Arcandor : Verlierer mit Siegerlächeln

Arcandor-Chef Middelhoff hinterlässt viele Probleme. Noch immer schwärmt der 55-Jährige von der aus seiner Sicht erfolgreichen Weichenstellung - die Fakten sehen anders aus.

Christoph Schlautmann (HB)
Middelhoff
Thomas Middelhoff -Foto: dpa

Düsseldorf - Es war ein Spiel auf Risiko. Er hat es gewonnen. „Präsentation A“ raunt Thomas Middelhoff leise seinem Mitarbeiter zu. Dann schwellt er die Brust und verkündet: Das Paket von 74 Warenhäusern habe man soeben für eine halbe Milliarde Euro verkauft. Mit strahlendem Lächeln fügt er hinzu: „Wer hätte uns das vor einigen Wochen zugetraut?“ Dass „Präsentation B“ in der Schublade bleibt, ist an diesem 3. August 2005 Glück. „Noch 20 Sekunden vor dem Start der Pressekonferenz wussten wir nicht, ob die Käufer den Vertrag überhaupt unterschreiben würden“, sagt einer, der dabei war.

Schon wieder dieses Vabanque-Spiel, dieser Temporausch: Die Geschwindigkeit, in der „TM“, wie der Manager im Essener Handels- und Touristikkonzern heißt, Transaktionen vorantreibt, ist sein Aushängeschild. Die Starbucks-Kaffeehäuser, Sportstudios, Runners Point und Golf House, Wehmeyer und Sinn-Leffers: Alles wirft Middelhoff auf den Markt. Lange herrscht Schlussverkaufsstimmung in Essen.

Heute aber ist alles anders. Noch immer hat der in Arcandor umbenannte Konzern Ertragsprobleme, aber es ist kaum noch etwas zu verscherbeln. Was aus den versprochenen Zielen wird, ist fraglich. Gestern nahm sie der scheidende Chef, der bald dem Ex-Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick Platz macht, bei seiner letzten Pressekonferenz zurück. Middelhoff ficht das nicht an. „Ich weiß, dass ich Arcandor nicht besenrein hinterlasse“, sagt er. „Aber ohne den von mir geleiteten Konzernumbau hätte es diese Pressekonferenz nicht mehr gegeben.“

Noch immer schwärmt der 55-Jährige von der aus seiner Sicht erfolgreichen Weichenstellung. So am vergangenen Dienstag, als er beim Mittagessen noch einmal Bilanz zieht. Wie immer ist er gut gelaunt, erzählt Anekdoten. Auch über seine Hinterlassenschaft: Das Internetgeschäft werde künftig Quelles dümpelnden Versandhandel in Schwung bringen, die Expansion des Versenders nach Russland lasse hoffen, auch der Ausbau der Touristikbeteiligung Thomas Cook.

Die Fakten sehen anders aus. Wer die verworrene Bilanz enträtselt, stellt fest: Eine Sanierung hat es nicht gegeben, allein die Firmen-Verkäufe retteten den Konzern. Summierte sich der Cash-Flow unter dem Vorgänger auf 620 Millionen Euro, schockte Middelhoff nun mit einem Minus von 48 Millionen. „Die Beschäftigung mit dem Geschäft en detail ist Middelhoffs Sache nicht“, erzählt Berater Joachim Arenth, der ihn gut kennt. „Er will und kann nur große Räder drehen.“ Das zeigte er schon als Chef von Bertelsmann ab 1998. Er scheiterte an den eigenen Visionen: Weil Patriarch Reinhard Mohn keinen Börsengang wollte, setzte er Middelhoff vor die Tür. Trotzdem interessierte sich Karstadt-Quelle-Hauptaktionärin Madeleine Schickedanz für ihn. Der Niedergang des Konzerns hätte ihr Aktienpaket wertlos gemacht. Middelhoff startet im Aufsichtsrat, übernimmt 2005 selbst das Ruder.

Es beginnt eine Achterbahnfahrt. Zunächst schießt die Aktie von sieben auf fast 30 Euro. Auf dem Papier wird Schickedanz, die mit geliehenem Geld Aktien nachkauft, immer reicher – bis zu einem Kurssturz. Gründe: Ungereimtheiten beim Immobiliendeal, der Einbruch der Warenhaus-Gewinne, die gescheiterte Übernahme von Kaufhof. Der Absturz bringt die Privatbank Sal. Oppenheim, die Aktien als Pfand für den Schickedanz-Kredit verwahrt, in Bedrängnis. Als die Verlängerung eines Kredits ansteht, zeichnen die Bankiers hektisch eine Kapitalerhöhung und schießen Geld nach. Sonst hätte Sal. Oppenheim sein Schickedanz-Engagement abschreiben müssen.

Für Middelhoff ist dies der Anfang vom Ende. Sal. Oppenheim will einen Neuanfang – ohne ihn. Heute trennen Arcandor von der einst versprochenen Schuldenfreiheit 1,4 Milliarden Euro nebst 1,2 Milliarden Euro Miet- und Leasinglasten. Und Middelhoff selbst? Wohin es ihn nun treibt, verrät er nicht. Ab tritt ein Mann mit Siegerlächeln – trotz der unschönen Zahlen. Eines hat er schon verraten. „Der Einzelhandel wird es nicht sein.“ Christoph Schlautmann (HB)

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