Ausbildungsmarkt in Deutschland : Sorgen um morgen

Kurz vor Ausbildungsbeginn sind viele Lehrstellen unbesetzt. Auch in Berlin gibt es noch 6000 freie Plätze. Viele Betriebe finden keine geeigneten Kandidaten.

von und Philip Barnstorf
Einer von wenigen. Viele Bäcker haben Nachwuchsprobleme. Von denen, die es versuchen, halten zudem viele nicht durch.
Einer von wenigen. Viele Bäcker haben Nachwuchsprobleme. Von denen, die es versuchen, halten zudem viele nicht durch.Foto: picture alliance / dpa

Herbert Hainig hat Glück gehabt. Zwei Bäckerlehrlinge wollte er in diesem Jahr einstellen. Und genau zwei Bewerber haben sich auf seine Ausschreibung hin gemeldet. Weil es auf Anhieb passte, hat er beide Kandidaten genommen. Am 1. September fangen sie beim „Bäckermann“ in Friedenau an. Viele andere Betriebe werden dagegen leer ausgehen, weil sie keine geeigneten Kandidaten finden. „Die Suche wird schwieriger“, sagt Hainig.

Vor allem ostdeutsche Unternehmen suchen händeringend Nachwuchs

Obwohl das neue Ausbildungsjahr in wenigen Wochen beginnt, sind bundesweit noch immer 194 000 Lehrstellen unbesetzt, weiß die Bundesagentur für Arbeit (BA). Besonders groß ist die Not der Unternehmen in Ostdeutschland. Aber auch in Berlin warten viele Unternehmen noch auf ausbildungswilligen Nachwuchs. Von den knapp 13 000 Lehrstellen, die die Bundesagentur für Arbeit in der Hauptstadt auflistet, sind die Hälfte noch unbesetzt. 516 freie Ausbildungsplätze gibt es derzeit noch bei den hiesigen Handwerksbetrieben. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin meldet 1240 unbesetzte Stellen – viele davon im Einzelhandel oder im Hotel- und Gaststättengewerbe.

Aufstiegschancen im Betrieb sind bei jungen Leuten ein Pluspunkt

Der Wettbewerb um geeignete Kandidaten nimmt zu“, sagt Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Unternehmen müssten künftig mehr für sich werben. Sie könnten bei Interessenten zum Beispiel punkten, indem sie zeigten, welche Aufstiegschancen Bewerber im Betrieb hätten. Positiv käme es beim Nachwuchs aber auch an, wenn das Unternehmen ein duales Studium in Aussicht stellt. „So werden die Betriebe auch für wählerische Bewerber attraktiv“, sagt Eichhorst.

Körperliche anstrengende Berufe sind unbeliebt

Berufe, die körperlich anstrengend sind und gewöhnungsbedürftige Arbeitszeiten mit sich bringen, sinken derweil weiter in der Gunst der Schulabgänger. „Vier Mal in der Woche frühmorgens aufstehen und dann acht Stunden arbeiten – das passt vielen nicht“, sagt Bäckermeister Hainig. Außerdem habe die Branche einen schlechten Ruf. „Wenn du dumm bist, dann werd’ Bäcker“: Diesen Spruch hört der 61-Jährige öfter. Auch weil die Gehälter der Bäckerlehrlinge nicht gerade üppig sind: 520 Euro verdienen sie bei Hainig monatlich im ersten Ausbildungsjahr, im zweiten und dritten sind es 580 Euro.

Viele Auszubildenden ziehen ihre Lehre nicht bis zum Schluss durch

Außerdem halten viele ihre Lehre nicht bis zum Ende durch. Gut 30 Auszubildende hat der Bäckermeister in den vergangenen 15 Jahren beschäftigt – davon haben zehn vorzeitig gekündigt oder wurden entlassen. Den jungen Menschen fehlten oft Disziplin und Mathematikkenntnisse, sagt Hainig. „Viele sind auch nicht teamfähig, zu introvertiert oder lassen sich nichts sagen.“

In Zukunft geht es darum, Bewerber für eine Ausbildung zu qualifizieren

Langfristig können die Unternehmen es sich allerdings kaum noch leisten, wählerisch zu sein.  „Arbeitgeber müssen sich Gedanken machen, wie sie Bewerber qualifizieren können, die für sie nicht erste Wahl sind“, sagt Arbeitsforscher Eichhorst. Bereits jetzt bieten 40 Prozent der Betriebe laut einer Umfrage des Verbands „Die Familienunternehmer“ Nachhilfe für die Berufsschulen an. 20 Prozent geben ihren Lehrlingen im Unternehmen Mathematikunterricht.

Betriebe setzen nicht nur auf gute Schulnoten

Auch die Berliner Metallbauerin Gabriele Sawatzki schaut weniger auf die Noten im Zeugnis. Wichtiger sind ihr Zuverlässigkeit und Respekt. Deswegen nimmt sie in der Rixdorfer Schmiede nur Auszubildende, die schon ein Praktikum bei ihr gemacht haben. Wer danach bei ihr in die Lehre geht, lernt zum Beispiel, Kronleuchter zu schmieden oder historische Geländer zu reparieren. „Mir macht es Spaß zu sehen, wie jemand in diese Arbeit reinwächst“, sagt sie. Ab September will Sawatzki wieder zwei junge Menschen zu Metallbauern ausbilden. Einen Kandidaten hat sie sich schon ausgeguckt. Jetzt hofft sie, dass der junge Mann sich für die Ausbildung entscheidet. Für die andere Stelle haben sich zwei Frauen beworben. Das ist bei Sawatzki nicht ungewöhnlich. Acht der zehn Lehrlinge, die sie bereits ausgebildet hat, waren Frauen. Sie hätten es oft schwerer im Handwerk als Männer. Aber gerade in der Ausbildung von Frauen liege eine Chance, mehr Fachkräfte zu gewinnen.

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