Wirtschaft : Ausbau zur BASF-Plattform für Osteuropa

MARTIN-W.BUCHENAU

Langer Atem in Schwarzheide zahlt sich aus / Bis 2002 weitere Investitionen von 500 Mill.DM / Seit zwei Jahren in der GewinnzoneVON MARTIN-W.BUCHENAU SCHWARZHEIDE.Die Zeiten, als man 50 Kilometer nördlich von Dresden das VEB Synthesewerk Schwarzheide riechen konnte, ehe es zu sehen war, sind längst Geschichte.Die BASF AG, Ludwigshafen, hatte vor acht Jahren das ehemalige Chemiekombinat von der Treuhand übernommen und seither am Standort 1,4 Mrd.DM einschließlich der öffentlichen Förderung in Höhe von 350 Mill.DM investiert.Herausgekommen ist dabei ein topmodernes Chemiewerk, das seit etwa zwei Jahren schwarze Zahlen schreibt.Dennoch benötigt die BASF für ihr Engagement in Schwarzheide einen langen Atem.Denn vor dem Erreichen der Gewinnzone sind Verluste von insgesamt rund einer Mrd.DM aufgelaufen. "Die BASF hat sich in Schwarzheide langfristig engagiert", weicht Hans-Ulrich Engel, seit acht Monaten neuer Geschäftsführer der BASF Schwarzheide GmbH, der Frage nach dem Zeitpunkt eines Ertrags auf das von dem Chemiekonzern investierte Geld aus."Wir werden aber 1997 ein noch besseres Ergebnis als 1996 vorlegen", zeigt sich Engel optimistisch.1996 hatte die BASF-Tochter bei einem Umsatz von 814 Mill.DM mit 21,8 Mill.DM erstmals ein positives Vorsteuerergebnis erzielt.Im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr sind die Umsätze im Branchentrend gestiegen, wie Engel sagt.Demnach dürfte für 1997 ein Umsatz von über 870 Mill.DM erwartet werden.Seit 1992 (281 Mill.DM) haben sich damit die Erlöse mehr als verdreifacht. Und das Wachstum soll sich durch kräftige Investitionen weiter erhöhen.Nach 115 Mill.DM im Jahr 1997 hat die BASF-Muttergesellschaft in Ludwigshafen ein Investitionspaket für die Tochter in Schwarzheide von 500 Mill.DM für die kommenden fünf Jahre genehmigt.Zwei Drittel der Summe werden bereits bis zum Jahr 2000 verbaut sein, so kündigt Engel an, der vor seinem Engagement in Schwarzheide Assistent von BASF-Boß Jürgen Strube war.Schwerpunkt des Investitionsprogramms ist die Verdopplung der Kapazität der TDI-Anlage auf 70 000 Tonnen.Dahinter steht die Vorstandsentscheidung der BASF-Zentrale, in Schwarzheide die TDI-Produktion für Europa zu konzentrieren.Schwarzheide hatte sich im BASF-internen Standortwettbewerb durchgesetzt.Dafür wird allerdings die MDI-Anlage, in der noch 60 Mitarbeiter beschäftigt sind, bis zum Jahr 2000 zu Gunsten des BASF-Werkes in Antwerpen geschlossen. Bei der Schließung der MDI-Anlage will Engel ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen.Zudem ist die Erweiterung der Produktion von Polyurethan-Systemen und eine neue Anlage für Graft-Polyetherole, die erste der BASF in Europa, geplant.Von den Erweiterungsinvestitionen würden aber nur geringe Beschäftigungseffekte ausgehen, sagt Engel.Derzeit sind in Schwarzheide insgesamt 2200 Mitarbeiter beschäftigt, nach noch über 4900 im Jahr der Übernahme 1990.Allerdings arbeiten etwa 700 ehemalige BASF-Beschäftigte in ausgegliederten nicht-chemietypischen Unternehmensbereichen, die sich als eigenständige Unternehmen inzwischen in Schwarzheide angesiedelt haben. Die BASF Schwarzheide GmbH unterhält mit 110 Beschäftigten eine Polyurethanforschung, für die jährlich elf Mill.DM aufgewendet werden.TDI und MDI sind Vorprodukte des Kunststoffs Polyurethan, der zum Beispiel bei elastischen Sohlen von Sportschuhen eingesetzt wird.Die Herstellung von Polyurethan ist mit einem Umsatzanteil von 55 Prozent das größte Standbein des Chemiewerks in Schwarzheide.Es folgen Pflanzenschutz (elf Prozent), Kunststoff (10 Prozent), Lacke (6 Prozent), Dispersion (5 Prozent) und sonstige Geschäftsbereiche wie Stromlieferung aus dem werkseigenen Kraftwerk und Servicedienste für externe Firmen. Als eines seiner Hauptziele hat sich Engel die Verbesserung des Standortmarketings gesetzt.Vor allem Hersteller von Vorprodukten und Weiterverarbeiter möchte Engel nach Schwarzheide locken.Bei den Vorprodukten ist das schon durch die Ansiedlung der Air Liquide gelungen, die technische Gase liefert.Seit Anfang 1997 produziert ein Joint Venture von BASF und General Electric Plastics in einer PBT-Anlage Kunststoffe für die Fahrzeug- und Elektroindustrie.Zudem haben sich mit Febra und Miwac zwei Weiterverarbeiter in Schwarzheide angesiedelt.Allerdings sucht Engel noch einen Chlorhersteller.Bisher muß das Vorprodukt noch auf dem Schienenweg ins Werk transportiert werden. Platz auf dem 230 Hektar großen Werksgelände gibt es noch genug.Vorteile des Standortes Schwarzheide sieht Engel in der modernen Infrastruktur, in den vergleichsweise günstigen Energiepreisen des werkseigenen Kraftwerks sowie der lückenlosen Entsorgung durch eine moderne Verbrennungsanlage und eine Kläranlage.Zudem gebe es ja noch Mittel aus der Förderung Ost.Strategisch will Engel Schwarzheide stärker auf Osteuropa ausrichten.Bislang liefere Schwarzheide noch 85 Prozent seiner Produkte nach Westeuropa.Das wird sich nach Engels Einschätzung ändern.Im Gegensatz zum Beginn der neunziger Jahre, als der Zusammenbruch der Ostmärkte den Absatzerwartungen der BASF Schwarzheide einen kräftigen Dämpfer versetzte, sei die Entwicklung jetzt stabil. Die gesamten Chemieexporte beispielsweise nach Polen hätten 1996 rund zwei Mrd.DM betragen.Im vergangenen Jahr wurde dieser Wert bereits nach den ersten neun Monaten erreicht.Das lasse eine Steigerungsrate von 25 Prozent bis 30 Prozent erwarten.Mit der geplanten Osterweiterung der EU liege Schwarzheide künftig im Zentrum des europäischen Marktes.Bei einer wachsenden Nachfrage aus Osteuropa gibt es in Schwarzheide vorerst keine Kapazitätsprobleme, da das Werk nach Engels Angaben insgesamt erst zu rund 80 Prozent ausgelastet ist.(HB)

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