Wirtschaft : Auch Riesen waren früher "Small Caps"

JENS ECKHARDT

Amerikanische Nebenwerte wecken die Hoffnungen der Anleger auf das große GeldVon JENS ECKHARDT

Nebenwerte bieten ein weites Feld für risikofreudige Anleger.Sie machen den größten Teil aller in den USA notierten Aktien aus, repräsentieren jedoch nur 10 bis 12 Prozent von deren Gesamtwert.Während Privatanleger auf den billigen Einstieg in Firmen mit großer Zukunft hoffen, nutzen Gauner dunkle Ecken verminderter staatlicher Aufsicht. Über die Definition von Standardwerten, sogenannten "large capital stocks" oder "large caps" in den USA muß man sich nicht lange den Kopf zerbrechen.Sie werden fast ausschließlich an der New York Stock Exchange gehandelt, und unter ihnen finden sich so bekannte Namen wie etwa IBM oder AT & T.Bei den Nebenwerten, den "Small Caps", sieht es anders aus.Hier gibt es Unterscheidungen nach klein, kleiner am kleinsten, Small Caps, Micro Caps und Penny Stocks, für die verschiedene Definitionen mit fließenden Übergängen gelten. Gehandelt werden die meisten von ihnen am Nasdaq, der computerisierten Börse der National Association of Securities Dealers.Einige der Nasdaq-Aktien, die einst klein und bescheiden anfingen, sind heute Marktriesen.Dazu zählen Werte wie Microsoft, Intel, MCI, Dell Computer oder Sun Microsystems.Nach ihrer Kapitalisierung gehören sie längst zu den "Large Caps" an der New York Stock Exchange.Sie halten jedoch dem Nasdaq die Treue, weil sie als High-Tech-Werte dort groß geworden sind.Was die Prüfung ihrer Bücher und die Überwachung des Handels angeht, unterscheiden sie sich nicht von "Large Caps". Am Nasdaq werden durchschnittlich pro Tag etwa 5700 verschiedene Werte gehandelt.Dabei entfällt das Gros der Tagesumsätze von neuerdings um die 700 Mill.Anteile auf die etwa 100 größten Werte.Das heißt, unter den weitaus zahlreicheren "Small Caps" befinden sich viele Werte, die nur in kleinen Stückzahlen umgesetzt werden.Die Bandbreite für Nebenwerte in den Vereinigten Staaten ist groß.Ihre Jahresumsätze können mehrere hundert Mill.Dollar erreichen, und sie unterliegen weitgehend den gleichen Voraussetzungen, Prüfungskriterien und Veröffentlichungspflichten wie größere Werte. Das gilt nicht für "Micro Caps" und "Penny Stocks", die Anteile von kleinen Firmen, die billig zu haben sind.Nach der Definition der US-Wertpapiergesetze wird ein Penny-Wert weder am Nasdaq noch an einer anderen nationalen Börse notiert und sein Kurs beträgt weniger als fünf Dollar.Für diese Werte gelten großzügige Sonderregelungen hinsichtlich der Voraussetzungen für ein Listing, bei ihrer Kapitalausstattung sowie bei den Offenlegungspflichten.Ihr Weg in den öffentlichen Handel ist relativ kurz, billig und unproblematisch.Sie werden frei "Over-the-counter" (OTC) gehandelt und ihre Kurse werden am Bulletin Board der NASD oder in den "Pink Sheets" des National Quotation Bureaus notiert. Um die Reputation gering kapitalisierter Nebenwerte zu erhöhen und sich zusätzliches Geschäft zu sichern, schuf die NASD vor ein paar Jahren einen separaten "Small Cap"-Markt im Rahmen des Nasdaq, an dem die besseren Micro Caps gehandelt werden.Mehrere hundert Werte werden hier mittlerweile notiert.Im Gegensatz zur OTC- und Pink Sheet-Quotierung bietet die Notierung im Small Cap-Markt den Anlegern aktuellere