Wirtschaft : Auslandsproduktion lohnt nicht immer

TOM WEINGÄRTNER

BERLIN .Daß es billiger ist, im Ausland zu produzieren, gilt in den Chefetagen deutscher Unternehmen inzwischen als Gemeinplatz.Besonders die Verbandsmanager der Industrie lassen keine Gelegenheit aus, dem Standort Deutschland eine düstere Zukunft vorherzusagen.Arbeitsintensive Branchen hätten wegen der hohen Lohnkosten in Deutschland keine Chance.Eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung für die Investitionsgüterindustrie zeigt, daß die Wirklichkeit komplexer ist.Nicht alle Unternehmen können ihre Kosten senken, wenn sie einen Teil oder auch ihre gesamte Produktion ins Ausland verlagern.Gut ein Viertel der deutschen Investitionsgüterhersteller hat in den letzten beiden Jahren Produktionsmöglichkeiten jenseits der deutschen Grenzen geschaffen oder dort bestehende Standorte ausgebaut.

Es ist nicht überraschend, daß dabei vor allem die großen Konzerne mit mehr als 500 Beschäftigten verstärkt auf das Ausland setzten, kleinere Mittelständler mit weniger als 100 Mitarbeitern waren nur zu 15 Prozent beteiligt.Die Tendenz ins Ausland zu gehen, war insgesamt stärker als von 1993 bis 1995.Allerdings konnten in der Folgezeit nicht alle Verlagerungspläne verwirklicht werden.32 Prozent der befragten Unternehmen hatten 1995 diese Absicht.Zwei Jahre später sind es nur noch 28 Prozent.Am Fraunhoferinstitut erkennt man darin die ersten Anzeichen einer Trendwende.Unterstrichen werde sie dadurch, daß inzwischen erste Rückbewegungen erkennbar seien.Vier Prozent der Firmen haben im Zeitraum 1995-97 vormals ausgelagerte Teile ihrer Produktion wieder nach Deutschland zurückgeholt.In den kommenden beiden Jahren planen das weitere drei Prozent.

Die niedrigen Personalkosten sind für 80 Prozent der Manager der Hauptgrund, im Ausland zu produzieren.Für die restlichen 20 Prozent gibt die Nähe zu ihren ausländischen Kunden den Ausschlag.Betriebe, die nicht nur aus Kostengründen im Ausland aufgebaut werden, haben meistens auch positive Rückwirkungen auf die Arbeitsplätze im Stammwerk.

Die Rechnung mit den Billiglöhnen im Ausland geht besonders für die kleinen Firmen nicht immer auf.Die Ursachen dafür zeigt ein Blick auf die Rückkehrer.Die meisten von ihnen geben an, daß sie an ihren ausländischen Standorten weder die gewohnte Qualität ihrer Produkte noch ihre pünktliche Lieferung gewährleisten können.Für gut ein Drittel wurden die Einsparungen, die sie bei den Lohnkosten erzielten, durch höheren Aufwand für die Koordination zwischen heimischer Basis und der Produktion in der Fremde wieder aufgezehrt.Geradezu ein Kompliment für den Standort Deutschland ist es, daß ein Fünftel der Rückkehrer angibt, auf die Nähe zu deutschen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen angewiesen zu sein.Es sind besonders die kleineren Unternehmen, die die Schwierigkeiten, die sie in anderen Ländern antreffen, unterschätzen.Der Aufwand, sie zu überwinden, und die neuen Betriebsstätten in die eigene Firma zu integrieren, fällt bei ihnen ebenfalls stärker ins Gewicht.

Sie büßen darüber hinaus ihren wichtigsten Wettbewerbsvorteil gegenüber den Großen ein: ihre hohe Flexibilität.Für viele Mittelständler, vermutet das Fraunhofer-Institut, gibt es aber Alternativen zur Produktionsverlagerung in das Ausland, um mit den Herausforderungen der Globalisierung fertig zu werden.So haben die Wissenschaftler des Instituts herausgefunden, daß Betriebe mit einem internationalen Absatz und einer regionalen Beschaffungsstrategie sogar eine leicht höhere Produktivität erreichen als die sogenannten "global player", die auch auf dem Weltmarkt einkaufen.Die weltweit operierenden Unternehmen erwirtschaften einen Umsatz von 137 000 DM pro Beschäftigtem.Die Firmen, die vorwiegend die Ressourcen ihrer Heimatregion einsetzen, ihre Produkte dagegen weltweit absetzen, bringen es auf 140 000 DM.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben