Gefahr bringen. Deshalb käme ein Ausstand jetzt zum völlig falschen Zeitpunkt.

Was würde passieren, wenn es in den kommenden Tagen zum Arbeitskampf käme?

Zum Thema Online Spezial: Arbeit.los! Am schlimmsten wäre der psychologische Schaden. Ein Streik würde den sozialen Frieden zerstören, einen der bislang wichtigsten Standortvorteile für Unternehmen in Deutschland. Verglichen mit anderen Ländern waren Arbeitskämpfe hier zu Lande immer seltener und kürzer. Diesen Bonus verspielen die Tarifpartner nun leichtfertig. Obendrein würden viele Lieferbeziehungen kaputt gehen, vor allem zu Firmen im Ausland. Die bestellen dann lieber beim Konkurrenten im Nachbarland, und die deutschen Firmen verlieren auf Jahre hinaus wichtige Kunden. Schließlich ginge den Unternehmen durch einen Ausstand Produktion verloren. Diesen Verlust könnten sie aber durch Überstunden und Extra-Schichten bald wieder wett machen.

Gesamtmetall und IG Metall lagen vergangene Woche nur noch 0,7 Prozentpunkte auseinander. Lohnt für diese Differenz ein Streik, der für beide Seiten teuer werden könnte?

Auf keinen Fall. Die Tarifpartner sollten ihre Animositäten nicht auf Kosten der Gesamtwirtschaft austragen. Sie müssen jetzt schnell zu einer vernünftigen Einigung kommen, sonst wächst die Unsicherheit bei den Unternehmern. Darunter würde das Investitionsklima in Deutschland leiden, das sich gerade erst wieder gebessert hat.

Sind die Arbeitgeber den Forderungen der Gewerkschaften hilflos ausgeliefert, wenn es zum Arbeitskampf kommt?

Ihren Anspruch von vier Prozent mehr Lohn wird die IG Metall auch mit einem Streik nicht durchsetzen. Schon das Angebot der Arbeitgeber von 3,3 Prozent war zu hoch und würde einige Firmen in den Ruin treiben. Mehr als 3,5 oder 3,6 Prozent wird Herr Zwickel kaum bekommen - und das kostet schon Arbeitsplätze.

Ein Streik dürfte für die Arbeitgeber heute weitaus teurer sein als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.

Die Unternehmen sind stärker voneinander abhängig als früher. Durch den Trend zum Outsourcing und durch die größere Spezialisierung sind sie verletzlicher - das kommt den Gewerkschaften natürlich entgegen und schont deren Streikkasse. Schon durch Ausstände bei einigen wenigen wichtigen Zulieferern können sie ganze Industriezweige lahm legen. Wird etwa der Auto-Türschloss-Hersteller Kiekert gezielt bestreikt, steht fast die gesamte Autoindustrie binnen weniger Tage still.

Die Arbeitgeber können sich ja wehren und die Streikenden aussperren.

Aussperrungen sind durch zahlreiche Urteile der Arbeitsgerichte heute sehr schwierig geworden. Die Tarifparteien kämpfen mit ungleichen Waffen.

Ein Streik macht also einen höheren Abschluss wahrscheinlich. Was bedeutet das für die Inflation?

Hohe Lohnsteigerungen würden die Geldentwertung weiter anheizen. Sie ist ohnehin derzeit relativ hoch, auch wegen der gestiegenen Ölpreise. Steigt die Inflationsrate dauerhaft über die Marke von zwei Prozent, werden Zinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank wahrscheinlich. Das würde die Investitionen von Unternehmen verteuern, würde also dem Wachstum schaden.

Die Gewerkschaften wollen mit einem dicken Lohnplus etwas für die schwache Binnennachfrage tun. Würde das im Gegenzug der Wirtschaft helfen?

Die Nachfrage würde durch einen Streik erst einmal geschwächt. Denn die Streikenden bekommen ja während des Ausstands keinen Lohn. Je länger der Streik dauert und je mehr Arbeitnehmer er erfasst, desto schlimmer für die Konjunktur. Und die Nachfrage lässt sich durch höhere Löhne auch nicht steigern - das wäre ja wie weiland Münchhausen, der sich angeblich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog. Neue Nachfrage entsteht nur durch neue Arbeitsplätze - und die gibt es nur, wenn die Löhne langsamer steigen als die Produktivität.

