Wirtschaft : Aufstand der Renten-Rebellen

Japans Bevölkerung altert schneller als in anderen Industrieländern – die Jungen wollen die Lasten nicht mehr tragen

Sebastian Moffett

Wenn man den Japaner Tomiya Isshiki mit seiner Seniorengruppe bei der munteren Morgengymnastik im Park von Tokio beobachtet, meint man, der 67-Jährige müsste einen sorglosen Ruhestand verleben. Doch nicht alles ist so ungetrübt wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Im Land mit der durchschnittlich höchsten Lebenserwartung könnte er noch sehr lange leben und dabei immer weniger Geld zur Verfügung haben, denn der Anteil der Erwerbsbevölkerung sinkt.

Japan hat mit einer beispiellosen demografischen Zeitbombe zu kämpfen: Die Japanerin gebärt im Durchschnitt 1,33 Kinder. Das bedeutet, dass im Jahr 2007 der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre von zehn auf 20 Prozent angestiegen sein wird – in nur 21 Jahren. Eine Alterung, die sich fast doppelt so schnell vollzieht wie in jeder anderen großen Nation. Die besorgten Haushalte sparen weit mehr als erwartet und ersticken damit das wirtschaftliche Wachstum. Eine teure und alternde Erwerbsbevölkerung belastet die Profite der Unternehmen – und damit auch deren Aktienwerte. Als Folge dieser Entwicklung verlegen Japans Spitzenunternehmen im Streben nach kräftigerem Wachstum ihre Geschäfte nach Übersee.

Japans Umgang mit seiner demografischen Krise bietet eine Lektion für andere Länder, auf die ähnliche Entwicklungen zukommen. Man erwartet, dass die Bevölkerungen Italiens und Russlands bis Mitte des Jahrhunderts noch drastischer zurückgehen. Und selbst China, Wachstumsmaschine und bevölkerungsreichste Nation der Erde, wird ab 2010 schnell altern, wobei die Senioren bis zum Jahr 2050 rund 23 Prozent statt derzeit 6,9 Prozent ausmachen werden. Derartige Prognosen deuten darauf hin, dass die Welt am Rande eines globalen Bevölkerungsrückgangs steht, und markieren gleichzeitig eine Abkehr lange Zeit gültiger Voraussagen über unhaltbare Bevölkerungsexplosionen.

Die japanischen Unternehmen haben bereits angefangen, sich auf die demografischen Veränderungen einzustellen. Führende Autohersteller wie Toyota, Honda und Nissan haben seit mehr als zehn Jahren kein Werk mehr in Japan eröffnet. Sie verlagern ihren Schwerpunkt in die USA, wo man weiterhin Bevölkerungszuwachs erwartet. Eine schnelle Lösung für schwindende Arbeitskräfte wäre eine großangelegte Einwanderung. Doch die Politiker sträuben sich beharrlich. Der Ausländeranteil beträgt in Japan nur 1,4 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Arbeiten bis 75?

Herr Isshiki war früher fest angestellter Chemieingenieur, hat zahlreiche Patente entwickelt und ist verhältnismäßig wohlhabend. Dennoch traut er sich nicht, sein Geld zu verprassen. Sollten er oder seine Frau ernstlich krank werden, deckt das öffentliche Kranken- und Pflegeversicherungssystem nur einen Anteil der Kosten. Die Sorge um die Zukunft ist ein Grund, weshalb Japans Sparquote beständig hoch liegt – derzeit um die zehn Prozent im Vergleich zu ein Prozent in den USA. Über viele Jahre trug das dazu bei, Japans Industrie zu finanzieren und ermöglichte ein hohes Investitionsniveau.

Wirtschaftsexperten hatten erwartet, dass die Sparquote fallen würde, wenn die japanische Bevölkerung altert und eine große Zahl von Ruheständlern hervorbringt, die ihre Ersparnisse ausgeben und dadurch Konsum und allgemeines Wachstum fördern. Sie irrten. Statt des Segens, den man sich einst von den hohen Ersparnissen erwartete, haben sie im Laufe der letzten zehn Jahre einen nahezu stetigen Rückgang des Konsums mit sich gebracht. Und sinkender privater Konsum, der 55 Prozent des japanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht, hat das reale BIP-Wachstum in den letzten zehn Jahren auf durchschnittlich nur 1,05 Prozent pro Jahr gedrückt.

