Wirtschaft : Armin Tschoepe

NAME

Auf seinem Schreibtisch stand ein Elefant und gleich daneben eine Lenin-Büste.

Geschichten vom Herrn Keuner: Als Herr K. gefragt wurde, welches Tier er vor allem schätze, nannte er den Elefanten . . .

Armin Tschoepes Elefantenherde erreichte an die 1000 Exemplare. Hölzerne waren darunter, welche aus Porzellan oder Elfenbein, elefantöse Bettvorleger und Handtücher. Elefanten-Nippes und kunstvolle Raritäten. Wer Armin Tschoepe etwas schenken wollte und keine rechte Idee hatte, kaufte ihm einen Elefanten. Auf seinem Schreibtisch stand ein besonders schöner, gleich neben der Lenin-Büste. Armin Tschoepe war im Herzen Sozialist.

Der Elefant vereint List und Stärke. Das ist nicht die kümmerliche List, die ausreicht, einer Nachstellung zu entgehen oder ein Essen zu ergattern, indem man nicht auffällt, sondern die List, welcher die Stärke für große Unternehmungen zur Verfügung steht . . .

Gewiss, Armin Tschoepe wollte etwas erreichen im Leben, etwas verändern. Da kam es gelegen, dass die SPD-Senatorin Ingrid Stahmer ihn in Hamburg anrief und fragte, ob er ihr Staatssekretär für Soziales werden wolle. Das war im Januar 1989. Im November fiel die Mauer. Da musste Herr Tschoepe plötzlich Teppichhäuser zu Notunterkünften erklären, auch wenn er dabei Bauchschmerzen bekam. Herr Tschoepe liebte große Unternehmungen, organisierte für sein Leben gerne Fernreisen mit komplizierten Streckenführungen oder große Sozialprojekte mit vielen Beteiligten.

Wo dieses Tier war, führte eine breite Spur . . .

An Armin Tschoepe kam man nicht so leicht vorbei. Er hatte ein Standardwerk der Sozialkunde mitverfasst, war in mehreren Dutzend Gremien, Gesellschaften und Ausschüssen aktiv. Sein Elefanten-Gedächtnis, verbunden mit einem Hang zur Archivarbeit, sicherte ihm den nötigen Wissensvorsprung. Er kannte sich aus in seinem Fach, war ein Perfektionist und legte Wert auf das richtige Wort an der richtigen Stelle. Wenn einer Referentenvorlage noch ein wenig der Glanz fehlte, wies ihn seine Chefin an: Tu noch ein bisschen Mozart dran.

Dennoch ist es gutmütig, es versteht Spaß. Es ist ein guter Freund, wie es ein guter Feind ist . . .

Wer „in seiner Sonne" stand, blühte auf. Davon zehrten seine drei Kinder aus erster Ehe, aber auch viele Menschen, die er beruflich traf. Herr Tschoepe duzte und herzte sehr schnell, nach Art der Genossen. Wer sich ihm in den Weg stellte, bekam seine andere Seite zu spüren. Es gab oft Streit im Ministerium, und Armin Tschoepe konnte auch verletzen - so wie er selbst verletzbar war und an den Wunden manchmal lange litt. Er konnte muksch sein, erinnert sich Ingrid Stahmer, das bedeutet etwa: eingeschnappt.

Sehr groß und schwer, ist es doch auch sehr schnell. Sein Rüssel führt einem enormen Körper auch die kleinsten Speisen zu, auch Nüsse. Seine Ohren sind verstellbar: er hört nur, was ihm passt. Er wird auch sehr alt . . .

Das hohe Alter, leider, blieb Armin Tschoepe seinen Elefanten schuldig. Viel zu früh, mit 63 Jahren, ließ er die Herde im Stich. Einen stechenden Schmerz verspürte er in Budapest, wo er samt Ehefrau urlaubte. Zurück in Berlin ging er zum Arzt. Der Arzt am EKG fand nichts Beunruhigendes. Zwei Tage später kam der Herzinfarkt.

Er ist auch gesellig, und dies nicht nur zu Elefanten. Überall ist er sowohl beliebt als auch gefürchtet. Eine gewisse Komik macht es möglich, dass er sogar verehrt werden kann. Er hat eine dicke Haut, darin zerbrechen die Messer; aber sein Gemüt ist zart . . .

Bei der Trauerfeier stand ein Foto neben dem Sarg. Herr Tschoepe auf einem richtigen Elefanten mit einem strahlenden Lachen. Das war zum 60. Geburtstag. Freunde hatten zwei Zirkus-Elefanten in den Festsaal führen lassen, und der Jubilar musste aufsteigen. Da entzündete sich auf dem Gesicht von Herrn Tschoepe ein wunderbarer Funken des Glücks.

Er kann traurig werden. Er kann zornig werden. Er tanzt gern. Er stirbt im Dickicht. Er liebt Kinder und andere kleine Tiere. Er ist grau und fällt nur durch seine Masse auf. Er ist nicht essbar. Er kann gut arbeiten . . .

Nächtelang hat er gearbeitet als Staatssekretär, sagt Ingrid Stahmer. Ein Arbeitstier. Als es mit der Arbeit plötzlich aus war, die SPD die Wahl verlor, die CDU das Sozialressort übernahm, grämte sich Herr Tschoepe sehr. Und suchte nach neuen Aufgaben. So wurde aus dem Sozialmann der Gartenmann. 6000 Quadratmeter auf einem Grundstück bei Lüneburg verwandelte er in einen Erholungspark mit ästhetisch abgestimmten Baumpflanzorten, einer Abend-, einer Morgen- und einer Freizeitterrasse, zwei Teichen und einer Brücke. Dort spielte er dann auf der Klarinette.

Er trinkt gern und wird fröhlich. Er tut etwas für die Kunst: er liefert Elfenbein.

So endet die Geschichte vom Herrn Keuner und seinem Lieblingstier. Geschrieben hat sie Bertolt Brecht. Darin fand sich Herr Tschoepe gut getroffen. Er las die Geschichte und fing an, Elefanten zu sammeln. Auf der Trauerfeier wurde die Keuner-Geschichte vorgelesen.

Armin Tschoepe liegt nun begraben auf dem weltgrößten Parkfriedhof für Menschen in Hamburg-Ohlsdorf. Ein Elefant wacht auf seinem Sarg. Thomas Loy

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben