Wirtschaft : Auftakt zu neuem Handelskonflikt

BERLIN (jhw).Europa bereitet sich auf einen neuen Handelskrieg vor: Der Dachverband der europäischen Stahlindustrie setzt sich gegen Billig-Anbieter zur Wehr.Er hat eine Anti-Dumping-Klage gegen die Einfuhr des wichtigen Schlüsselprodukts Warmbreitband-Stahl eingereicht.Damit will die Stahlindustrie Strafzölle durchsetzen.In den Vereinigten Staaten sind solche Zölle bereits eingeführt.Damit setzt sich die Welle des Protektionismus fort.

Warmbreitband ist das wichtigste Massenprodukt der Stahlbranche für die europäische Industrie.Aus ihr werden Flachstahl - unter anderem für die Auto- und Maschinenbau-Industrie und den Schiffbau - sowie Langstahl, beispielsweise für die Bauwirtschaft, hergestellt.Seit Einfuhren aus Bulgarien, Indien, Iran, Südafrika, Taiwan und Jugoslawien immer preiswerter wurden, wurde der Aufschrei der EU-Stahlfirmen immer lauter."Mit Hilfe gedumpter Preise unterboten diese sechs Länder das europäische Preisniveau um bis zu 30 Prozent", stellte die Wirtschaftsvereinigung Stahl in Düsseldorf am Dienstag fest.

Sie macht räuberisches Dumping der Konkurrenten verantwortlich für drastische Produktionseinbußen in europäischen Stahlwerken.Erst kürzlich kündigte Europas größter Flachstahlproduzent, die Thyssen-Krupp Stahl AG in Duisburg, wegen der Auftragsflaute für den Dezember erstmals wieder Kurzarbeit für bis zu 5000 Beschäftigte an.Weitere große deutsche Hersteller von Warmbreitband-Stahl sind die Salzgitter AG, Salzgitter, die Saarstahl AG, Völklingen, die Dillinger Hüttenwerke AG, Dillingen, und Ekostahl AG, Eisenhüttenstadt.

Wie die Wirtschaftsvereinigung weiter mitteilte, reichte der Dachverband der europäischen Stahlindustrie Ecofer bei der Europäischen Kommission Anti-Dumpingklagen gegen die Einfuhr von Warmbreitbandprodukten aus den genannten sechs Ländern aus Osteuropa, Asien und Afrika ein.Schon 60 Tage nach Verfahrenseröffnung könnten nach internationalem Handelsrecht vorläufige Anti-Dumpingzölle gegen die Länder verhängt werden.Nach einem Jahr müßte der Zoll endgültig festgelegt werden.

Die Stahlunternehmen werfen den Anbietern vor, das europäische Preisniveau ohne Rücksicht auf die eigenen Herstellungskosten gedrückt zu haben.Eine Sprecherin der Wirtschaftsvereinigung sagte, die Billig-Anbieter seien inzwischen mehr auf den europäischen Markt gegangen, seit nordamerikanische Konkurrenten sie mit einer Fülle von Dumping-Klagen überzogen hätten.Ende September haben die amerikanischen und kanadischen Produzenten Anti-Dumping-Klagen gegen Lieferanten aus Brasilien, Japan und Rußland angestrengt.

Die europäischen Erzeuger hätten dadurch Umsatzeinbußen von rund zwei Mrd.DM erlitten.Die europäische Stahlindustrie erwartet deshalb von der Europäischen Kommission nach eigener Aussage ein umgehendes Eingreifen, um weitere schwere Schäden durch die "unfaire Importpraxis" abzuwenden.Die Preise der Lieferungen verstoßen nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung gegen die Rechtsordnung der Welthandelsorganisation, die bestimmte Handelspraktiken vorschreibe.

Die Billiganbieter hätten ihre Lieferungen auf den europäischen Markt in diesem Jahr mehr als verdreifacht: Ihr Anteil am europäischen Warmbreitbandmarkt habe sich von fünf Prozent im vorigen Jahr auf jetzt 15 Prozent erhöht.Insgesamt umfaßt die EU-weite Warmbreitwand-Stahlproduktion etwa 76 Mill.Tonnen, was einem Wert von rund 20 Mrd.DM entspricht.

Ein Grund für die billigen Preise: Der Wechselkursverfall im Zuge der globalen Währungsturbulenzen hat die Ausfuhren der Krisenländer deutlich verbilligt.Das hat die Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Stahlanbieter drastisch verbessert - und die der europäischen Produzenten zugleich verschlechtert.Protektionismus halten viele für die richtige Reaktion - so umstritten die These vom räuberischen Dumping auch sein mag.Ökonomen haben nachgewiesen, daß mit dieser Strategie noch kein Anbieter erfolgreich war.

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