Wirtschaft : Auf der Suche nach der New Economy (Kommentar)

Rainer Hank

Die IG Metall entdeckt die New Economy. Dann muss es diese Neuheit auch wirklich geben. Klaus Zwickel sagt, Aktien seien zu einer Volksbewegung geworden, die auch eine Gewerkschaft nicht mehr ignorieren könne. Damit hat der IG-Metall-Chef zweifellos recht, doch zugleich bedeutet das Bekenntnis eine kleine Revolution für einen deutschen Gewerkschafter. Denn bis heute lernen die Funktionäre auf ihren Bildungsschulen hinter den sieben Bergen, dass die Welt vom Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit bestimmt wird. Der dazugehörige moralische Dualismus ist nicht weniger simpel: Gut ist die Arbeit, mächtig ist das Kapital. Mit einer offensiven Lohnpolitik wollten die Gewerkschaften Reichtum für die Arbeitnehmer schaffen, nicht mit einer aggressiven Zockerpolitik. Was aber tun, wenn die Arbeiter mit Epcos, Infineon und T-Online in Scharen auf die Seite des Kapitals überlaufen? Es spricht für Klaus Zwickel, dass er die neue "Equity Culture" zur Kenntnis nimmt. Das hat nur ein Problem: Zum Aktienkauf brauchen die Arbeitnehmer keine Gewerkschaft, sondern einen guten Anlageberater. Die Zahl der Börsenmagazine steigt, die Mitgliedschaft der Gewerkschaften schwindet. Doch Zwickel hat eine Idee: Pensionsfonds. Das ist professionelle Altersvorsorge der Arbeitnehmer am Kapitalmarkt, wie sie in Amerika seit langem üblich ist - mit großer gewerkschaftlicher Beteiligung. Ein möglicher Strohhalm mag das sein. Doch wie man es auch dreht: Zwickels Wort bleibt das Eingeständnis des Scheiterns der bisherigen Politik. "Rente mit 60" und Kaufkraftthese sind Parolen der Old Economy. Dass sie nicht mehr ziehen, zeigt die Tarifrunde dieses Jahres.

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