Die Arbeitnehmer pochen nach Jahren der Zurückhaltung auf einen Nachschlag. Haben Sie dafür kein Verständnis?

Doch. Abzüglich von Steuern und Sozialbeiträgen hat sich bei den Löhnen in den letzten Jahren nicht viel bewegt. Seit 1996 sind die realen Nettolöhne um gut drei Prozent gestiegen. Gleichzeitig haben aber für die Unternehmen die Gesamtkosten eines Arbeitsplatzes um fast acht Prozent zugenommen, das ist fast das Dreifache. Diese Kosten entscheiden darüber, ob eine neue Stelle geschaffen wird oder nicht.

Haben es die Tarifpartner in der Chemiebranche besser gemacht?

Nicht viel. Konjunktur und Beschäftigung wird der Abschluss von 3,3 Prozent nicht beflügeln - er ist bestenfalls beschäftigungsneutral. Zwar haben Gewerkschaft und Arbeitgeber die Verhandlungen ohne Streik zügig über die Bühne gebracht. Aber sie haben den Verteilungsspielraum überzogen. Neue Jobs entstehen so nicht, die Tarifpartner haben nur für die Arbeitsplatz-Besitzer verhandelt. Die Arbeitslosen sind die Verlierer der Tarifrunde - wieder einmal.

Immerhin soll das Weihnachtsgeld in Zukunft von der Ertragslage der Firma abhängen - das ist neu.

Das ist das einzig Positive an der Chemie-Einigung. Die Tarifpartner hätten noch weiter gehen sollen: Man hätte die Löhne nur wenig steigen lassen sollen, etwa um zwei Prozent. Der Rest hätte vom Gewinn des jeweiligen Unternehmens abhängen sollen. Bei einem Aufschwung bekämen die Arbeitnehmer automatisch mehr Geld und müssten nicht um ihren Anteil am Aufschwung bangen. Ein solches Modell würde zudem berücksichtigen, dass einige Unternehmen hohe Gewinne machen und andere am Rand des Abgrunds stehen.

Gegen Reformen zeigt sich das Tarifsystem ansonsten resistent - auch dieses Mal wurden wieder die alten Rituale zelebriert.

Leider. Gewerkschaften und Arbeitgeber sind sehr konservativ. Der IG Metall-Chef Klaus Zwickel hat die übliche Tariffolklore ja auch dazu missbraucht, sich gegenüber seinen Mitgliedern und im internen Machtkampf der Gewerkschaft zu profilieren. Sein Fehler war, dass er schon vor vielen Wochen mit Streiks gedroht hat. Das bringt ihn in der aktuell zugespitzten Situation nun in Zugzwang. Dem Gemeinwohl dient er damit nicht.

Sie fürchten um das Ansehen von Gewerkschaften und Arbeitgebern?

Wenn die Tarifpartner weiterhin so unverantwortlich handeln wie in der aktuellen Tarifrunde, wird ihre gesellschaftliche Bedeutung noch mehr schwinden. Die Arbeitnehmer-Vertretungen sollten sich ohnehin nicht mehr nur um Löhne und Arbeitszeit kümmern. Sie müssen sich stärker zu Dienstleistern für ihre Mitglieder wandeln, wollen sie in Zukunft eine Chance haben.

Ist der Flächentarifvertrag überholt?

Nein, aber überholungsbedürftig. Der Vorteil ist, dass Verhandlungen zentral stattfinden können. Das erspart den Unternehmen den Streit mit ihren Belegschaften vor Ort. Es fehlt aber die Flexibilität. Der Flächentarif sollte nur ein Rahmen sein. Wenn es einem Unternehmen schlecht geht, sollte es geringere Löhne zahlen oder die Arbeitszeit verlängern dürfen. Vorausgesetzt, die Belegschaft stimmt dem zu. Die Bundesregierung könnte solche Öffnungsklauseln im Tarifvertragsgesetz vorschreiben.

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