Arbeitsmarkt : Weniger als 4,4 Millionen ohne Job

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im Juni überraschend deutlich um 138.000 auf 4.397.000 zurückgegangen. Sie erreichte damit den niedrigsten Stand seit Inkrafttreten der Hartz-IV-Reform.

Nürnberg - BA-Chef Frank-Jürgen Weise nannte die Entwicklung «erfreulich». So sei nicht nur die Arbeitslosenzahl gesunken, auch die Nachfrage nach Arbeitskräften sei nach wie vor hoch. Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) erklärte, der Rückgang mache Mut. Verschlechtert haben sich dagegen die Aussichten für Lehrstellen-Bewerber.

Die Arbeitslosenquote ging binnen eines Monats um 0,3 Punkte auf 10,5 Prozent zurück; vor einem Jahr hatte sie bei 11,5 Prozent gelegen. Im Westen Deutschlands ging die Arbeitslosenzahl um 81.000 auf 2,964 Millionen zurück, im Osten um 57.000 auf 1,433 Millionen. Saisonbereinigt sank die Arbeitslosenzahl ebenfalls, hier lag das Minus bei 49.000.

Auch bei den Erwerbstätigen gibt es positive Signale. Zum ersten Mal seit fünf Jahren konnte der Abbau der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung gestoppt werden. Die Zahl dieser Jobs lag nach den jüngsten vorliegenden Schätzungen für April mit 26,1 Millionen auf dem selben Niveau wie im April vor einem Jahr. Die Erwerbstätigkeit insgesamt stieg nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts für Mai saisonbereinigt um 36.000. Nicht saisonbereinigt nahm sie um 206.000 auf 38,77 Millionen Beschäftigte zu. Gegenüber dem Vorjahr lag das Plus bei 49.000.

BA-Chef Weise verwies darauf, dass sich die Zahl der offenen Stellen seit Monaten günstig entwickle. So sei auch im Juni das Angebot weiter angestiegen. Demnach gab es 581.000 freie Stellen und damit 142.000 mehr als vor einem Jahr. Freie Stellen für Freiberufler, Selbstständige und Stellen aus der Job-Börse der BA eingerechnet liege das Angebot sogar bei insgesamt 774.000 Jobs. Dies sind 160.000 mehr als vor einem Jahr.

Lehrstellenlücke droht

Müntefering erklärte, es gebe «Bewegung am Arbeitsmarkt». Zugleich forderte er die Wirtschaft auf, für mehr Arbeit zu sorgen. «Insgesamt reicht die Anstrengung hier noch nicht.» Auch am Ausbildungsmarkt müsse von den Unternehmen mehr unternommen werden. Dort droht laut BA eine größere Lehrstellenlücke als im Vorjahr, als 28.300 junge Jobsuchende ohne Ausbildungsplatz blieben. Laut BA liegt die rechnerische Lücke zwischen freien Stellen und Suchenden derzeit bei 194.600. Vor einem Jahr hatte sie zur gleichen Zeit bei 183.500 gelegen.

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel erklärte, der Rückgang der Arbeitslosenzahl sei kein Grund, sich entspannt zurückzulehnen. Seit Mai würden durch «Softwaretricks» Kurzzeitkranke nicht mehr als arbeitslos gezählt, bei den Langzeitarbeitslosen sei die Situation unverändert schlecht. Auch die Zahl der Erwerbstätigen steige nur, weil die Menschen als Ein-Euro- oder Mini-Jobber arbeiteten.

"Kein Grund für Jubelschreie"

Der Bundesgeschäftsführer der Linkspartei Dietmar Bartsch erklärte, er sehe keinen Grund für die «Jubelschreie von Konjunktur und Aufschwung von Union und SPD». Allen, die wieder Arbeit haben, sei zu wünschen, dass es kein Ein-Euro-Job sei. Die Arbeitsmarktexpertin der Grünen, Brigitte Pothmer, nannte die Entwicklung zwar erfreulich. «Aber sie bedeutet noch keine Trendwende.» Weit über vier Millionen Arbeitslose, weit über zwei Millionen Langzeitarbeitslose und die Ankündigung weiterer Massenentlassungen wie jüngst bei der Allianz zeigten, dass mit der großen Koalition nicht der Ausweg aus der Krise komme.

Angesichts der drohenden Lehrstellenlücke erklärte Verdi-Vize Frank Werneke, die Ausbildungskrise steigere sich auf ein unzumutbares Maß. Nur etwa die Hälfte der Jugendlichen habe überhaupt die Chance, einen betrieblichen Arbeitsplatz zu erhalten. Der Ausbildungspakt sei wirkungslos geblieben, unterstrich Werneke. (tso/AFP)

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