Die dramatischen Folgen des demografischen Wandels wirken sich sogar auf das Verhalten der jungen Japaner aus. Der 25-jährige Shinsuke Hamada, der in Nachtschichtarbeit an Tokyoter Straßenbaustellen den Verkehr regelt, soll erst in 40 Jahren in den Ruhestand gehen. Doch die meisten seiner Freunde boykottieren ihre Pflicht-Rentenzahlungen. Der Grund: Im Jahr 2002 waren es 3,6 Japaner zwischen 20 und 64 Jahren, die die Bevölkerung über 65 Jahre unterstützten. In 2025, wenn er 48 wird, werden es nur noch 1,9 sein, und die Zahl wird dann noch weiter sinken. Während Hamadas Generation Beiträge zahlt, um den heutigen Senioren ein verhältnismäßig komfortables Leben zu sichern, haben sie weit weniger zu erwarten, wenn sie selbst in Ruhestand gehen.

Die Zahl solcher Renten-Rebellen nimmt stetig zu. Von den selbstständigen Japanern, die eigene Rentenzahlungen leisten müssen, haben im Jahr 2001 29 Prozent ihre Beiträge nicht gezahlt – gegenüber 17 Prozent im Jahr 1996. In der Altersgruppe der 20- bis 24-jährigen haben 46 Prozent nicht gezahlt. Manche Ökonomen befürchten, dass jede weitere Zunahme dieser Drückeberger einen Kollaps des Systems auslösen könnte, wenn die Regierung die Zahlungen nicht nachdrücklicher eintreibt.

Traditionsgemäß steigen die Lohnzahlungen bei vielen japanischen Unternehmen mit dem Alter der Arbeitnehmer an. Beim Elektronikriesen Matsushita stieg das Durchschnittsalter im Jahr 2002 auf 41 gegenüber 31 im Jahr 1980. Der Alterungstrend bürdet den Firmen eine wachsende Lohnlast auf und belastet ihre Bilanzen. Japans schwindende Erwerbsbevölkerung bewirkt, dass die heimische Wirtschaft schon bald heftig kämpfen muss, um überhaupt noch zu wachsen. Die Zunahme der Erwerbsbevölkerung hat – zusammen mit Investitionen und Produktivitätszuwachs – wesentlichen Anteil am Wachstum einer jeden Volkswirtschaft. Doch Japan ist dabei, einen dieser Grundpfeiler des Wachstums zu verlieren. Langfristig könnte ein Anstieg der Geburtenrate die demografischen Auswirkungen auf die Wirtschaft lindern. Doch eine wachsende Zahl berufstätiger Frauen – entmutigt durch lange Büroarbeitszeiten, zu wenig Kindertagesstätten und die hohen Kosten für die Ausbildung der Kinder – verzichtet auf Nachwuchs oder begnügt sich mit einem oder zwei Kindern. Zur Entschärfung der demografischen Zeitbombe kann Japan vorläufig bestenfalls darauf hoffen, mehr Arbeitskraft und Konsum aus der älteren Bevölkerung herauszuquetschen.

Manche Ökonomen schlagen vor, die Messlatte für die Definition von „alt“ anzuheben. Wenn Unternehmen das Pflicht-Rentenalter bis 2020 auf 75 Jahre erhöhten, würde das Verhältnis von Rentnern zu erwerbstätigen Japanern unterhalb vertretbarer 20 Prozent bleiben, sagt Doktor Yashiro, Präsident des japanischen Zentrums für Wirtschaftsforschung.

Tomiya Isshiki hat kein Problem damit, so lange zu arbeiten, wie er dazu in der Lage ist. „Wenn man für jemand anderen tätig sein kann, gibt einem das ein Ziel“, sagt er. „Ich will leben wie ein Kreisel – mich so lange drehen, bis ich umfalle.“

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