Wirtschaft : Atecs: Der heimliche Ausverkauf der Siemens-Tochter

Thomas Magenheim

Eine dreijährige Schonfrist dauert in der schnellebigen Wirtschaft von heute oft nur einige Monate. Vor gut einem Jahr hat Siemens das Ringen um den Düsseldorfer Teilkonzern Mannesmann Atecs für sich entschieden und bei dessen Übernahme mit der IG Metall und der Belegschaft für Atecs eine Bestandsgarantie von drei Jahren ausgehandelt. Erst vor drei Monaten erhielten die Münchner nach kartellrechtlicher Prüfung grünes Licht für die 18 Milliarden Mark teuere Akquisition. Heute ist Atecs in seine Bestandteile zerlegt.

"Total zerrupft und zerschlagen", lautet die Bilanz des langjährigen Mannesmann-Konzernbetriebsratschefs Jürgen Ladberg, der selbst mittlerweile im Salzgitter-Konzern tätig ist. Es sei eine Schande, wie ein Ex-Börsenkandidat mit 90 000 Mitarbeitern und 30 Milliarden Mark Umsatz derzeit zerpflückt werde. Schon vor Monaten hat er genau davor gewarnt und Siemens Wortbruch vorgeworfen. Wer Siemens-Chef Heinrich von Pierer vor Jahresfrist eine Zerschlagung von Atecs unterstellen wollte, erntete damals nur Entrüstung. Mindestens drei Jahre werde das Unternehmen in allen Strukturen erhalten bleiben, hieß es. Die operative Selbständigkeit der Düsseldorfer werde garantiert. Ein alternativer Verkauf an Thyssen-Krupp war 2000 auch gescheitert, weil befürchtet worden war, dass dieser Konzern zur Finanzierung des Deals Teile von Atecs weiter verkaufen müsse.

Dieses Schicksal hat aber auch von Pierer den Düsseldorfern nicht erspart. Heute will Siemens die Bestandsgarantie offiziell nur für die Atecs-Holding verstanden wissen, wo 30 Personen arbeiten. Die größten Atecs- Konzernteile VDO und Dematic wurden mit den Siemens-Sparten Kfz-Technik sowie Produktions- und Logistiksysteme vereint. Der Rexroth-Teil von Atecs wurde an Bosch verpachtet. Der vierte Atecs-Teil Demag Krauss Maffei (DKM) steht vor einer Dreiteilung. Deren dominierender Bereich Mannesmann Plastics Machinery (MPM) wurde jüngst für mutmaßlich knapp 1,5 Milliarden Mark an die britische Finanzgruppe Apax verkauft. Der DKM-Teil Demag Delaval wird in Siemens integriert. Für das DKM-Wehrgeschäft mit dem Leopard-Panzer als Hauptprodukt sucht Siemens ebenso einen Käufer wie für den fünften Atecs-Teil Sachs. Als Interessent für den Kupplungs- und Stoßdämpferhersteller Sachs, dessen Wert auf rund zwei Milliarden Mark geschätzt wird, ist dem Vernehmen nach der Reifenhersteller Continental im Gespräch. Die Beteiligung am Panzerbauer Krauss- Maffei Wegmann kann auf Grund alter Verträge erst 2002 veräußert werden.

Einen öffentlichen Aufschrei hat das alles aber weder bei der IG Metall noch in der betroffenen Belegschaft ausgelöst. "Lieber Perspektiven als drei Jahre Scheinfrieden", erklärt die Münchner Siemens-Betriebsrätin Birgit Grube das leise Erdulden. Wer seitens Atecs bei Siemens integriert werde, fühle sich in der neuen Heimat gut aufgehoben. Zudem sei Insidern immer klar gewesen, dass die Vereinbarung zwischen Konzern und Belegschaft Hintertürchen offenlasse und Atecs nicht als Ganzes erhalten bleibe. Mit den jetzigen Lösungen könnten die Beschäftigten leben.

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