Preisinformationen.Gleichwohl ist auch bei diesen Kleinstaktien eine akkurate Bewertung oft schwierig, weil sich nur wenige Analysten mit ihnen beschäftigen, und wenn ein Anleger schnell verkaufen will, ist die Markt-Liquidität gelegentlich dünn.Im Gegensatz zu Deutschland ist es in den USA selbstverständlich, daß auch Mini-Firmen an die Börse gehen. "Kleine Unternehmen", so betonte unlängst SEC-Chef Arthur Levitt anläßlich von Anhörungen im Kongreß über Betrug bei Nebenwerten, "sind der Lebenssaft unserer Wirtschaft.Sie brauchen den Zugang zu den Kapitalmärkten." Deshalb habe die SEC in den letzten Jahren die regulatorischen Hürden stark gesenkt.Kleinfirmen können heute bis zu fünf Mill.Dollar pro Jahr durch Ausgabe von Aktien aufnehmen, ohne der SEC geprüfte Bilanzen vorlegen zu müssen.Allerdings, so räumte Levitt ein, wirken großzügige Regeln und weniger Aufsicht in Zeiten der Rekordexpansion an den Kapitalmärkten auch als Einladung für Betrüger.Sie würden die mangelnde Markttransparenz und die geringen Umsätze bei kleinen Nebenwerten nutzen, um mit allerlei Tricks Kurse zu manipulieren und unbedarfte Anleger um ihr Geld zu erleichtern.Zur Betrugsbekämpfung setzte die SEC deshalb unlängst eine besondere Arbeitsgruppe ein.Im letzten Jahr flossen über 200 Mrd.Dollar zusätzlich in US-Aktienfonds.Laut Levitt kontrollieren diese Fonds heute Vermögen von insgesamt rd.3700 Mrd.Dollar, gegenüber 135 Mrd.Dollar im Jahr 1980.Damals investierte nur jeder 16.US-Haushalt in Aktienfonds, heute ist es jeder dritte. Die große Attraktion von Nebenwerten besteht darin, daß sie Hoffnungen auf das große Geld wecken.High-Tech-Riesen der Gegenwart wie die Unternehmen Intel, Microsoft, Dell oder Compaq haben vor nicht allzu langer Zeit als Nebenwerte begonnen und ihre Anleger reich gemacht.Der Glaube an das "nächste Microsoft" sorgte in den letzten Jahren für Herdentrieb unter Anlegern und ließ ihre Risikobereitschaft gelegentlich ins Unermeßliche wachsen.Vor ein paar Jahren kamen Bio-Tech-Werte in Mode, heutzutage sind es Internet-Aktien.Kauffieber trieb den Marktwert auch von solchen Firmen auf Milliardenhöhe, die mit nur einer handvoll Beschäftigter geringe Umsätze und rote Zahlen erwirtschafteten. Amazon.com, Pionier im Buchverkauf über das Internet, hat zum Beispiel gegenwärtig einen Marktwert von 1,2 Mrd.Dollar; dies bei etwa 130 Mill.Dollar Umsatz in diesem Jahr.Das Erreichen der Gewinnzone wird nicht vor dem Jahr 1999 erwartet.Wer als Anleger früh einstieg, konnte sein Geld verdreifachen.Wer auf dem vorläufigen Kurshoch 66 Dollar pro Anteil zahlte, ist heute bei 50 Dollar tief in den Miesen.Volatilität und Risiko sind denn auch Hauptmerkmale der Small Caps.Angesichts der Gewinnchancen stört dies viele Anleger aber nicht.Nach einer längeren Korrektur bei den Nebenwerten, die im Sommer 1996 begann und bis April dieses Jahres anhielt, rollt seit Mai wieder eine Haussewelle bei den Small Caps, vor allem auf dem Technologiesektor. Während der Dow Jones-Index aus 30 Blue Chips heute etwa 18 Prozent höher liegt als zum Jahresanfang, legten die Standard & Poors 600 SmallCap um gut 22 Prozent zu.Der Russell 2000, der meistbeachtete Small Cap-Index, kletterte in dieser Zeit um über 18 Prozent, der Nasdaq-Gesamtindex um etwa 23 Prozent.(HB)

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