Arbeitszeiten : Am siebten Tag sollst du – arbeiten

Ob Weihnachten oder Neujahr, Sonn- oder Feiertag, Abend oder Nacht: Ungewöhnliche Dienstzeiten nehmen zu.

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Im Räderwerk. Der Mensch als Knecht der Uhr – persifliert 1936 von Charlie Chaplin in „Moderne Zeiten“. Foto: p-a/Mary Evans Pi
Im Räderwerk. Der Mensch als Knecht der Uhr – persifliert 1936 von Charlie Chaplin in „Moderne Zeiten“. Foto: p-a/Mary Evans PiFoto: picture-alliance / Mary Evans Pi

Berlin - Weihnachten, Ostern, Silvester? Gibt es praktisch nicht im Leben von Christian Schulz*. Mal morgens, mal abends, mal feiertags steuert der 48-Jährige U-Bahnen durch Berlins Untergrund. Seit 23 Jahren diktiert der Dienstplan der BVG, wann er Zeit für Frau und Kinder hat. Er hat sich daran gewöhnt, nur die Arbeit am Wochenende nervt noch immer. „Die gemeinsame Zeit mit der Familie fehlt einfach“, erzählt er.

Immerhin: Schulz kann planen, Inga Völker* nicht. Die 28-Jährige verkauft Zeitungen und Zigaretten in Berliner Kiosken, meist sechs Tage die Woche. Oft erfährt die Einzelhandelskauffrau erst 24 Stunden vorher, wann sie wo hinter der Kasse stehen muss. Den Einsatz an Samstagen und Sonntagen halte ihr Arbeitgeber im Prinzip für selbstverständlich, sagt sie.

Wie Schulz und Völker geht es immer mehr Arbeitnehmern: Fast jeder zweite Beschäftigte tritt regelmäßig samstags an, jeder vierte sonntags, hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung ausgerechnet. Jeder sechste ist nachts und im Schichtdienst tätig. Die Werte liegen jeweils deutlich höher als noch 1991. Wer nicht im Büro oder in der Fabrik ist, steht trotzdem parat – per E-Mail oder Handy. Nur 29 Prozent der Berufstätigen sind zwischen Weihnachten und Neujahr trotz Urlaubs für den Chef nicht erreichbar, hat der IT-Verband Bitkom kürzlich per Umfrage ermitteln lassen.

Deutschland entwickelt sich immer mehr von der Industrie- zur Dienstleistungsnation. Tradierte Rhythmen, die Arbeit von Montag bis Freitag und von neun bis fünf, bleiben auf der Strecke. In Berlin ist der Trend zur Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft anschaulich wie nirgends sonst: Tourismus, Gesundheit und Medien spielen in der Hauptstadt eine immer gewichtigere Rolle, zum Weihnachtsshopping kamen die langen Öffnungszeiten den Bürgern sehr gelegen. Doch irgendwer muss Pizzas backen, Alte pflegen, Flugzeuge lotsen und Supermarktregale auffüllen.

Mit der hohen Arbeitslosigkeit hatten die Chefs zudem bis vor einiger Zeit ein Druckmittel an der Hand. „Die Beschäftigten mussten der Arbeit am Abend oder am Feiertag wohl oder übel zustimmen“, sagt Alexander Herzog-Stein, Job-Experte der Hans-Böckler-Stiftung. Selbst in der Industrie ging das so. In den achtziger Jahren setzten die Gewerkschaften kürzere Wochenarbeitszeiten durch. Im Gegenzug mussten die Beschäftigten flexibler werden, weil die Unternehmer ihre Maschinen auslasten wollten.

Mediziner halten wechselnde Arbeitszeiten und Schichtdienst auf Dauer für ungesund. Der Biorhythmus gerate durcheinander, das verursache Schlafstörungen, warnen sie. „Probleme im Herz-KreislaufSystem sind die Folge, etwa zu hoher Blutdruck und Stoffwechselprobleme“, sagt Michael Tesch, beratender Arzt bei der Krankenkasse BKK VBU. „Im schlimmsten Fall steht am Ende der Herzinfarkt.“ Ganz abgesehen davon, dass unaufmerksame Ärzte oder übermüdete Fernfahrer eine Gefahr auch für andere sind.

Den Gewerkschaften geht der Trend gegen den Strich. „Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche darf nicht grenzenlos weitergehen. Die Arbeit am Wochenende oder in der Nacht belastet die Gesundheit besonders und muss deshalb auf das notwendige Maß reduziert werden“, sagte Annelie Buntenbach, Vorstand beim Deutschen Gewerkschaftsbund, dieser Zeitung. Die Arbeitgeber nötigten vielen Beschäftigten Flexibilität ab. „Oft werden Überstunden nicht zusätzlich bezahlt, und viele bekommen für Feiertagsarbeit keine Zuschläge oder Freizeitausgleich mehr, besonders da, wo keine Tarifverträge oder Betriebsräte die Interessen der Beschäftigten schützen.“ Das habe auch damit zutun, dass viele Arbeitsverhältnisse befristet und unsicher seien. „Die Arbeitgeber nutzen die Angst vor Arbeitslosigkeit und Hartz IV aus und drängen die Beschäftigten zu Arbeitszeiten, die früher undenkbar gewesen wären.“

Auch der Kirche passt der Trend nicht. „Der Sonntag ist nicht nur eine störende Unterbrechung der wöchentlichen Arbeitszeit. Er ist ein Zufluchtsort des Menschlichen gegen die Allmacht der Ökonomie“, sagte Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche. Zwar sei ein freies Wochenende für alle „Illusion“. Unter dem Zwang zur Flexibilisierung gehe der Gesellschaft aber Entscheidendes verloren – „ein gleichsam synchronisierter Bereich, in dem alle Menschen zur Ruhe kommen“. Es gebe kaum noch eine gesellschaftlich verbindliche Zeitordnung. „Deshalb ist mir der Sonntag als Tag der gemeinsamen Zeit wichtig.“ Er mache deutlich, „dass es im Leben mehr gibt als die Anhäufung von Geld“.

Die Bedeutung des Servicesektors dürfte gleichwohl wachsen. Der Wunsch nach noch mehr Flexibilität vertrage sich aber nicht mit dem Ziel, mehr für Familien zu tun und die Lebensarbeitszeit zu verlängern, findet Fachmann Herzog-Stein von der Böckler-Stiftung. „Arbeitgeber, die gute Leute bekommen wollen, werden nicht mehr unbegrenzte Flexibilität verlangen können.“ Sie müssten ihrem Personal helfen, flexibel zu sein – etwa durch verkürzte Arbeitszeit während der Familienphase oder durch weniger belastende Arbeitszeiten für ältere Beschäftigte.

* Name geändert

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