Wirtschaft : Auf der Kippe (Kommentar)

Karin Birk

Es ist zu schön, um wahr zu sein. Die Börsen in London und Frankfurt sitzen an einem Tisch und verhandeln über ihre Fusion. Gemeinsam wollen sie den Börsen in Paris, Brüssel und Amsterdam Paroli bieten, die sich vor gut einem Monat zum Bündnis Euronext zusammengeschlossen haben. Aber es ist nicht nur die Konkurrenz aus Paris, die den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse, Werner Seiffert, und den neuen Chef der London Stock Exchange, Don Cruickshank, zum Handeln zwingt: Im Zeitalter des Internets erhöht sich auch der Druck auf die Börsen, ihr Geschäft rationell zu gestalten Geplant ist deshalb eine Aufgabenteilung: In London sollen die Standart-Werte, in Frankfurt die Wachstums- und Technologiewerte gehandelt werden. Die Idee ist bestechend, zumal Frankfurt über ein leistungsfähiges Handelssystem verfügt. Doch es bleibt die Frage, ob sich so ungleiche Finanzmanager wie Deutsche und Briten tatsächlich auf eine Zusammenarbeit einigen werden. Denn noch immer ist umstritten, wie die Anteile und Macht in einem deutsch-britischen Gemeinschaftsunternehmen verteilt werden sollen. Frankfurt beansprucht wegen seiner großen Finanzkraft mehr als die Hälfte der neuen Gesellschaft. Und Werner Seifert soll Chef der fusionierten Börse werden. London dagegen dringt auf eine Fusion unter gleichen. Auf weniger werden sich die Briten kaum einlassen. Zu sehr hängt ihr Selbstbewusstsein von der Stärke des Finanzplatzes ihrer Börse ab. Ihre City in Deutsche Hand zu geben, ist kaum denkbar. Ein glücklicher Ausgang der Verhandlungen ist also mehr als unsicher. So sehen es wohl auch die Engländer. Warum sonst hätten sie - zwar ungewollt und auch schon dementiert - an die britische Presse gleich ein internes Strategiepapier mitgeliefert. Darin haben sie den Fall des Scheiterns der Fusion schon durchgespielt und festgelegt, wie Deutschland als Sündenbock dargestellt werden könnte. Das ist noch keine gute Basis für eine Zusammenarbeit.

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