Arbeitsmarkt : Wer die Krise spürt

Bald steigt die Zahl der Arbeitslosen dramatisch, meinen Experten. Ab dem Sommer wird die Krise den Arbeitsmarkt voll erfassen – erst Ende 2010 dürfte es besser werden.

Carsten Brönstrup
Arbeitsamt
Warten auf Arbeit. -Foto: ddp

Berlin - Nur ein knappes Dutzend Kästchen gilt es anzukreuzen, den Firmenstempel aufzudrücken, und alle Angaben per Unterschrift zu besiegeln – schon fließt das „Kug“. Das „Kug“, wie es Bürokraten nennen, ist begehrt in diesen Tagen – mit dem Kurzarbeitergeld versuchen die Unternehmen, sich über die Krise zu retten. Mit Anträgen auf „Kug“ für bis zu 800 000 Beschäftigte allein im ersten Vierteljahr rechnen die Arbeitsagenturen – vor allem aus der Industrie.

Damit wird die Behörde aus Nürnberg kaum etwas ausrichten können – denn die Rezession erfasst nun den Arbeitsmarkt mit voller Wucht. Für die kommenden Monaten rechnen Wirtschaftsforscher mit hunderttausenden Entlassungen. Auf bis zu 4,6 Millionen könnte die Zahl der Arbeitslosen hierzulande steigen, bevor es erst gegen Ende 2010 wieder aufwärts gehe, prognostizieren sie. Der bisherige Höchststand mit 5,2 Millionen war März 2005. „Ab dem Sommer wird es bitter“, glaubt etwa Eckart Tuchtfeld, Arbeitsmarktexperte der Commerzbank. Die Februar-Zahlen, die die Bundesagentur für Arbeit an diesem Donnerstag vorlegt, dürften sich dagegen moderat ausnehmen. Derzeit sind gut 3,5 Millionen Menschen ohne Job.

Erst taumelten die Banken, dann standen die Fabriken still, nun trifft es die Beschäftigten. Dabei gab es lange Zeit nur Rekorde vom Arbeitsmarkt zu vermelden: 40,8 Millionen Menschen waren Ende 2008 berufstätig, so viele wie noch nie. „Wir wollen Vollbeschäftigung“, verkündete Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) im Herbst. Kurz darauf stürzte in allen wichtigen Industrieländern der Welt die Wirtschaft ab – seither bekommen die deutschen Firmen, die jeden zweiten Euro mit Exportartikeln einnehmen, kaum noch neue Aufträge. Rechnet man Saisoneinflüsse heraus, nimmt die Arbeitslosigkeit bereits seit November zu – vor allem Zeitarbeiter werden entlassen. Mittlerweile zeigen fast alle Konjunkturindikatoren steil nach unten.

Volkswagen, Audi, Daimler, BMW, MAN, aber auch die Deutsche Bahn oder der Waschmittelkonzern Henkel setzen deshalb auf Kurzarbeit. Sie garantiert den Belegschaften 60 bis 67 Prozent des Nettoeinkommens für die Zeit, in der die Unternehmen ihnen keine Arbeit geben. Zwar hat die Bundesregierung dafür gesorgt, dass die Unterstützung bis zu 18 Monate lang fließen kann. Aber irgendwann wird auch das Kurzarbeitergeld für die Unternehmen zu teuer, warnt Roland Döhrn, Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). „Dann wird es mit Sicherheit auch zur Schließung größerer Werke kommen“, befürchtet er. Bereits jetzt gibt jedes dritte Unternehmen zu, Stellenabbau zu planen. Das geht aus einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages hervor. In der Metallindustrie dürfte es sogar jedes zweite sein, sagt Arbeitgeberpräsident Martin Kannegiesser. Die Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre können daran nichts ändern. „Sie haben im Aufschwung für mehr Beschäftigung gesorgt – im Abschwung ist aber alles wie früher“, sagt Commerzbank-Experte Tuchtfeld.

Eine um drei bis vier Prozent geringere Wirtschaftsleistung erwarten die meisten Ökonomen derzeit für dieses Jahr. Womöglich auch mehr, die Unsicherheit ist groß. Der konjunkturelle Tiefpunkt dürfte zum Jahreswechsel 2009/2010 erreicht sein, sagt Tuchtfeld. „Der Arbeitsmarkt folgt dieser Entwicklung meist mit einer Verzögerung von zwei bis drei Quartalen.“ Erst Ende 2010 werde die Beschäftigung wieder zunehmen. „Wir stehen vor einer langen Durststrecke.“ Für die Politik bedeutet das: Sowohl in den diesjährigen Wahlkämpfen zu Bundestags- und Landtagswahlen als auch in der ersten Hälfte der neuen Legislaturperiode wird die Arbeitslosigkeit das alles beherrschende Thema sein. Doch auch für die Gewerkschaften sind Zeiten der Massenarbeitslosigkeit gefährlich – sie verlieren dabei meist viele Mitglieder. „Die Betriebe müssen die neuen Spielräume zur Kurzarbeit und zur Qualifizierung ihrer Belegschaften nutzen, statt Stellen zu streichen“, appelliert Wilhelm Adamy, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Das werde ihnen nützen, wenn der nächste Aufschwung kommt. Für die Beschäftigten soll die Krise nach den Vorstellung der Gewerkschaften anders als frühere werden: Sie sollen die freie Zeit nutzen, um Kurse zu besuchen und sich weiterbilden – als Versicherung gegen Arbeitslosigkeit.

Adamy treibt noch eine andere Sorge um. Die Kassen der Arbeitslosenversicherung werden sich zusehends leeren – da ist die Forderung nach Einsparungen aus dem Unternehmerlager schon programmiert. „Wenn der Arbeitslosenversicherung im kommenden Jahr das Geld ausgeht, darf nicht wieder eine Debatte über Leistungskürzungen losgehen“, fordert er. Vielmehr müsse es einen Steuerzuschuss geben – „schließlich ist die Bewältigung der Krise eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Der Staat darf die Beitragszahler nicht alleine lassen.“


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