Wirtschaft : Arzneikosten steigen schneller als geplant

Kaum Chancen auf niedrigere Beiträge /Schmidt droht Kassen und Ärzten Sanktionen an

Cordula Eubel

Berlin – Viele Versicherte können 2006 nicht mit sinkenden Krankenkassenbeiträgen rechnen. Dafür sind die Arzneimittelausgaben verantwortlich, die seit Anfang 2005 wieder stark steigen. „Es fehlen Spielräume für Beitragssenkungen“, sagte Dieter Voß, Vorstand des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen, am Freitag. Im ersten Halbjahr 2005 haben die Kassen rund 20 Prozent mehr für Arzneien ausgegeben als im gleichen Vorjahreszeitraum. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) drohte Kassen und Ärzten mit Sanktionen.

Sollte sich der Ausgabenanstieg in diesem Jahr fortsetzen wie bisher, kämen im Jahr 2005 nach Berechnungen von Experten auf AOK, Barmer und Co. zusätzliche Belastungen in Höhe von vier Milliarden Euro zu. Das entspricht in etwa 0,4 Beitragssatzpunkten. Schmidt rechnet jedoch nicht mit steigenden Beiträgen. Die Kassen hätten noch Einsparpotenziale, um die „angespannte Situation“ ohne zusätzliche Belastung für die Beitragszahler zu bewältigen, sagte die Ministerin anlässlich der Vorstellung des Arzneiverordnungsreports 2005. Sie bedauerte aber, dass der Überschuss der gesetzlichen Krankenversicherung am Ende des Jahres geringer ausfallen werde.

Krankenkassen und Kassenärztliche Bundesvereinigung haben gerade eine Vereinbarung abgeschlossen, nach der die Arzneikosten dieses Jahr um nicht mehr als 8,1 Prozent steigen dürfen. Dieses Ziel sei möglicherweise nicht zu erreichen, räumte Kassenvertreter Voß ein. Dafür müsse 2006 mehr gespart werden. Ursprünglich verabredet war für 2005 ein Plus von nur 5,8 Prozent. Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Leonhard Hansen, sagte, alle hätten gewusst, dass Ausgabensteigerungen im zweistelligen Prozentbereich drohten. Schmidt kritisierte, dass Kassen und Ärzte Ziele vereinbarten, die sie von vornherein für unrealistisch hielten. Das müsse in Zukunft sanktioniert werden, forderte die Ministerin. Schmidt kündigte an, in den Koalitionsgesprächen mit der Union auf entsprechende Gesetzesänderungen hinwirken zu wollen.

Das deutliche Plus bei den Verordnungen in diesem Jahr kommt nicht dadurch zustande, dass die Deutschen häufiger krank sind und deswegen mehr Medikamente zu sich nehmen müssen. Dieter Paffrath, einer der Autoren des Arzneiverordnungsreports, nennt verschiedene Gründe: Viele Ärzte verschreiben demnach lieber neue, teure Präparate als die alten bewährten. Diese so genannten „Scheininnovationen“ sind häufig teurer, bringen dem Patienten nach Ansicht von Experten aber nicht mehr Nutzen. Allein dadurch steigen die Ausgaben in diesem Jahr voraussichtlich um 6,5 Prozent oder umgerechnet 1,4 Milliarden Euro.

Ein Teil des Zuwachses ist aber auch auf den „Vorzieheffekt“ der Gesundheitsreform zurückzuführen. Kurz vor Inkrafttreten des Gesetzes 2004 haben viele Versicherte sich mit Medikamenten eingedeckt. In der Folge gingen die Verschreibungen in den ersten Monaten 2005 deutlich zurück.

Zumindest im vergangenen Jahr führte die Gesundheitsreform zu deutlichen Einsparungen im Medikamentenbereich, die laut dem Report bei 2,5 Milliarden Euro lagen und damit um elf Prozent unter Vorjahresniveau. Die Einsparungen für die Krankenversicherung kamen durch drei Effekte zustande: Viele rezeptfreie Medikamente werden nicht von der Kasse erstattet, die Patienten müssen mehr zuzahlen, und die Arzneimittelhersteller mussten einen höheren Rabatt an die Krankenkassen zahlen – allerdings war diese Maßnahme auf das Jahr 2004 beschränkt.

Trotz dieses Erfolgs weisen die Autoren darauf hin, dass zusätzliche Einsparungen in Höhe von 2,9 Milliarden Euro möglich gewesen wären, wenn Ärzte sparsamer verordnet hätten. Der Report wird seit 25 Jahren erstellt.

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