Wirtschaft : Asiaten helfen Merrill Lynch

Erneut nutzt ein Staatsfonds die Hypothekenkrise, um günstig in den USA einzukaufen

Walter Pfaeffle

New York - Die krisengeschüttelte US-Investmentbank Merrill Lynch verschafft sich frisches Kapital im Volumen von mindestens 6,2 Milliarden Dollar (4,3 Milliarden Euro). Erneut ist es ein asiatischer Staatsfonds, der die Krise der US-Banken für einen Einstieg nutzt. Die Anlagegesellschaft Temasek Holdings Singapur übernimmt nach Angaben vom Montag 4,4 Milliarden Dollar an Merrills Aktienkapital und erhält eine Option für den Kauf weiterer Aktien im Volumen von 600 Millionen Dollar. Der Sonderpreis von 48 Dollar je Aktie, den Singapur für seine Merrill-Lynch-Aktien bezahlt, liegt um mehr als 13 Prozent unter dem Schlusskurs vom vergangenen Freitag.

Mit der Finanzspritze will Merrill Lynch einen Teil der im Zusammenhang mit der Hypothekenkrise entstandenen Verluste auffangen. Merrill Lynch ist nicht das einzige amerikanische Finanzunternehmen, das dringend benötigtes Kapital bei ausländischen Investoren einwirbt. Kurz zuvor hatte die Wall-Street- Bank Morgan Stanley wegen Milliardenverlusten knapp zehn Prozent ihres Aktienkapitals für fünf Milliarden Dollar an einen chinesischen Staatsfonds abgegeben. Und die krisengeschüttelte Citigroup, das weltweit größte Bankunternehmen, verkaufte einen Teil seiner Aktien an das Scheichtum Abu Dhabi für 7,5 Milliarden Dollar.

Die Kreditkrise, in die viele Banken mit ausgelagerten Zweckgesellschaften hineingeschlittert sind, hat Merrill Lynch besonders stark betroffen. Das Unternehmen musste bereits unter seinem im November geschassten Chef Stanley O’Neal für das dritte Quartal Wertberichtigungen in Höhe von fast acht Milliarden Dollar vornehmen. Sein Nachfolger John Thain, bis vor kurzem Chef der New York Stock Exchange, wird Berichten zufolge zusätzliche 7,5 Milliarden Dollar abschreiben.

Wenn das zutrifft, würde die Finanzspritze aus Singapur nur etwa 30 Prozent der Finanzierungslücke füllen. Der amerikanische Geldmanager Davis Selected Advisors wird daher weitere 1,2 Milliarden Dollar in Merrill investieren. Merrill wird zudem seine 15 Milliarden Dollar schwere Sparte für die Finanzierung von Mittelstandsunternehmen an den Mischkonzern General Electric verkaufen. Der Kaufpreis wurde nicht genannt; durch das Geschäft könne Merrill aber nach eigenen Angaben 1,3 Milliarden Dollar in anderen Teilen der Bank einsetzen.

Merrills Ergebnisse für das vierte Quartal und das Jahr 2007 werden im Januar bekannt gegeben. Der Analyst David Trone bei der Firma Fox-Pitt Kelton Cochran schätzt Merrills Verluste durch Investitionen, Ausleihungen und Hedge- Fonds auf bis zu 18 Milliarden Dollar, berichtete das „Wall Street Journal“ in seiner Online-Ausgabe.

Da Merrills Finanzproblem mit der Kapitalspritze aus Singapur nicht gelöst ist, dürfte Konzernlenker Thain andere Maßnahmen ins Auge fassen. Die Aussetzung der Dividende wäre eine Option. Die Schweizer Großbank UBS ist bisher das einzige wegen der Hypothekenkrise in Schwierigkeiten geratene Finanzinstitut, das sowohl einen ausländischen Staatsfonds in die Bank holen will als auch die Dividende ausgesetzt hat. UBS könnte sich so 15,7 Milliarden Dollar beschaffen, um die durch Abschreibungen entstandene 14-Milliarden-Dollar-Lücke zu schließen. Banken sind in den seltensten Fällen bereit, die Dividende anzutasten, weil sie keinen Aktionärsaufstand riskieren wollen. Doch auch die Alternative – die Veräußerung von Unternehmensteilen zu Schleuderpreisen – ist bei den Anlegern unpopulär. Eine andere Möglichkeit wäre, die Ausleihungen drastisch einzuschränken. Hierdurch könnte eine Bank jedoch Marktanteile an besser finanzierte Wettbewerber verlieren.

Als O’Neal noch Chef war, gab es Spekulationen über den möglichen Verkauf der Broker-Sparte mit ihren 16 000 Maklern und Finanzberatern. Doch angeblich zählt Thain das Geschäft zu Merrills Kernbereichen, auf das er nicht verzichten will. Merrill Lynch hält auch 30 Prozent der Anteile an dem vom New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg gegründeten Medienkonzern Bloomberg. Der Verkauf dieser Beteiligung könnte zwei bis drei Milliarden Dollar einbringen.

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