Autoindustrie : Fiat pokert doppelt

Nach der Opel-Offerte reist Konzernchef Marchionne in die USA, um mit Chrysler zu verhandeln

Walter Pfaeffle
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New York - Ein US-Regierungsbeamter bringt es auf den Punkt: Bei derartigen Verhandlungen sei alles Spekulation – so lange, bis ein Deal erreicht sei. Der im „Wall Street Journal“ zitierte Beamte meint die Verhandlungen zwischen Chrysler und Fiat über eine mögliche Allianz. Ob und wann es so weit ist, wagt niemand zu sagen. Die US-Regierung, die Chrysler mit einer Finanzspritze von vier Milliarden Dollar am Leben erhalten hat, hält sich ebenfalls alle Optionen offen.

Ebenso Fiat-Chef Sergio Marchionne. Er ist gerade wieder in die USA gereist, um die Allianz mit Chrysler unter Dach und Fach zu bringen. Zuvor hat der in den Abruzzen geborene Italiener mit dem kanadischen Pass in Europa mit einigen Äußerungen zur Gerüchteküche um Fiat und Opel alles in der Schwebe gehalten. „Zunächst Chrysler, und erst danach werden wir andere Möglichkeiten begutachten“, zitiert ihn die italienische Presse.

Chrysler könnte schon nächste Woche einen Insolvenzantrag stellen, wie es in den USA heißt. Die zuständige Arbeitsgruppe der Regierung hat dem Konzern bis 1. Mai eine Frist gesetzt. Bis dahin muss sich Chrysler mit den Gläubigern, denen der Hersteller sieben Milliarden Dollar schuldet, und den Gewerkschaften auf einem Sparplan geeinigt haben.

Fiat schreckt das nicht ab. Wenn eine Einigung mit allen Gläubigern zustande komme, sei die Pleite vermeidbar und der Einstieg der Italiener perfekt. Was Finanzbedürfnisse angeht, so hat Fiat, bevor man sich womöglich Opel zuwendet, keine Bauchschmerzen. „Ich will absolut klar sein“, bekräftigte Marchionne in Sachen Chrysler, „wir werden keinen Dollar ausgeben, weder heute noch in der Zukunft.“ Denn die Italiener wollen sich ein Stück vom amerikanischen Kuchen holen, indem sie ihre Technologie einbringen und dafür einen Kapitalanteil erhalten. Mit einer Option, die Spielraum für später lässt. Chrysler sieht das anders. Ohne ein Insolvenzverfahren werde die Allianz mit Fiat scheitern, auch wenn sich Regierung und Gläubiger einig seien, sagte Chrysler-Finanzchef Ron Kolka laut „Wall Street Journal“. Fiat wolle sich bei Chrysler nur die Rosinen herauspicken – und das ermögliche das US-Konkursrecht.

Entscheidender als die Gefechtslage bei Chrysler ist Beobachtern zufolge aber, wie erfolgreich der Vorstoß bei Opel ist. Eine mögliche Verknüpfung zwischen Fiat und dem angeschlagenen US-Branchenprimus General Motors über dessen Tochter Opel würde die Tür zu einem globalen Umbau der Autoindustrie öffnen, die weit über die ursprünglichen Vorstellungen der Obama-Regierung hinausginge, die vor allem die drei großen US-Hersteller betrifft.

Am Freitag überwies die US-Regierung General Motors allerdings weitere zwei Milliarden Dollar. Mit dem Geld soll der Autobauer während seiner andauernden Bemühungen um eine grundlegende Neustrukturierung über Wasser gehalten werden. Das Finanzministerium hat dem Unternehmen eine Frist bis Anfang Juni gesetzt, sich zu entschulden und ein überzeugendes Konzept für eine langfristige Überlebensfähigkeit vorzulegen. Andernfalls droht ein Insolvenzverfahren.

Die Konsolidierung des globalen Autogeschäfts ist überfällig. Seit Jahren kämpfen die Konzerne mit Überkapazitäten und sinkender Nachfrage. Dies hat einen scharfen Preiswettbewerb ausgelöst, der die Gewinne drückt. Die Rettungsmaßnahmen der US-Regierung haben Arbeitsplätze geschützt – an den Überkapazitäten hat sich wenig geändert. Versuche, GM/Opel und Chrysler womöglich in Verbindung mit Fiat umzubauen, wären indes mit erheblichen Risiken verbunden. Experten verweisen auf das gescheiterte Daimler-Chrysler-Experiment. Die Skepsis in Washington ist beim Thema Megafusionen ohnehin groß. Auch von einem Zusammenschluss von Chrysler und GM hält man nichts. Es sei sinnlos, zwei Firmen zu fusionieren, die unter denselben Problemen litten, zitiert das „Wall Street Journal“ einen Mitarbeiter von Steven Rattner, der in der Regierung die Sanierungspläne überwacht. mit dpa

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