Autobranche : Motoren und Massagen

Deutsche Autobauer umgarnen chinesische Kunden mit Wellness – der Absatz steigt. Auf der „Auto China“ aber glänzen die Asiaten.

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Chinesen wollen massiert werden, bevor sie ein neues Auto kaufen. BMW-Händler in Peking haben deshalb in ihren Verkaufsräumen Séparées für die anspruchsvolle Kundschaft eingerichtet. Dort werden nicht nur verspannte Nackenmuskeln traktiert, es kann auch geduscht werden. Und wer von der mitunter langen Anreise aus der Vorstadt zu erschöpft ist für eine Probefahrt, der kann bei vielen der 150 chinesischen BMW-Händler auch ein Nickerchen machen.

„Das ist Premium-Erfahrung auf chinesische Art“, sagt Ian Robertson, BMW-Vorstand für Vertrieb und Marketing. Premium – das hat in Peking und anderen Metropolen Chinas wieder einen guten Klang. Nach den massiven Absatz- und Gewinneinbrüchen des Krisenjahres 2009 finden die deutschen Luxushersteller BMW, Audi und Mercedes auf dem chinesischen Automarkt zu ihrem Selbstbewusstsein zurück. Auf der am Freitag in Peking eröffneten Branchenschau Auto China, die im jährlichen Wechsel mit der Automesse Schanghai stattfindet, lässt es sich noch bis zum 2. Mai besichtigen.

Die Deutschen sind mit beeindruckenden Zahlen nach Peking gekommen. Nach Absatzsprüngen im vergangenen Jahr konnten sie Anfang 2010 weiter sportlich zulegen. So hat BMW im ersten Quartal 2010 gut 34 000 BMW und Mini in China verkauft – ein Plus von 106 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Audi kam auf mehr als 51 000 Fahrzeuge (plus 77 Prozent). Mercedes setzte gut 24 000 Autos ab, 105 Prozent mehr. Dynamischer als alle anderen Automärkte der Welt hat sich China motorisiert. Und immer noch gibt es viel, viel Spielraum für weiteres automobiles Wachstum. Gerade mal 20 von 1000 Chinesen besitzen ein Auto, in den USA liegt das Verhältnis bei fast 700 zu 1000. Dass es nur eine kleine, schnell zu Wohlstand gekommenen Oberschicht ist, die sich eine Luxuskarosse aus deutscher Produktion leisten kann, stört die Hersteller nicht. Denn jeden Tag kommen ein paar Millionäre hinzu. Schon heute liegt ihre Zahl offiziell bei gut 300 000.

Die Reverenzen an die chinesische Premiumkundschaft erschöpfen sich dabei nicht in Massage- und Nasszellen. Chinesen, die es zu etwas gebracht haben, fahren nicht mehr selbst, sie lassen sich chauffieren. Extralange XL-Limousinen sind deshalb der Renner. Nirgendwo auf der Welt werden mehr Mercedes S-Klasse oder 7er BMW verkauft. Mercedes präsentiert auf der Auto China die um 14 Zentimeter verlängerte Version der E-Klasse, die im Werk in Peking hergestellt wird. BMW zeigt den neuen, langen 5er; produziert wird er im BMW-Werk in Shenyang. Audi fährt auf der Pekinger Messe mit dem A8 in der XL-Variante vor, der dem überarbeiteten Phaeton des Mutterkonzerns VW die Show stiehlt.

„Erfolgreich ist nur, wer sich mit den kulturellen Eigenarten und den besonderen Erwartungen der Kunden in China auskennt“, sagt Ulrich Walker, Nordostasien-Chef bei Daimler. In Sachen Entertainment macht Mercedes dabei auf der Auto China die bessere Figur. Formel-1-Star Mika Häkkinen und eine US-Sängerin begleiten die Präsentation von Daimler-Chef Dieter Zetsche, der allerdings darüber hinaus wenig Überraschendes zu bieten hat. Der Messestand ist trotzdem rappelvoll. Das Durchschnittsalter des Publikums: knapp 20. Deutlich jünger als in Europa ist auch die zahlende Premiumkundschaft in China. Ein BMW-Erstkäufer ist nach Angaben des Herstellers im Schnitt 36, ein Mini-Kunde drei Jahre jünger. „In Deutschland sind unsere Erstkunden meist über 40“, sagt Marketingvorstand Robertson. Auch hier also: Spielraum für Geschäfte. Obwohl ein Topmodell der deutschen Hersteller wegen der hohen chinesischen Einfuhrzölle nicht selten 200 000 Euro und mehr kostet, steigen Chinesen, die es sich leisten können, beim Kauf ihres allerersten Autos gleich in der Premiumklasse ein. „Und danach sind die Erwartungen an Qualität und Service entsprechend hoch“, weiß man bei BMW.

Das ist bei den chinesischen Konkurrenten der deutschen Autokonzerne naturgemäß anders. Erfahrungen im Autobau haben sie nicht. Aber die Messeauftritte in Peking lassen keinen Zweifel aufkommen, dass die vielen, in Europa und Deutschland noch unbekannten Autohersteller sehr schnell sehr viel gelernt haben. 2100 Hersteller und Zulieferer aus 16 Ländern zeigen auf der Auto China insgesamt 990 Fahrzeuge. Für die meisten der erwarteten 700 000 Messebesucher sind die heimischen Marken ein Begriff. Auf dem Weltmarkt haben sich nur ein paar inzwischen einen Namen gemacht. Voran der Batteriehersteller BYD („Build your dreams“), der Kooperationen mit VW und Daimler eingegangen ist. Das freilich merkt man den Autos aus eigener Fertigung noch nicht an. Das ausgestellte feuerrote BYD-Cabrio „S8“ ist zum Beispiel ein kurioser Design-Mix aus alter E-Klasse und Peugeot 308, die Türen des nebenan gezeigten Fahrzeugs schließen nicht richtig, alles wirkt trotz Lack und Chrom ein wenig windschief zusammengeschraubt. Und dennoch: BYD zeigt, was möglich ist, wenn ein früherer Akkuproduzent – staatlich gefördert – hoch hinaus will auf dem globalen Automarkt. BYD-Gründer Wang Chuanfu hat angekündigt, schon im laufenden Jahr ein eigenes E-Auto auf den US-Markt zu bringen.

Das sind angesichts der Investitions- und Marketingoffensive der deutschen Automarken starke Sprüche. Doch überholen will Wang Chuanfu Daimler & Co. auch gar nicht in ihren Kerngeschäften. BYD will auf dem Markt für Elektroautos an den etablierten Herstellern vorbeiziehen. Und hier machen die Deutschen in Peking tatsächlich keinen besonders dynamischen Eindruck. Gezeigt werden Kleinserien, Hybride (Mercedes S-Klasse, BMW X6 und 7er) und Studien (Audis E-tron, BMW Concept ActiveE), die auch schon auf anderen Messen zu sehen waren. Es bleibt bei Ankündigungen: BMW will sein elektrisches „Megacity Vehicle“ nun schon 2013 auf den Markt bringen, VW – ebenfalls ab 2013 mit Batterieautos am Start – zeigt in Peking eine Elektroversion des China-Modells Lavida, das auf dem Golf basiert. „Als einer der ersten Hersteller haben wir den Trend zur Elektromobilität erkannt und gehandelt“, sagt BMW-Chef Norbert Reithofer. Wenn es auch nicht gelogen ist, so klingt es hier, in Peking, umzingelt von asiatischen Hybrid- und Elektrofahrzeugen, zumindest ziemlich defensiv.

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