Wirtschaft : Arbo von Roeder

Geb. 1938

Thomas Loy

Er war der oberste Baden- Württemberger in Berlin. Als Arbos Drang, zur Welt zu kommen, deutlich spürbar wurde, befand sich seine Mama gerade in der württembergischen Metropole Stuttgart. Familienpolitischer Sprengstoff! Das Geschlecht derer von Roeder war seit Jahrhunderten in der badischen Ortenau beheimatet. Die Mama wurde also schleunigst nach Karlsruhe gefahren, um dort, auf urbadischem Territorium, den Stammhalter Arbo Freiherr Roeder von Diersburg, so der volle Name, zu gebären.

63 Jahre später gründete derselbe Arbo den „Verein der Baden-Württemberger in Berlin“. Ein klarer Fall von Kollaboration – dafür hätte man ihn früher aus der Sippschaft verstoßen.

Die Geschichten aus dem Familienarchiv der von Roeders eigneten sich gut als verbale Appetitanreger für die Stehempfänge, die Arbo regelmäßig veranstaltete. In Stuttgart. Dort war er der „ZDF-Baron“, der Chef des Landesstudios. Eingeladen waren die Wirtschafts- und Gewerkschaftsfürsten, die Parteioberen und natürlich der Landesherr. Kontaktpflege sagt man zu dieser Form von Kollaboration. Arbo von Roeder war ein Meister in dieser Disziplin.

Seinen Beruf nahm er sehr ernst. Flog Lothar Späth nach China, flog er mit. Tagten die Metalltarifpartner in einem Vorstadthotel, lauerte Arbo die ganze Nacht vor dem Verhandlungsraum. Tarifbezirk Nordwürttemberg- Nordbaden. Ein Nachrichten-Klassiker. Was dort verhandelt wurde, interessierte die ganze Republik. Da ließ Arbo sich nie vertreten. Kranksein hatte er sich sowieso verboten. Krankheiten sind Teil des Privatlebens und erst nach Feierabend zu kurieren.

Als die Regierung nach Berlin zog, machte er sich große Sorgen: Wer interessiert sich nun noch fürs schöne Baden-Württemberg? Wer weiß denn noch, dass die Streichhölzer im Ländle erfunden wurden (1832), die Dauerwelle (1906) und der Wankelmotor auch (1954). Badener und Schwaben sind fleißig, aber in der Öffentlichkeit nicht sehr beredt, weil sie sich ihres Dialekts schämen. Anders ist nicht zu erklären, dass es seit 136 Jahren einen „Verein der Württemberger zu Berlin“ und seit 111 Jahren einen „Verein der Badener in Berlin“ gibt, aber fast niemand davon weiß.

Arbo von Roeder, inzwischen pensioniert, versuchte, den alten Gedanken der Stammesrepräsentanz in der Hauptstadt neu zu beleben. Bekannte Baden-Württemberger, die sich ihrer Herkunft nicht schämen, etwa Heinz Dürr, Ex-Bahnchef, oder Klaus Mangold, Ex-Debis-Chef, waren bereit, bei dem Verein mitzumachen. Da auch der Landesherr in Stuttgart sein Wohlgefallen signalisierte, dürfen sich die Baden-Württemberger im Keller ihrer Landesvertretung treffen, bei Tannenzäpfle-Bier und Wein vom Kaiserstuhl. Arbo von Roeder übernahm wie selbstverständlich den Vorsitz – regelte die Vereinsangelegenheiten aber weiter von seinem Wohnsitz in Stuttgart aus. Dort stand der riesige Schreibtisch, an dem er täglich die Presse auswertete. FAZ, Spiegel, Stuttgarter Nachrichten. Ausgeschnittene Artikel gingen ins Privatarchiv oder per Post an seine drei Kinder.

Muss anstrengend gewesen sein, das Hin- und Herpendeln, das Organisieren und Kontaktieren und Repräsentieren. Arbo von Roeder war herzkrank. Das war nicht zu übersehen, aber für ihn selbst nicht von Interesse. Er rauchte, aß gern und bewegte sich wenig. Er war Vollblutjournalist, sagt sein Sohn. Die werden selten alt. Begraben ist er auf dem Friedhof der Familie in Diersburg. Da liegen viele von Roeders. Aber nur solche, die in Baden geboren wurden.

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