Wirtschaft : Arbeitsstelle Denkmalschutz

7500 Bauten sind in Berlin als denkmalgeschützte Gebäude aufgelistet

BERLIN.An einer Backsteinfassade des Fabrikgeländes im Wilhelminenhof prangt - wie neu - eine riesige Uhr.Wie der Baukomplex um sie herum, in dem sie zu Anfang dieses Jahrhunderts für Arbeiter der AEG die Stunden einteilte, steht die Uhr unter Denkmalschutz und ist restauriert worden.Ihren ursprünglichen Zweck erfüllt sie nicht - denn sie tickt nicht mehr.Und doch ist sie mehr als ein im neuen Glanz erstrahltes Dekor: In sorgfältiger Arbeit hat der Berliner Metallbauer Hans-Joachim Kunsch ihre eisernen Zifferblätter und Zeiger orginalgetreu nachgefertigt - und Geld verdient. Seine und ähnliche Werke gilt es zu unterstüzten, meinen Politiker und Wissenschaftler, die sich deswegen in der letzten Woche zu einem Workshop "Volkswirtschaftliche Auswirkungen der Denkmalpflege" in einer sanierten Fabrikhalle des Wilhelminenhofes versammelten.Außer dieser Anlage stehen weitere 7500 Bauten auf der Berliner Liste denkmalgeschützter Gebäude - sie zu erhalten oder gar sanieren, schaffe Arbeitsplätze im angeschlagenen Berliner Handwerk: Rund 9000 Menschen gingen nach Angaben der Handwerkskammer Berlin 1996 in die Arbeitslosigkeit, so daß noch knapp 250 000 Personen ihren Beruf als Schreiner, Schlosser oder Glaser ausüben. Deshalb sei Denkmalschutz alles andere als eine staatliche geförderte Beschäftigungstherapie, meinen die Befürworter, zumal Denkmalschützer zu 90 Prozent Handwerker sind, wie Wolfgang Bergfelder von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie sagt."Berlin verbaut enorme Summen, aber die gehen fast alle am örtlichen Handwerk vorbei." Bisher gebe das Land rund 7 Mill.DM jährlich für die Sanierung oder Erhaltung von alten Gebäuden aus.Das aber sei längst nicht genug."Die Politik sucht krampfhaft nach Entwicklungen, die dauerhaft Arbeitsplätze schaffen.Hier ist eine." Metallbauer Kunsch, dessen Restaurationsbetrieb nach seinen Angaben der älteste Berlins ist, sieht das auch so: Von rund 1000 Metalbauern in Berlin sind vier Betriebe gelernte Restaurateure.Gerade im Handwerk müßten qualifizierte Arbeitskräfte gefördert werden, Fertigkeiten dürften nicht brachliegen.Er forderte deswegen städtische Behörden zu mehr Sorgfalt bei der Vergabe von Aufträgen auf.Billiganbieter würden auch an denkmalgeschützte Bauten "rangelassen", das aber sei verwerflich, "weil unwiederbringliche Substanz verloren geht"."Preiswerte Schutzmaßnahmen" verlangte Bernd Hillermeier, der am Instut für Baukonstruktion und Festigkeit der Technischen Universität Berlin lehrt."Denkmäler sind wie potentielle Patienten", sagte er.Wer rechtzeitig erkenne, wo es bald bröêkeln werde, spare enorme Summen.Denkmalschutz kann auch das Image eines Unternehmens aufpolieren.Das jedenfalls meint Hans-Peter Fillies, Mitarbeiter einer Kreuzberger Toyota-Filiale.In einem rund 150 Jahre alten Pferdestall verhandeln die Verkäufer heute über die Pferdestärken ihrer Gefährte.Soll dem Denkmalschutz der Stempel "lästig, investitionshemmend und scheinbar unbezahlbar" zu sein, also gänzlich zu Unrecht aufgedrückt worden sein? "Hätten wir eine moderne Filiale auf der Grünen Wiese gebaut, wären wir billiger weggekommen, sagt Fillies.Das Geschäft laufe gut, die zweieinhalb Mill.DM zusätzlicher Investitionen hätten sich gelohnt."Man braucht Herz, aber erntet viel Zuspruch von Mitarbeitern und Kunden." Daß sich zu einem Denkmalschützer gleich mehrere gesellen, davon zeugen auch die offiziellen Zahlen: Auf jede Mark, die der Staat für Denkmalschutz zur Verfügung stellt, kommen honochmal 10 Mark private Investitionen, die zum Teil abgeschrieben werden können, wie Bergfelder von der Senatsverwaltung sagt.Anders sieht allerdings Siegfried Sobotta von der Siemens AG, Fachbereich Energieerzeugung (Kraftwerkunion) die Sache.Immer wieder habe das Unternehmen Schwierigkeiten, weil von den 100 000 Quadratmetern Nutzfläche die Hälfte unter Denkmalsschutz steht.So produzierte der Konzern in einer über hundert Jahre alten Halle auf dem Gelände an der Huttenstraße Stahlgehäuse, die so groß waren, daß sie nicht mehr durch das Tor des Gebäudes paßten.Erst nach einem halbjährigen Hin und Her konnten Siemens und die Denkmalschutzbehörde sich darüber einigen, wie der Torbogen vergrößert werden durfte.VANESSA LIERTZ

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