Wirtschaft : Auch Südamerika gerät unter Druck

SAO PAULO (abu/HB).Die Asienkrise und ihre Folgen machen den südamerikanischen Ländern zu schaffen.In die Schlagzeilen sind bisher vor allem Chile und Venezuela geraten: Das Andenland leidet unter dem Preisverfall des Kupfers und den weggebrochenen Exportmärkten in Fernost.Venezuela belastet der Preisverfall des Erdöls in Folge der Asienkrise.Auch Brasilien mußte mit einem Sparpaket und erhöhten Zinsen auf die Spekulationen gegen den Real reagieren und dafür ein schwaches Wachstum für dieses Jahr in Kauf nehmen.

Argentinien ist die Ausnahme: Die zweitgrößte Wirtschaft des Kontinents ist bisher von der Asienkrise weitgehend verschont geblieben.Es kam dort bisher nicht zu den Krisenentwicklungen, wie 1995 nach der von Mexiko ausgelösten "Tequila-Krise".Ausländische Investoren zeigen weiter Vertrauen.Argentinien war das erste südamerikanische Land, welches in diesem Jahr wieder Eurobonds ausgab.

Doch ein Alarmzeichen ist das zunehmende Defizit in der Handelsbilanz.Erstmals im vergangenen Jahr importierte Argentinien für 5,1 Mrd.Dollar mehr als es exportierte.In diesem Jahr dürfte das Defizit im Außenhandel noch zunehmen.Ein Minus zwischen 3,5 und 4,5 Prozent erwarten Analysten deswegen auch in der Leistungsbilanz, der entscheidenden Meßgröße für die Außenabhängigkeit der argentinischen Volkswirtschaft, deren Wert sich seit mehreren Jahren verschlechtert.

Die Wirtschaftspolitiker in der Regierung von Carlos Menem verteidigen das zunehmende Defizit im Außenhandel damit, daß es vor allem investitionsgetrieben sei.Weil die Petrochemie, Lebensmittelindustrie und Stahlproduzenten 1997 das Mehrfache der letzten Jahre investierten, bestehen die argentinischen Importe fast zur Hälfte (44 Prozent) aus Investitionsgütern.Auch das weiterhin hohe Wachstum (1997: 8,4 Prozent) wird durch hohe Investitionen angetrieben.Die Regierung argumentiert, daß sich das Handelsbilanzdefizit deswegen bald entschärfen werde.

Die Frage ist, wieviel Zeit bis dahin vergeht.Durch die Asienkrise haben sich die Amortisationsraten verlängert.Einen "nur geringen direkten Einfluß" sehen die Analysten von Flemings Research: "Der Handel zwischen Argentinien und den fünf asiatischen Krisenländern ist gering." Nur 3,6 Prozent der argentinischen Exporte gingen dorthin.

Indirekt dagegen spürt die argentinische Exportindustrie die Auswirkungen der Asienkrise gleich an mehreren Fronten: Auf Drittmärkten kämpfen argentinische Unternehmen gegen die offensiv auftretenden asiatischen Exporteure.Dort sind die Latinos seit Ende letzten Jahres im Nachteil: Der argentinische Peso ist an den Dollar gekoppelt.Damit sind die argentinischen Produkte teurer als asiatische, die von der Abwertung ihrer Währungen profitieren.Die Deutsche Bank schätzt, daß 1997 bereits die Exporte von Argentinien nach Europa und Asien wegen des starken Pesos um durchschnittlich 14 Prozent abgenommen haben.Auch Chile, das drittwichtigste Exportland für argentinische Unternehmen, hat seine Währung im Verlauf der Asienkrise mehrfach abgewertet.Die Analysten von Flemings mahnen jedoch: Der Währungseffekt sollte bei den Exporteinnahmen "nicht überschätzt" werden.So seien argentinische und asiatische Produkte nur auf wenigen Märkten Konkurrenzprodukte.

Problematischer sehen die Experten den Preisverfall bei Agrargütern (vor allem Weizen und Soja) sowie bei Öl und Lebensmitteln.Da zwei Drittel der Exporte des Landes Commodities sind, haben mehrere Analysten die Prognosen der Exporteinnahmen für dieses Jahr nach unten revidiert (auf 26,4 Mrd Dollar).Die in kurzer Zeit erreichte Abhängigkeit Argentiniens vom Nachbarland Brasilien entpuppt sich während der jetzigen Krise als zweischneidige Angelegenheit: Einerseits dämpft die intraregionale Integration im Mercosur den Asieneffekt auf dem Kontinent erheblich.Wegen der niedrigeren Transportkosten und den Außenzöllen ist dieser Binnenmarkt gegenüber den asiatischen Exporten gesichert.Andererseits würde sich eine Abwertung der brasilianischen Währung negativ auf Argentiniens Exportindustrie auswirken.Die Flemings-Experten empfehlen den argentinischen Wirtschaftspolitikern aber Eile bei den Strukturreformen und neue Anreize für die Exportindustrie.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben