Wirtschaft : Auf in die Zukunft

Wie Bewerber den steigenden Fachkräftemangel für sich nutzen können – und bei Arbeitgebern gut ankommen

Die Perspektiven waren lange nicht mehr so gut wie heute. Wer einen Job sucht oder sich beruflich verändern will, hat weit bessere Chancen auf Erfolg als in den vergangenen Jahren. Die Wirtschaft wächst, Wirtschaftssenator Harald Wolff prognostiziert für 2011 etwa zwei Prozent. Und das wird auch mehr Arbeitsplätze in die Stadt bringen.

ZUKUNFTSBRANCHEN

„Berlin bietet im gesamten Dienstleistungbereich, von Tourismus über den Handel bis zu Medien und Kommunikation gute Chancen“, sagt Erik Benkendorf von der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg. Das gelte auch für die Zukunftsbranchen Biotechnologie, Medizin, die Pharmabranche und den Bereich der alternativen Energien. Das Gastgewerbe habe im vergangenen Jahr 5 Prozent mehr sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter beschäftigt, das Gesundheits- und Sozialwesen 4 Prozent und die Zeitarbeitsbranche 15,6 Prozent, erklärt der Sprecher. Diese Entwicklung werde sich 2011 fortsetzen.

Der Wirtschaftssenator setzt außerdem auf Energietechnik, auf Verkehr und Logistik sowie Optik- und Mikrosystemtechnik. Zudem habe die Industrie fast 20 Prozent mehr Aufträge als im Vorjahr.

„Daneben sind auch im Baugewerbe neue Jobs zu erwarten“, sagt Bernhard Schodrowski von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. Fast jedes dritte Bauunternehmen plane, Mitarbeiter einzustellen.

Und auch der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Berlin, Jürgen Wittke, sieht positiv ins nächste Jahr. Zu den Wachstumsmärkten des Handwerkes gehöre Umweltschutz, der energetische Sanierungsmarkt, Solartechnik und Klimaberufe. Auch die alternde Gesellschaft schafft Arbeit. So seien zum Beispiel Sanitärfachleute gesucht, die barrierefreie Badezimmer bauen.

In den wachsenden Branchen sind Fachkräfte auf allen Qualifikationsstufen gesucht, vom Facharbeiter bis zum Ingenieur. Viele davon finden sich in der Berliner Jobbörse Talents-in-berlin.de. Vor allem nach IT-Experten wird dort gesucht, vor Vertriebsexperten, Ingenieuren, Juristen und mehrsprachigen Dienstleistern.

JOBCHANCEN

Doch wie können Arbeitsuchende die neue Situation für sich nutzen?

„Das hängt von der Branche ab“, erklärt die Karriereberaterin, Svenja Hofert aus Hamburg.

In der Pflegebranche etwa fehlt es schon heute an Arbeitskräften. Bereits über kurzfristige Qualifzierungsmaßnahmen könnten sich Jobsuchende zu Hilfstätigkeiten oder für reguläre Stellen qualifizieren, sagt IHK-Sprecher Schodrowski. Das biete auch für Quereinsteiger und Langzeitarbeitslose eine Alternative.

Das sieht die Karriereexpertin Svenja Hofert jedoch durchaus kritisch. Es gebe im tertiären Wirtschaftssektor, dem Dienstleistungsbereich, zwar einen großen Bedarf an Mitarbeitern, doch nicht immer würden die Stellen angemessen bezahlt. So biete die Pflegebranche zwar langfristige Jobs, die Arbeitsbelastung aber sei sehr hoch – und der Verdienst relativ gering. Arbeitssuchende müssten abwägen zwischen Lebensqualität, Selbstverwirklichung – und der Sicherung der Existenz.

Auch der Aufstieg auf der Karriereleiter führt in der Branche nicht zum guten Verdienst. Wer etwa Pflegemanagement studiert oder eine Hygienefachausbildung macht, erhöht zwar sein Qualifikationsniveau und kann eine Leitungsfunktion übernehmen. Im Vergleich zu ähnlichen Positionen in anderen Branchen seien aber auch diese schlechter bezahlt.

Sinnvoll sei es, sich beruflich in einem Sektor zu bewegen, der mehr Zukunftssicherheit bietet, rät Karriereberaterin Hofert. Im MINT–Bereich etwa, was für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik steht, seien die Karriereperspektiven in vielfacher Hinsicht sehr gut – solange man sich Wissen aneigne, das von Unternehmen gebraucht wird.

Denn: MINT-Qualifikationen oder IT-Kenntnisse seien kein Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit. So würden Betriebe inzwischen etwa die Systemadministratoren outsourcen. Der Beruf biete entsprechend weniger Jobsicherheit.

Wer auf dem Arbeitsmarkt gefragt sein will, sollte sich in einem wachsenden Bereich spezialisieren, empfiehlt Svenja Hofert. „Bewerber punkten mit Fach-. Methoden und Spezialistenwissen“, sagt sie. Das mache eine Arbeitskraft kostbar – und schwer zu ersetzen.

SPÄTER EINSTIEG

„Dadurch, dass sich die Fachkräftelücken im Handwerk nicht vom Nachwuchs füllen lassen, haben auch ältere Arbeitnehmer dort wieder mehr Chancen“, sagt Jürgen Wittke von der Handwerkskammer: vom Interimsmanager, der im Rahmen des Projektes Berliner Bär für begrenzte Zeit Unternehmen berät, bis zum umgeschulten Langzeitarbeitslosen.

Wittke fordert auch ältere Interessenten auf, sich um Ausbildungsplätze zu bewerben. Für eine Qualifizierung gebe es keine Altersbeschränkung. Azubi könne eine 28-Jährige sein, die zunächst eine Familie gegründet hat, ein 35-Jähriger, der nach einer neuen beruflichen Richtung sucht, als auch ein 48-jähriger Arbeitssuchender. Das Handwerk biete gerade Menschen mit einer weniger geraden Berufsbiografie eine Chance. Ohne Schulausbildung könne man dort bis zum Meister aufsteigen. Und auch ohne Lehre habe man die Möglichkeit, bei entsprechender Praxiserfahrung, eine externe Gesellenprüfung abzulegen.



MEHR WISSEN

Wer sich beruflich weiterbilden oder umschulen will, sollte unbedingt darauf achten, dass ein Kurs auch tatsächlich in die angestrebte Branche führt. So gibt es laut Svenja Hofert zahlreiche Fortbildungen, die angeblich etwa zum Immobilienkaufmann/frau qualifizieren. Doch die Ausbildung sei so allgemein orientiert, dass man damit kaum konkrete Jobchancen habe.

Idealerweise baut eine Weiterbildung auf bekanntem Wissen auf, rät sie. Welcher Kurs zum persönlichen Berufsziel passt, lasse sich durch einen Internetcheck herausfinden. In dem man Profile in beruflichen Netzwerken wie Xing studiere, finde man heraus, was die Konkurrenz zu bieten habe. Was die Arbeitgeber suchen, lässt sich in Stellenanzeigen nachlesen. Entsprechend könne man seine Weiterbildungspläne ausrichten.

Bei der Wahl eines Kurses rät die Karriereberaterin zu Aufbaustudiengängen. „Sie sind langfristig wertvoller, weil man mit ihnen ein höheres Qualifikationsniveau erreicht“, sagt sie. Inzwischen setze ein solches Studium auch immer öfter kein Abitur mehr voraus.

Wer arbeitslos ist, wendet sich an die Arbeitsagentur. Sie fördert Weiterbildung oder Umschulungen, etwa im Gastgewerbe, im Gesundheits- und Sozialwesen oder zu gefragten Berufen wie Elektrotechniker und Heizungstechniker. „Solche Qualifizierungen können sich für Berufsumsteiger ebenso anbieten wie für Wiedereinsteiger in den Job“, sagt Erik Benkendorf von der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg.

Der persönliche Ansprechpartnern in den Jobcentern hilft bei der Kurssuche. Eigeninitiative zahlt sich dabei aber in jedem Fall aus. Wer sich selbst informiert und mit einem konkreten Plan bei seinem Berater auftaucht, hat bessere Chancen, ihn zu überzeugen.

Einen guten Überblick über bundesweite Kursangebote gibt die Internetseite der Arbeitsagentur Kursnet.de.

BEWERBUNG

Gibt es mehr Stellen und weniger Bewerber, stärkt das die Position der Jobsucher. Initiativbewerbungen bei Wunscharbeitgebern lohnen sich wieder, sagt Svenja Hofert. Und: „Wer auf dem Markt gefragt ist, kann selbstbewusster auftreten, auch bei den Gehaltsverhandlungen.“

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