Wirtschaft : Asien drückt auch auf Lateinamerikas Exporte

Vertrauen in "Emerging markets" sinkt / Harte Konkurrenz SAN SALVADOR."Ein tiefschwarzer Schatten" ist im Zuge der Asienkrise auf Lateinamerika gefallen, urteilt Arturo Porzecanski.Der Chefökonom der Lateinamerika-Abteilung des US-amerikanischen Investmenthauses ING Barings ist sich darin mit vielen seiner Kollegen einig.1998 werde sich die Wachstumsrate der Region halbieren, prognostiziert die Interamerikanische Entwicklungsbank.1997 waren die Volkswirtschaften Lateinamerikas durchschnittlich um 5,3 Prozent gewachsen.Für 1998 schwanken die Voraussagen zwischen 2,5 und 3,6 Prozent. Auf den ersten Blick gibt es zwar kaum Verbindungen zwischen Lateinamerika und Asien.Die südamerikanischen Staaten wickeln weniger als zehn Prozent ihres Außenhandels mit der ostasiatischen Krisenregion ab.Auf den zweiten Blick jedoch verbindet die beiden Regionen mehr, als den Lateinamerikanern derzeit lieb ist.Zum einen hat die Finanzkrise in Fernost das Vertrauen der Investoren in "emerging markets", die neuen Märkte der Dritten Welt, erschüttert.Der Wertverfall der asiatischen Währungen führt zudem zu stärkerer Konkurrenz für lateinamerikanische Exportprodukte.Schließlich sind im Zuge der Krise die Rohstoffpreise weltweit gesunken.Dies wird die Außenhandelsbilanz etlicher lateinamerikanischer Länder empfindlich treffen. Unter dem Vertrauensverlust hatte bisher vor allem Brasilien zu leiden.Schon kurz nach dem Einbruch der asiatischen Währungen suchten internationale Investoren in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas nach ähnlichen Krisensymptomen.Um die Auswirkungen von Spekulationen gegen den brasilianischen Real gering zu halten, sah sich Präsident Fernando Henrique Cardoso Ende vergangenen Jahres zu einem drastischen Schritt gezwungen: Die Zinsen wurden schlagartig verdoppelt, die Staatsausgaben zusammengestrichen.Wall-Street-Analysten korrigierten daraufhin die Wachstumsprognose des Landes für 1998 von vier auf null Prozent. Die Verunsicherung der Investoren trifft Lateinamerika 1998 besonders.Fast überall stehen für dieses Jahr umfangreiche Privatisierungen an.Vor allem öffentliche Telefon- und Stromgesellschaften sollen unter den Hammer.Finanzexperte Porzecanski schätzt, daß der Verkauf der Staatsunternehmen wesentlich weniger Geld in die öffentlichen Kassen Lateinamerikas bringen wird als noch vor der Krise angenommen wurde. Die durch den Währungsverfall verbilligten ostasiatischen Exporte werden vor allem Mexiko und den mittelamerikanischen Ländern zu schaffen machen.Mexiko wickelt rund siebzig Prozent seines Außenhandels mit den Vereinigten Staaten ab, die mittelamerikanischen Kleinstaaten mehr als vierzig Prozent.Textilien und Artikel aus der Elektronikindustrie aus Ostasien aber sind nun für die Verbraucher in den USA deutlich billiger geworden. Außerdem ist wegen der geringen Nachfrage aus Asien der Weltmarktpreis für Erdöl seit September 1997 um rund 25 Prozent gesunken.Das schlägt sich unmittelbar auf die Einnahmen der Erdölproduzenten Venezuela, Mexiko, Kolumbien, Ecuador und Peru nieder.Mexiko hatte 1996 einen Außenhandelsüberschuß von 6,5 Mrd.US-Dollar erzielt.Für 1998 wird eine negative Bilanz von sieben bis acht Mrd.Dollar erwartet.Eine Zeitlang könnten die lateinamerikanischen Zentralbanken die Einnahmeverluste mit dem Verkauf ihrer Dollarreserven ausgleichen, sagt ING-Barings-Ökonom Porzecanski."Der Einbruch", so prognostiziert er, "kommt dann in der zweiten Jahreshälfte".TONI KEPPELER (epd)

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