Auf dem Rücken der Bauern : Wie Agrarkonzerne Entwicklungshilfe machen

Konzerne wie Bayer und BASF unterstützen die Bundesregierung bei der Entwicklungshilfe: Sie unterrichten Kleinbauern in Asien und Afrika - und werben dabei vor allem für ihre eigenen Produkte.

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Auf den Philippinen werden zum Beispiel Reisbauern geschult. Statt ökologisch nachhaltiger Anbaumethoden lernen sie Pestizide kennen.
Auf den Philippinen werden zum Beispiel Reisbauern geschult. Statt ökologisch nachhaltiger Anbaumethoden lernen sie Pestizide...Foto: imago/Friedrich Stark

800 Millionen Menschen hungern weltweit. Zwei Milliarden gelten als unterernährt. Das Bundesentwicklungsministerium  will helfen, indem es Kleinbauern in Entwicklungs- und Schwellenländern schult. Dabei arbeitet das Ministerium mit Konzernen zusammen – etwa Bayer, BASF, Syngenta und Metro. Sie beteiligen sich an der Finanzierung und helfen beim Unterricht der Kleinbauern. Für die zuletzt geförderten drei Initiativen in Afrika und Asien hat die Bundesregierung so 8,4 Millionen Euro bereitgestellt, die die Konzerne um 30 Millionen Euro aufgestockt haben. Dabei kommt es jedoch zu erheblichen Interessenkonflikten, meint die Nichtregierungsorganisation Oxfam.

Sie hat die Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft untersucht, mehrere hundert Seiten Material ausgewertet. Demnach nutzen die Konzerne die Schulungen der Kleinbauern vor allem, um für ihre eigenen Produkte zu werben: ihr Saatgut, ihre Düngemittel und Pestizide. Am Bedarf der Kleinbauern gehe das Angebot jedoch vorbei, heißt es in der Oxfam-Studie, die dem Tagesspiegel exklusiv vorliegt.

Den Landwirten wird zum Einsatz von Pestiziden geraten

Kritisch sieht die Organisation etwa ein Projekt, das Reisbauern in Asien helfen soll. Im Rahmen der „Better Rice Initiative Asia“, die noch bis Ende 2017 läuft, werden Kleinbauern in Indonesien, Thailand, Vietnam und auf den Philippinen geschult. Indem sie mehr über Anbaumethoden lernen, sollen sie ihre Ernteerträge und so das Einkommen ihrer Familien steigern. Zehn Millionen Euro haben Bundesregierung und Konzerne dafür zusammen bereitgestellt – wobei der Großteil (70 Prozent) von den Unternehmen kommt, darunter BASF und Bayer. Nach Ansicht von Oxfam nutzen sie die Schulungen, „um die Vorteile chemischer Schädlingsbekämpfung zu präsentieren“. Die Auflage, auf Produktplazierungen zu verzichten, würde ignoriert. Oxfam kritisiert, die Bundesregierung fördere „unter dem Etikett der Hungerbekämpfung die Wirtschaftsinteressen von Agrarkonzernen“.

Im Bundesentwicklungsministerium sieht man das anders. „Durch die zusätzlichen finanziellen Mittel und die Expertise der Unternehmen können deutlich mehr Kleinbauern erreicht werden“, sagt eine Sprecherin. Projekte kämen nur zustande, wenn sie einen „klaren entwicklungspolitischen Nutzen“ hätten. Das betonen auch die Konzerne. „Unsere Prioritäten stimmen in vielen Punkten mit denen der internationalen Entwicklungspolitik überein“, sagt ein Sprecher von Bayer Cropscience. Der Konzern habe ein Interesse daran, den Kleinbauern den „verantwortungsvollen Umgang mit modernen Agrartechnologien“ nahezubringen. „Was Bayer angeht, so sind zufriedene Kunden die besten Kunden.“

Konzerne wollen ihre Produkte verkaufen

Das zeigt jedoch auch: Die Konzerne sind nicht rein aus Gutmenschentum in der Entwicklungshilfe aktiv. Sie versprechen sich davon den Zugang zu neuen Märkten. Wenn Kleinbauern in Entwicklungs- und Schwellenländern neue Anbautechniken erlernen, kaufen sie mehr Landmaschinen, Saatgut, Pestizide und Düngemittel. Die Konzerne schaffen sich die Nachfrage so quasi selbst. Würden davon am Ende beide Seiten profitieren, Konzerne wie Kleinbauern, wäre das kein Problem. Doch oft gebe es Alternativen, die für die Landwirte sehr viel besser geeignet seien, sagt Marita Wiggerthale, Expertin für Welternährung bei Oxfam.

Das zeigt etwa die "Potato Initiative Africa". In ihrem Rahmen sollen Kleinbauern in Kenia und Nigeria lernen, wie sie ihre Kartoffelernte steigern können. Bundesregierung und Konzerne – darunter Bayer, Syngenta und K+S – haben dafür 1,4 Millionen Euro bereitgestellt. Statt Saatkartoffeln aus der Region empfiehlt die Initiative den Bauern importierte Saatkartoffeln aus den Niederlanden. Weil die jedoch weniger resistent sind, müssen die Landwirte laut Oxfam mehr Pestizide einsetzen: Zum Einsatz kämen Mittel von Bayer und Syngenta. Dabei ist nach Ansicht von Oxfam fraglich, ob die Bauern dadurch am Ende tatsächlich besser dastehen. Durch teures Saatgut und Pestizide steigen ihre Kosten – wofür viele Kredite aufnehmen müssen. „Wenn die Versprechen von besseren Ernteerträgen nicht eintreten, stehen sie am Ende mit Schulden da“, sagt Wiggerthale.

Deshalb zielen die Konzerne mit ihren Schulungen auch nur auf eine kleine Gruppe von Landwirten ab: sogenannte Potenzialbauern. Sie sind vergleichsweise gut gebildet, verkaufen ihren Reis und ihre Kartoffeln an Supermärkte statt auf Wochenmärkten. Das Problem ist nur: Hilfe bräuchten eigentlich andere.  „Die ärmsten Bauern fallen gänzlich durch das Raster“, sagt Wiggerthale.

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